Merkel ist nicht unempathisch, sie ist unehrlich

Am Anfang war es nur ein ganz normaler Termin in einer ganz normalen PR-Kampagne der Bundesregierung, in der ihr Zugpferd, Angela Merkel, einmal mehr Plattitüden in Fernsehkameras sagen durfte. Doch am 16.7.2015 eintgleitet die Situation der Kanzlerin plötzlich und ein kleines Mädchen weint vor laufender Kamera.

Die Geschichte ist hinreichend erzählt. In weiten Teilen des Internets ärgert man sich nun, Merkel sei „unempathisch“ mit der kleinen Reem umgegangen. In der Tat: Die tröstenden Worte, die Merkel findet, lauten „Du hast das doch prima gemacht„, dabei sind Selbstzweifel sicher nicht der Grund für die Tränen jungen Libanesin. Das kann man unempathisch nennen. Andererseits muss man sich schon fragen, welchen Trost man selbst hätte spenden können.

Der eigentliche Aufreger hätte aber sein müssen, dass es höchst unaufrichtig von Merkel ist, so zu tun, als habe sie überhaupt nichts mit der Situation zu tun, in der Reem sich befindet.

Wenn es gelingt, Angela Merkel zu zwingen, Position zu beziehen, gerät sie ins schlingern. Die in allen vergangenen Wahlen erfolgreiche Strategie, sich inhaltlich nicht festzulegen, damit auch unbequeme und hässliche Apekte ihrer Politik nicht auf sie abstrahlen, kann nur gebrochen werden, indem man es schafft, die Kanzlerin auf einen ihrer konservativen Werte festzunageln.
Dies gelang gestern erneut.
Die CDU stand 2014 dafür, homosexuelle Paare gegen über heterosexuellen schlechter zu stellen. Merkel wand sich damals sehr, dies öffentlich einzugestehen, und sie steht heute für verschärfte Abschieberegelungen und strengere Asylgesetze – im Angesicht allgegenwärtiger Bilder von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen wie auch weinender Schülerinnen. Die CDU ist stärkste Kraft im Bund und Merkel ist ihre Vorsitzende, und als Bundeskanzlerin trägt sie auch noch höchste Regierungsverantwortung. Wenn es irgend eine Einzelperson in diesem Land gibt, die an den Ursachen für Reems Tränen etwas hätte ändern können, dann sie. Stattdessen laviert sie herum und versucht sich an Verantwortungsdiffusion; Reem wisse ja selbst, dass noch Tausende und Tausende in Flüchltingslagern lebten, und sie entschuldigt sich, Politik sei manchmal hart – dabei hat sie selbst diese Härte (mit-)zu verantworten.

Reem ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration: Perfektes Deutsch, wahrscheinlich hinreichend gute Noten, und niedlich ist sie noch obendrein. Die Debatte sähe sicher anders aus, hätte auf der Bank ein latent straffälliger Jugendlicher aus einem Berliner Ghetto gesessen. Dennoch:
Die Politik, die Angela Merkels CDU bestimmt, erzeugt solche Fälle in nicht zu beziffernder Anzahl. Mit einem von ihnen Angesicht zu Angesicht konfrontiert, ist Merkel im Rahmen ihrer bewährten Teflontaktik gezwungen, so zu tun, als sei sie kein Teil der Strukturen, die Reem mit ihrer Familie jederzeit in ihre Heimat abschieben könnten.

Wäre Merkel ehrlich, hätte sie etwas sagen müssen wie „Wir werden auch weiterhin tausende von Einwanderern wie Dich abschieben. Egal, wie viele Herzen das bricht.“
Oder eben zu versprechen, es in Zukunft nicht mehr zu tun. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Selbstzweck. Weil es menschlich wäre.

Ein Diskussionsangebot an Mario Sixtus bzgl. Nacktscannern

Am 5.6.2015 entspann sich eine kleine Debatte bei Twitter, ausgelöst durch einen Tweet von Torsten Grote, woraufhin Mario Sixtus den Begriff Nacktscanner als Neusprech bezeichnete.

Das ging ein bisschen hin und her, und da Twitter nicht die beste aller möglichen Welten für gehaltvolle Debatten ist (obwohl das mit Sixtus gut gelingen kann, wie man an unserem Verlauf sieht), möchte ich diese Plattform nutzen, um meine Position etwas ausführlicher darzulegen und Mario Sixtus wie auch alle anderen Beteiligten aufrufen, hierauf in irgendeiner Weise, wenn möglich länger als 140 Zeichen, zu reagieren.

Soweit ich das überblicke, sieht Sixtus das etwa wie folgt:
Der Begriff Nacktscanner ist ein von der Bild-Zeitung geschaffener Neologismus, der dramatisieren soll, dass zwar eine Maschine den Menschen auf die Haut guckt, der sie bedienende Mensch aber nur eine Strichmännchenrepräsentation davon sieht. Darüber hinaus findet seiner Meinung nach vor allem Datenschutzhysterie statt.

Dazu möchte ich ein paar Dinge loswerden. Ich gliedere sie mal ein wenig, damit leichter darüber diskutiert werden kann. Teile dessen stehen schon bei Twitter, andere Dinge sind neu.

1. Schon, weil sich die Bild das Wort Nacktscanner ausgedacht hat, sollte man den Ausdruck nicht verwenden

Ich unterschreibe jederzeit das Zitat von Max Goldt zu diesem presseähnlichen Druckerzeugnis mit Onlineableger. Doch das Pendant Körperscanner stammt, wenn ich mich nicht irre, von den Herstellern der Geräte und unseren sogenannten Sicherheitsbehörden, die diese um jeden Preis einführen möchten. Deren Sprachregelungen sollte man nach meinem Ermessen noch sehr viel weniger übernehmen.
Wenn man schon der Bild eine Agenda unterstellen kann, so kann man es den Begründern des Wortes Körperscanner erst recht.

2. Das Wort Nacktscanner ist ungenau, weil es keine Nacktbilder, sondern Strichmännchen zeigt

Das Ziel dahinter, Menschen mit Terahertzkameras zu fotografieren, ist, versteckte Gegenstände unter deren Kleidung zu sehen. Dafür ist es nützlich, dass die sie verdeckende Kleidung auf den so erstellten Bildern nicht sichtbar ist. Unbestreitbar entsteht im Vorgang eines solchen „Körperscans“ also etwas, das einem Nacktbild nahe kommt. Und so, wie für die LKW-Maut nicht nur die Kennzeichen der LKWs auf der Autobahn fotografiert werden, sondern sämtliche passierende Fahrzeuge, müssen auch in diesem Vorgang aktiv Daten verworfen werden, um die Verhältnismäßigkeit auch nur im Ansatz zu wahren.
Nun wissen wir aber alle, dass Datenerhebungen immer Begehrlichkeiten wecken, die einmal eingerichtete Infrastruktur gern mit dem üblichen Vokabular für immer weitergehende Überwachungstätigkeiten nutzen möchten. Das führt direkt zum nächsten Punkt:

3. Wenn der BND etwas haben will, dann kriegt er es auch.

In meinen Augen verstärkt dies die Dramatik der Angelegenheit noch. Einerseits macht es zwar klar, dass das eigentliche Problem überbordende Geheimdienststrukturen sind und nicht die Vielzahl an persönlichen Daten, die wir produzieren. Andererseits muss man sich klarmachen, dass der Zugriff durch Dritte keinesfalls auf die Strichmännchendarstellungen beschränkt ist: Solange wir uns Organisationen leisten, die ganz offiziell Abhörleitungen bei Email- und Internetprovidern liegen haben, müssen wir davon ausgehen, dass diese die zweifellos vorhandenen Superuserzugänge zu den Scannern bekommen, wenn sie es möchten, und dass ein Vertrauen darauf, dass nämliche Geräte ihre Rohdaten ordnungsgemäß nach jedem Durchgang sicher löschen, nur mit Naivität erklärt werden kann.
Wenn Geheimdienstmitarbeiter unbeobachtet private Daten anderer betrachten dürfen, tun sie dies nachweislich auch. Selbst einer der bekanntesten Post-Privacy-Befürworter der Nation, Michael Seemann, bekennt sich spätestens seit Snowden meines Wissens nach dazu, dass in dieser Welt leider nicht jede persönliche Information unproblematisch ist. Das ist eine Welt, in der wir alle gern leben würden, aber das tun wir nicht.

4. Soll mich doch nackt sehen wer will

Das geht zwar von der Debatte um den Begriff weg, aber dennoch: Man muss kein Problem damit haben, nackt fotografiert zu werden. Das sollte man aber nicht verallgemeinern; ich kann mir etwa gut vorstellen, dass nicht nur, aber auch, brustamputierte Krebspatientinnen nicht scharf drauf sind, die unfreiwillige, bildgebende Auskunft über diesen Umstand zur Vorbedingung dafür zu machen, ein Flugzeug betreten zu dürfen. (Implantate, Prothesen oder Imtimschmuck werden von den Scannern gern für gefährliche Gegenstände gehalten und ziehen irritierende Kontrollen nach sich) Auch Prominente sehen das teilweise sicher anders als Mario Sixtus, und ich weiß auch nicht, welches Gefühl mich beschliche, müsste ich Kinder mit durch eine dieser Kontrolle nehmen.

5. Kritik an Nacktscannern ist technikfeindlich

Es gibt sicherlich Heerscharen an Technikfeinden und Fortschrittsverweigerern, die sich gegen Nacktscanner sträuben. Dieser Umstand sollte aber nicht dazu verführen, den Umkehrschluss ziehen und jeden Kritiker der Scanner für ewig gestrig zu erklären. Auch sehr technophile Menschen fühlen sich bei dem Gedanken an diese Scanner nicht wohl. Man kann schon deshalb gegen die Scanner sein, weil sie das Sicherheitstheater um einen anscheinend recht wirkungsarmen Akt bereichern.

Es bleibt zu sagen: Gerade im Vergleich mit dem Wort Nacktscanner ist Körperscanner der Propagandabegriff, der Euphemismus. Für das Gerät, den Scanner, sind die Personen, die er fotografiert, nackt, und dafür ist es egal, was der Angestellte an den Knöpfen davon zu sehen bekommt. Dass die Maschine den Menschen nackt „sieht“, ist die notwendige, dass das Display nur ein Strichmännchen zeigt, die hinreichende Bedingung.
Sprache ist im Idealfall so neutral und so eindeutig wie möglich; technisch neutral wäre der sperrige Ausdruck Terahertzscanner, und in Anbetracht des Vorangegangenen ist festzustellen, dass Körperscanner ein Euphemismus bleibt, der die Kernfunktion des Gerätes verschleiert, nämlich einem Menschen mit durch die Kleidung zu schauen. Bei einer Leibesvisitation hat sich die zu kontrollierende Person zu entkleiden, und niemand käme beim einem solchen Anblick auf die Idee zu sagen „Ich kann Ihren Körper sehen“, man sagt schlicht „Sie sind nackt“.

Wenn da draußen nicht sackweise Geheimdienste, Unternehmen und Einzelpersonen nach Daten mit Schadenspotential für uns suchen, oder, optimistischer formuliert, Daten über uns ungeachtet unserer Zustimmung sammeln, dann hätte ich auch kein Problem damit, dass schon mein Smartphone meinen kompletten Lebenswandel offenbart – bis dahin möchte aber womöglich doch der eine oder andere selbst entscheiden dürfen, vor wem er sich auszieht, und bis dahin bleibt das Wort Körperscanner eine große Verharmlosung, und Nacktscanner ist gerade groß genug, um einer skandalmüden Öffentlichkeit die Problematik solcher Geräte nicht zu verheimlichen.

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Kein Fashionblog! Ein Haustierblog der sich gewaschen hat. In Wurstwasser

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Ich verfolge eine eiserne Kleiderschrankregel von der eisernen Kleiderschrankjungfrau höchstpersönlich verifiziert: jedes Kleidungsstück, was in den letzten zwei Jahren nicht von mir getragen wurde, wird unverzüglich auf eBay verkauft. Keine Gnade. In Hamburg sagt man Tschüß!!

Gleiches gilt natürlich für Schuhe und Handtaschen – der Gleichberechtigung halber.Glückliche Wurst in Hamburg

Letzte Woche stellte ich ein Cocktail Kleid bei eBay zum Verkauf rein. Ein tolles Kleid. Asymetrisch geschnitten, blau, mit Volants am Träger, geeignet für Party und festliche Anläße gleichermaßen, Gr. XS. Und absolut ungetragen. Gekauft in einem Anfall von Optimismus in einem Einkaufszentrum in Südkalifornien Anno 2012. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch niemals eine Cocktailparty besucht, konnte aber nicht wissen, dass es ich es auch nie tun würde. Nie nie NIEEEEEEEE.

Also musste das Kleid gehen; drei Kanonschüsse, die Nationalhymne gespielt und schon stand es zum Verkauf. Kurz darauf gekennzeichnet durch eine offene Frage. Das kommt vor bei eBay.

Sonnenblume_1985 (Name von…

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Mit Popper gegen Pegida

Man hört nur zu oft die Bemerkung, daß totalitäre Maßnahmen in der einen oder der anderen Form unvermeidlich sind. Zahlreiche Autoren, die man auf Grund ihrer Intelligenz und ihrer Ausbildung als für ihre Aussprüche verantwortlich halten sollte, kündigen an, daß es keinen Ausweg aus dieser Situation gebe; sie fragen uns, ob wir wirklich naiv genug seien, anzunehmen, daß die Demokratie eine dauernde Einrichtung bleiben könne; ob wir nicht sähen, daß sie nur eine der vielen Regierungsformen darstellt, die im Verlaufe der Geschichte kommen und gehen. Sie gebrauchen das Argument, daß die Demokratie, wenn sie totalitäre Methoden bekämpfen will, zu ihrer Nachahmung gezwungen werde und daß sie auf diese Weise selbst totalitär werden müsse. Oder sie behaupten, daß unser industrielles Gesellschaftssystem nicht fortbestehen könne, wenn wir nicht zu kollektivistischen Planungsmethoden greifen; und aus der Unvermeidbarkeit eines kollektivistischen ökonomischen Systems schließen sie auf die Unvermeidbarkeit totalitärer Formen des sozialen Lebens.

Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Teil 1, Seite 30

Man ersetze das im Eindruck des kalten Krieges entstandene Beispiel der Industriegesellschaft vs. Planwirtschaft nur einmal durch freiheitliche Gesellschaft vs. muslimischer Gottesstaat, und es wirkt, als habe sogar schon Karl Raimund Popper Pegida vorhergesehen mit all ihren Forderungen nach mehr totalitären Maßnahmen.
Eine andere Lehre, die man daraus ziehen kann, dass ein Text von 1945 heute noch aktuell wie nie ist: Solche Bewegungen gibt es immer, und der Ball liegt heute mal wieder in der Hälfte derer, die Freiheit und Menschlichkeit um ihrer selbst Willen in Ehren halten.
Verehrte Freunde: Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen. Dieser Tage mehr denn je in den letzten Jahren. Lasst andere erkennen, dass ihr euch nicht gemein macht mit Menschen, die auf der Straße u.a. danach schreien, Flüchtlinge aus Gebieten, die von unseren Kriegen zerstört wurden, abzuweisen, andere Religionen als ihre eigene hierzulande zu verbieten und Europa zu einer noch größeren Festung zu machen, als es das ohnehin schon ist.

Geht demonstrieren, mischt euch ein, lasst Unsinn nicht unwidersprochen stehen! Eine Stimmung wie die heutige hat selten dazu geführt, irgendetwas besser zu machen.
Und nehmt nicht hin, dass euer Name unter rechte und neurechte Sprüche geschrieben wird.

Ein kleiner Aufsatz über Freiheit und Verantwortung

Freiheit bringt Verantwortung. Wenn ich keine Wahl habe, kann ich für das, was ich tue, nicht verurteilt werden. Vgl.: „Ich hatte keine Wahl!“
Verantwortung bringt Freiheit. Die Freiheit nämlich, sich auch für die Option entscheiden zu können, für die man hinterher die Verantwortung übernehmen muss.
Sich für das eine zu entscheiden, heißt, das andere, oder alles andere, nicht zu tun. Und eine Entscheidung, die keine wahrnehmbaren Konsequenzen tätigt, ist willkürlich.

Nun gibt es Dinge, die letztendlich nur mich selbst betreffen. Ob ich ein blaues oder ein rotes Shirt trage, geht nur mich etwas an. Im ganz engen Rahmen: Ob ich lieber Ananas oder Orangen mag, lieber Metal oder HipHop höre, oder lieber SciFi, Fantasy, Sachbücher oder Krimis lese. Schon bei der Frage, ob ich mich bilde, fangen aber die Folgen für meine Umwelt an, solange ich diese Bildung nicht ungenutzt ablege.
Hiermit ist selbstverständlich nicht die Form von Bildung gemeint, die mich bei Quizduell und Wer wird Millionär gut aussehen lässt, sondern die, die mich in die Lage versetzt, Aussagen über Statistiken bewerten oder Ideologien als solche zu erkennen zu können. Tatsächlich erhöht diese Form der Bildung den sozialen, intellektuellen Freiheitsgrad: Ich kann z.B. der Aussage eines Zeitungsartikels folgen, oder es nicht tun, weil ich dank meiner Bildung ein Argumentationsmuster entdecke, das zu Schlüssen führt, die ich nicht teile. In jedem Fall kann Bildung mein Denken und deswegen auch mein Handeln beeinflussen.
Sobald meine, aus einem gebildeteren Standpunkt heraus getroffenen, Entscheidungen meine Umwelt betreffen, indem ich womöglich eine andere Partei wähle, oder ich, noch naheliegender, in einer Diskussion mit anderen einen neuen Standpunkt vertrete, muss ich aber Verantwortung für sie übernehmen – auch im kleinen Rahmen. Für eine Bewegung einzutreten und sich hinterher von dem freizusprechen, was diese verursacht hat, ist nur glaubwürdig, wenn ich nachweislich zum Zeitpunkt der Entscheidung von diesen Folgen nichts wissen konnte.
Öffentlich einzugestehen, dass ich mich aus diesem oder jenen Grund geirrt habe, macht mich selbst allerdings glaubwürdiger, da ich so deutlich mache, dass mir Wahrheit und Fortschritt im Diskurs wichtiger sind, als stets bloß „recht“ gehabt zu haben. Hieran erkennt man auch Ideologen: Meine Ideologie kann nicht falsch sein, die Betrachtungen aller anderen, die diese anzweifeln, müssen also in einen anderen Kontext gestellt werden, der diese in meine Ideologie einordnet: Wenn die Mondlandung eine Fälschung war, dann muss auch jedes Foto der Austronauten auf der Mondoberfläche gefälscht sein, und wer es verbreitet, ist entweder wissentlich oder unwissentlich ein Agitator derjenigen, deren Lüge ich dekonstruieren muss.

Unser Gesetze kodifizieren einen Großteil unserer Vorstellungen davon, wo die Freiheit des einzelnen endet, selbst wenn er bereit wäre, die naturgegebenen Konsequenzen dafür zu übernehmen: Gewalt, körperlich oder psychologisch, ist in größten Teilen strafbewehrt. Hier ist sich die Gesellschaft sozusagen einig, dass diese Handlungen nicht vertretbar sind. Man entzieht die Entscheidung, ob ich jemand anderem die Nase breche, also der Menge an Entscheidungen, bei denen ich abwägen können soll, ob ich es unterlasse oder mit den Konsequenzen leben möchte, bzw. setzt hier für mich Konsequenzen ein, von denen man ausgeht, dass ich nicht bereit bin, sie zu tragen. Dass dies in Einzelfällen nicht funktioniert, ist oft durch eine andere Unfreiheit bedingt: Ein Mensch mit Verhaltensstörungen z.B. unterliegt beim Bewerten, ob es OK ist, jemanden zu verletzen, nicht denselben Bewertungsgrundlagen wie wie nicht verhaltensgestörte Menschen und kann daher nicht zur selben Entscheidung kommen wie die Gesellschaft.
Begründet wird die Bestrafung von Gewalt vor allem mit dem Recht des Individuums auf Unversehrtheit, das man also als Abwehrrecht gegen die Freiheit anderer verstehen könnte, was wohl meist von Kant abgeleitet wird, um es frei von individuellen Wertvorstellungen zu halten. Weit verbreitet ist die Sicht auf die Begriffe Ethik und Moral, nach der Ethik etwas sei, was von innen, aus mir selbst heraus kommt, „Ich finde, dass…“, wohingegen Moral von außen kommt, „Du sollst…!“.
Griffiger und diskursdienlicher finde ich die Definition des Begriffspaares aus der modernen Philosophie, in der Ethik Entscheidungen bezeichnet, die nur das Individuum betreffen, wie die eingangs erwähnte T-Shirt-Farbe, und Moral alle Überzeugungen bezeichnet, von denen man findet, dass sie verallgemeinerbar sind – vor allem aber, dass Moral immer „intersubjektiv“ ist, also zwangsläufig von Moral gesprochen werden muss, wenn es um mehr als nur mich selbst geht.
Ethische Entscheidungen sind daher vollständig mir selbst überlassen (wobei darüber diskutiert werden kann, wo die Wirkung auf andere beginnt – „Man kann nicht nicht kommunizieren“, „Das Private ist politisch“), moralische Ansichten müssen diskutiert werden können.

Nun kann ich unmöglich immer die volle Verantwortung für alle meine Taten tragen. Unsere Welt ist komplex, und in der Wirklichkeit habe ich nicht die Zeit, mir über alle Konsequenzen meines Handelns Gedanken zu machen.

Man kann mich nicht verantwortlich dafür machen, wenn ich Dinge grundsätzlich erst einmal so tue, wie ich das in meiner Umwelt erlebe. Menschen lernen nun mal auch über Nachahmung. Nachahmung beinhaltet keine Hinterfragung.
Nun kann man mich dazu auffordern, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Selbst, wenn mir selbst das Thema als nicht besonders wichtig erscheint, muss ich a priori begründen können, um dem potentiell großen Nachdruck meines Gegenübers zu widersprechen. Idealerweise, weil ich dessen Standpunkt bereits möglichst allumfassend rezipiert habe (was ich dann aber ebenfalls unter Beweis stellen sollte). Im schlimmsten Falle aber tue ich das aus Selbstschutz heraus, weil mir klar ist, dass das, was folgt, einen unangenehmen Lerneffekt für mich beinhalten könnte und mich daher in meiner Comfort Zone bedroht.

Dann nämlich habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich bin lieber bequem.

Man kann mich nicht dazu zwingen, nicht bequem zu sein, da dies von meiner individuellen Freiheit vollständig abgedeckt ist. Aber ich muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen; so kann ich andere schlecht dafür verurteilen, dass sie mir das als aus ihrer Sicht amoralisches Verhalten auslegen. Auch verwirft man mit dem Ablehnen einer Beschäftigung mit einem Thema eine andere Freiheit, die erst mit der Auseinandersetzung käme. Die Vermehrung der Handlungsoptionen als Ziel der eigenen Handlungen stellt Heinz von Foerster übrigens als „ethischen Imperativ“ dar.
Wenn nun aber die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führen kann, mein Verhalten anderen gegenüber zu verändern, und mir jemand nicht gerade bloß eine Rezension über das neuste Album von Manowar zu lesen geben möchte, erfordert es unser Freiheitsbegriff geradezu, sich dem wenigstens auszusetzen. Alles andere wäre ein Eingeständnis eigener Bequemlichkeit, und darin resultierend Unmündigkeit.
Was mir auch bewusst sein muss, wenn ich bewusst eine Entscheidung treffe, ist, dass mir von den Gegnern meiner Entscheidung stets ein Interessenskonflikt unterstellt werden kann: Das Ergebnis, mein Verhalten nicht zu verändern, steht nämlich am Ende sowohl der begründeten Ablehnung der Argumentation meines Gegenübers wie auch der Nichtentscheidung aus Bequemlichkeit bzw. Unmündigkeit.

Ich darf also meine Entscheidung nicht nur mit der Freiheit allein begründen, wenn ich nicht damit leben möchte, für bequem, unreflektiert, ja sogar unmündig und ungebildet gehalten zu werden.

heises Beitrag zur Entflechtung von Machteliten und Journalismus

Bei heise.de erschien heute ein Beitrag, dessen Grundtenor ich mich gern erst einmal anschließen möchte: Journalismus und Machteliten gehören weniger eng miteinander verbandelt, als sie es derzeit sind.

Eigentlich könnte man jetzt aufhören, weiter über das Thema nachzudenken. Ich habe allerdings der impliziten Aufforderung des veröffentlichenden Journalisten Marcus B. Klöckner, selbst nicht alles Vorgekaute hinzunehmen, einmal Folge geleistet und ein wenig eigene Recherche betrieben. Dabei sind mir dann doch ein paar Dinge aufgefallen, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

Klöckner sagt, große Leitmedien würden über die entscheidenden Konferenzen nicht berichten.

Seit einigen Jahren tauchen hier und da immer mal wieder Berichte über die Bilderberg-Gruppe auf, doch über viele Jahre gab es so gut wie keine Berichterstattung in den Medien.

Ich habe den einfachsten denkbaren Weg gewählt und bei den im Artikel aufgezählten Medien SPON, Zeit Online, der Süddeutschen und sogar bei der taz einfach mal die Suchfunktion der eigenen Seite mit dem Begriff „Bilderberg“ belästigt. („Bilderberg“ statt „Bilderberger“ habe ich gewählt, um auch die Nennung der Konferenz selbst und nicht nur deren Teilnehmer zu erwischen) Das Ergebnis fiel dabei überraschend aus.
Etwas aus dem Rahmen fiel die taz: „Suchergebnis 1-4 von 3“ bei vier tatsächlichen Treffern, na gut. Das erfordert zum Verständnis eine gewisse mathematische Flexibilität.
Bei Zeit Online erhält man derzeit 379 Ergebnisse für das Suchwort Bilderberg.
SPON liefert keine klare Zahl, aber mindestens zehn Seiten Suchergebnisse (und wahrscheinlich mehr). Nicht alle Ergegbnisse haben mit der Konferenz zu tun, respektive erfordert es eine noch größere inhaltliche Flexibilität als die bei der taz notwendige mathematische, um „Wassersport: Hai-Alarm“ in einen Kontext zu den Bilderbergern zu bringen.
Die eigene Suchfunktion der Süddeutschen Zeitung ist eine Katastrophe, daher habe ich über Google das Wort Bilderberg auf dem Portal gesucht. Das kränkelt natürlich, weil hier auch die Kommentare mitgezählt werden. Hier ist das Ergebnis völlig unüberschaubar vielzahlig.

Insgesamt zeigt sich an der schieren Gesamtzahl der Ergebnisse: Klöckners Aussage ist in der Form nicht richtig haltbar.

Auch Google Trends bestätigt Klöckners These nicht. Über die verfügbaren letzten neun Jahre zeigt sich kein wesentlicher Abfall oder Anstieg des Interesses am Thema. Die Spitzenwerte finden stets um den Zeitpunkt der Konferenz im Juni/Juli herum statt.

Klöckners Narrativ ist unfalsifizierbar.

Ich will gar nicht sagen, dass er Unrecht hat und dass nicht tatsächlich auf Veranstaltungen dieser Art weichenstellende Entscheidungen getroffen werden. Der Aufbau seines Artikels ist das Problem: Denn egal, was ein Besucher einer solcher Runde hinterher sagt, alles bestätigt Klöckners Narrativ. „Die Eliten des Planeten planen dort eine neue Weltordnung“ passt dort ebensogut hinein wie die Aussagen von Journalisten, die Zusammenkünfte seien harmlos. Dann hat derjenige nämlich schlicht seinen Beißreflex verloren, ist indoktriniert und/oder eben schon zu sehr verbandelt mit den Mächtigen.

Dieses Muster ist eines der Erkennungsmerkmale der einer jeden Verschwörungsideologie inhärenten Immunisierungsvorgänge:

Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Verschwörungsideologie kann dann nicht mehr widerlegt werden.

Wikipedia, Verschwörungsideologien

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will Klöckner in diesem Zusammenhang nicht unterstellen, einer Verschwörungstheorie aufgesessen zu sein, er argumentiert aber auf zumindest problematische Art und Weise.

Woher wissen wir überhaupt von alledem? Aus der Presse.

Zugegeben, das mag auf den ersten Blick wie eine rein akademische Fragestellung erscheinen. Wenn wir uns aber schon damit auseinandersetzen, ob „die Medien“ ein Problem mit zu großer Elitennähe haben, dann sollten wir nicht außer Acht lassen, dass das wir darüber nicht etwa diskutieren, weil ein unabhängiger Blogger oder ein Whistleblower uns darauf gestoßen haben. Nein, es war das biedere ZDF, das den Stein des Anstoßes in der öffentlichen Wahrnehmung ins Rollen brachte. Wir erinnern uns: Das ist der Sender, dem immer wieder zu große Einflussnahme durch Eliten vorgehalten wird. Wenn das irgendwie ins Bild passen soll, muss wohl wieder einer ein Immunisierungsmechanismus herhalten.

Der Journalist, der seine Kollegen als mindestens ideologisch vorbelastet sieht, scheint selbst eine ziemlich klare Linie zu verfolgen.

Wer den Namen „Marcus Klöckner“ mal durch die Suchmaschine seines geringsten Misstrauens schickt, wird erstaunt (oder auch nicht) feststellen, dass das Betätigungsfeld dieses Mannes mit wenigen Worten ziemlich umfassend beschreiben kann: Klöckner schreibt fast ausschließlich über Systemversagen, Geheimdienste, Geheimarmeen, rezensiert Bücher zu diesem Thema, dies auch bisweilen durchaus wohlwollender als seine Mitkommentatoren. Auch als Buchautor gibt er eine Figur ab, die es nicht unbedingt leichter macht, ihm Verschwörungsgläubigkeit abzusprechen. Das kann man natürlich auch als Expertentum bewerten. Die schiere Intensität und Ausschließlichkeit, mit der sich Klöckner diesem Themenkomplex widmet und dass seine Veröffentlichungen stets zu dem Ergebnis kommen, etwas sei anders, als es die Öffentlichkeit zu wissen glaubt, machen den Eindruck nicht besser.

Noch einmal, das an sich ist alles kein Problem und eigentlich weigere ich mich auch, ad hominem zu argumentieren. Es wäre der Sache aber womöglich dienlich, wenn man mit der Berichterstattung zu diesem Thema Journalisten beauftragt, bei denen sich nicht so leicht ein Verdacht auf Voreingenommenheit konstruieren lässt – wenn es diese gibt, was ich als Nichtbranchenkenner einfach nicht weiß.

Denn das Thema verdient es, dass man es angemessen behandelt. Die von der Anstalt im ZDF einem Millionenpublikum zugänglich gemachten Verbandelungen zwischen journalistischer und politisch/wirtschaftlicher Elite sind ein Skandal und es wert, durchleuchtet zu werden. Ich habe die Lektüre des Ausgangsartikels nicht bereut, musste aber doch an einigen Stellen bisweilen die Stirn runzeln und mich sehr an das halten, was Herr Klöckner zurecht selbst fordert: Stets kritisch bleiben.

Die taz, veganes Fastfood und die Angst davor

In der Onlineausgabe der taz steht seit dem 3.4.2014 ein Artikel zu lesen, dessen Inhalt ich verkürzt wiedergeben möchte mit „auch, wenn man Tierprodukte aus Junkfood entfernt, kann man damit keinen Krebs heilen“.
Ja, ich war genauso überrascht wie Ihr. Pommes mit Ketchup und Chips sind ungesund? WIRKLICH?! Welch ein Glück, dass wir investigative Journalisten haben wie Esther Widmann, die da richtig im Dreck wühlen, um uns mal ordentlich aufzuklären. (Gut, eigentlich hat sie nur das, was die Hamburger Verbraucherzentrale öffentlich sagt, kommentiert) Irritierenderweise scheint sie ansonsten ihre Themen ganz annehmbar zu wählen, aber jeder hat mal Aussetzer und ich will das gar nicht unnötig boulevardesk personalisieren.
Ungeachtet der Tatsache, dass Veganer, die länger als ein paar Monate dabeibleiben, sich quasi zwangsläufig deutlich besser mit Ernährung auskennen als 99% aller Fleischesser: Jeder, der auch nur eine einzige Mahlzeit mit einem Veganer eingenommen hat, weiß einfach bereits, was die Verbraucherzentrale da „herausgefunden“ hat.
Fun Fact: Sowohl Verbraucherzentrale als auch taz bieten derzeit Fanware zum Thema an.
Inhaltlich ist der Artikel bereits recht abschließend u.a. vom Graslutscher besprochen worden. Mich irritiert bei der Sache auch etwas ganz anderes.

Am Veröffentlichungstag bereits wurde der Artikel nämlich bereits in einem Maße in meinem erweiterten Freundeskreis herumgereicht, das in krassem Missverhältnis zu seinem Nachrichtenwert steht. Twitter und Facebook waren meinem Eindruck nach regelrecht voll damit. Und siehe da, mein Eindruck war richtig: Das Portal rivva.de, das soziale Netzwerke durchforstet und die dort geteilten Links nach Popularität sortiert, führt heute Mittag genau einen Artikel der taz. Und in diesem ging es zufällig nicht um die AfD.
Zum aktuellen Zeitpunkt zählt die Statistik 34 Tweets, 642 Likes, 319 Shares und 13 G+1, und die Zahlen steigen minütlich weiter. Woher kommt das?

rivva
rivva ist für die Antwort auf diese Frage nur teilweise hilfreich. Die dort verlinkten Tweets zeigen ein gemischtes Reaktionsbild, von „No Shit, Sherlock!“ über „Guckt mal, wie man ohne Häme über Veganismus reden kann“. Wenn ich aber das Bild, das mein Freundeskreis ergibt, und rivva zusammenlege, dann sehe ich, dass die Mehrheit derer, die den Artikel teilen, zumindest keine Veganer sind. Warum aber teilen Nichtbetroffene derartig oft einen Artikel über den vermeintlich geringen Nutzen von etwas, das weniger als 0,5% der Bevölkerung betreiben? Warum?

Die Frage mag jeder für sich beantworten, ich habe dazu aber auch einen Ansatz.
Ich bin nämlich schon länger Anhänger der Theorie, dass die meisten Fleischesser eigentlich ganz gut wissen, dass sie einen weißen Fleck in ihrer ethischen Landkarte haben. Dazu hat die SZ schon vor längerem mal geschrieben. (Im Artikel steht ein Veröffentlichungsdatum von 2012, aber ich glaube, es gibt eine ältere Version.)
Zu der Theorie des Abwehrreflexes passt auch, dass man u.a. als Veggie vor allen möglichen Leuten immer wieder begründen muss, dass man kein Fleisch essen möchte, woraufhin Fleischesser plötzlich selbst auch „nur ganz wenig Fleisch essen“, und „dann auch nur Bio“, dass es beispielsweise im Fernsehen deutlich mehr Witze über Vegetarier gibt als über Fleischesser, und dass die meisten Fleischdiskussionen gar nicht von Vegetariern & Veganern gestartet werden. All das ergibt zumindest eine Linie, und die führt genau zu dem, was bei rivva derzeit zu bestaunen ist. Zusätzlich wird die Theorie dadurch bestätigt, dass die meisten, die den Artikel weiterleiten, irrigerweise von den getesteten Fertiggereichten auf die gesamte Ernährungsweise rückschließen. Zur Ehrenrettung: Die Titelzeile macht das sehr einfach.
Nichts davon würde Otto-Normal-Omnivore je zugeben. Ein jeder fühle sich zu daher zu dem Experiment eingeladen, den genannten SZ-Artikel einfach mal unkommentiert zu posten und nur die Reaktionen zu beobachten.
Um es mit Fefe zu sagen: Popcorn bereithalten.

Welche Conclusio ziehe ich also daraus?
Gute Frage. Ein weiterer Beweis für die Bequemlichkeit und Angst der Masse, irgendetwas ändern zu müssen? Das wäre auch nichts neues und vom Nachrichtengehalt in etwa vergleichbar mit dem Artikel selbst. Vielleicht lehrt uns diese Betrachtung, dass ausnahmslos jeder sich öfter an die eigene Nase fassen sollte; denn wer kennt nicht die Situation, in der jemand, der sich in einem beliebigen Thema X deutlich schlechter auskennt als man selbst, plötzlich triumphierend mit einer längst widerlegten These vor einem steht?

Eben.

 

Nachklapp: Auch andere Publikationen gehen auf den Test der Verbraucherzentrale ein. Die taz habe ich mir hier exemplarisch herausgegriffen, bis auf die Namen funktioniert das Gesagte auch mit SPON & Co.

Jabber als WhatsApp-Ersatz, Teil III: Xabber

Demnächst (Stand: 3.2.2014) läuft mein WhatsApp Abo aus.  Und ich habe derzeit nicht vor, das verlängern.

Nach eingehender Testphase habe ich nämlich nochmal den Jabber-Client gewechselt. Jetzt bin ich doch bei Xabber gelandet, ein Client, den offenbar auch mehrere Kommentatoren meines letzten Artikels u.a. bei Twitter schon damals benutzten. (Und hier Teil I der Geschichte.) Leider gibt es ihn allerdings offenbar nicht für iOS.

Xabber hat gegenüber ChatSecure ein paar entscheidende Vorteile. Bei letztgenanntem kam es bisweilen vor, dass einzelne Nachrichten nicht zugestellt wurden, was mir seit dem Wechsel nicht mehr passiert ist. Darüber hinaus ist Xabbers Interface deutlich intuitiver, weil es ein relativ prominentes Hauptmenü gibt, das bekannten Messengern sehr ähnlich ist. Die allgemeinen Vorteile von Jabber gegenüber WhatsApp bleiben darüber hinaus bestehen:

  • Clients für Mobil- und Desktopgeräte vorhanden
  • Jabber-IDs sind einfacher zu merken als eine Telefonnummer und unabhängig von ihr (Beim Wechsel der Telefonnummer verliert man nicht alle Kontakte)
  • Vertrauenswürdige, weil dank freiem Quellcode überprüfbare Implementation von Verschlüsselung (anders als Threema & Co.)
  • Kein zentralisiertes Unternehmen (Wenn WhatsApp pleite geht, müssen wir uns alle neue Messenger suchen, und es gibt bei Jabber auch kein zentrales Abgreifen von Nutzerdaten)
  • Nutzung über mehrere Geräte hinweg (z.B. gleicher Account auf Telefon, Tablet und PC)
  • Dateiversand ohne die Limits von WhatsApp
  • Geräteunabhängige Kontaktlisten
  • Transports („Übersetzungen“) in andere Netzwerke, wie z.B. ICQ, MSN & Co, je nach Server

Wenn ich möchte, kann ich also Bianca, die ein wenig paranoid ist, eine sinnvoll mit OTR verschüsselte Nachricht schicken, und später ein Foto von der Kneipe, in der ich sitze, an mehrere Kollegen schicken, die da noch nie waren. Zurück daheim fällt mir die JID des neulich von Arbeitskollegen mitgebrachten Jens wieder ein, der mir seine Geschäftsidee unterbreiten wollte, der mir aber irgendwie zu windig erschien, um ihm meine Telefonnummer zu geben. Beim Hinzufügen erkenne ich ihn, weil er in seinem Jabberprofil seinen bürgerlichen Namen hinterlegt hat. Und meinem alten Kumpel, der noch nie in meiner neuen Wohnung war, beschreibe ich den Weg zu mir ganz komfortabel von der Desktoptastatur aus, was er in der Bahn auf seinem Telefon liest.

Speziell Xabber einzurichten ist überdies hochgradig einfach: Man lädt die App auf sein Telefon, und wird nach dem Starten gebeten, ein Konto einzutragen. Dies ist das einzige Hindernis: Man muss seinen Webbrowser öffnen und darin eine Webseite aufrufen, auf der man sich einen Benutzernamen und ein Passwort ausdenkt. (Nein! Doch! Oh!) Sich bei Facebook o.ä. zu registrieren, ist deutlich umständlicher. Wer außerdem z.B. bereits eine Google-Mailadresse hat, hat dort auch bereits einen Jabber- oder XMPP-Account und kann diese einfach benutzen. (Über Sinn und Unsinn, seine Kommunikation über Google abzuwickeln, um von WhatsApp wegzukommen, darf jeder selbst nachdenken)
Eine Liste von Jabberservern, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gibt es u.a. hier.
Hat man diesen Prozess hinter sich, trägt man das erdachte nur noch in Xabber ein und los gehts. Ein neuer Account hat natürlich noch genau null Kontakte – wer will, der füge mich hinzu, am besten mit einem Hinweis auf diesen Artikel:
Aarkon@jabber.org

So, dann mal fröhliches Instantmessaging vom mobilen Endgerät aus! Endlich mit freier Software.🙂

Update am 20.2.2014
Die Geschichte, dass Facebook WhatsApp kauft, spült mir ganz schön Traffic rein. Sowas!🙂

ChatSecure: Ein Update zu Jabber statt Whatsapp

Vor einer ganzen Weile habe ich experimentellerweise versucht, WhatsApp durch XMPP aka. Jabber zu ersetzen.

Die damals von mir präferierte App imo hat allerdings im Langzeittest mehrere Schwächen offenbart. Zum einen ist der Nachrichtenversand nicht immer zu 100% zuverlässig, zum anderen ist die Weiterverarbeitung der Anwenderdaten durch den geschlossenen, proprietären Quellcode nicht gerade durchschaubar. Unter anderem das war ja aber eines der Argumente gegen den Einsatz von WhatsApp.
Darüber hinaus bietet imo anscheinend keine vernünftige Verschlüsselung und hat ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, den Support für Skype, nach einem Update ebenfalls eingebüßt. Damit sind seine Vorteile größtenteils neutralisiert. Außer zu einem Experiment habe ich die VoIP-Funktion von imo außerdem auch nie benutzt, und vielleicht wurde dies ohnehin nur vermittels eines Skypetunnels umgesetzt.

Nun es gibt einen Nachfolger in meiner Gunst: ChatSecure.

Hinter dem Namen, der wegen des inhärenten, vollmundigen Versprechens erst einmal Skepsis in mir weckte, steckt allerdings offenbar ein vollwertiger Jabberclient für den Mobileinsatz unter Apachelizenz. Und sogar OTR (Off the record-Messaging) ist mit an Bord. Gerade, wo der NSA-Skandal immer größere Wellen schlägt, ein interessantes Feature. (Die Schwächen von OTR im mobilen Einsatz sind mir bekannt, aber auch hier darf wohl gelten: besser ein bisschen Verschlüsselung als gar keine. Aber OTR ist auch optional und muss nicht benutzt werden. Und im WLAN ist das Problem dann ohnehin passé.)
Endlich also ein Player mit der richtigen Attitüde, hier der Hauptwerbetext auf der Homepage:

ChatSecure is a free open-source encrypted messaging application that uses Cypherpunks‘ Off-the-Record protocol to secure a communication channel over XMPP (Google Talk, Jabber, etc) or Oscar (AIM).

This project is *100% free* because it is important that all people around the world have unrestricted access to privacy tools. However, developing and supporting this project is hard work and costs real money. Please help support the development of this project!

Ich bin kein Kryptologe. Wer sich da aber besser auskennt und das möchte kann hier den Code überprüfen und die Implementation der Krypto auf Fehler analysieren. Open Source ahoi!

Die Benutzung und Einrichtung entspricht weitestgehend dem, was ich im oben verlinkten Artikel bereits beschrieben habe. Hier nur ein Kurzabriss:
App installieren, beim ersten Start sich mit einem existenten Jabber-Account einloggen oder einen neuen anlegen (geht über die App selbst), und schon geht’s los. Freunde addet man über deren Jabbernamen, der aussieht wie eine Emailadresse.
Unpraktisch? Wo ist der Unterschied, ob man eine Telefonnummer austauscht oder einen Jabbernamen? Außer, dass man sich letztgenannten sogar besser merken kann?
Charmant an Jabber für unterwegs ist natürlich überdies, dass man wie bei Facebook auch an der erwachsenen Tastatur seines Laptops oder Desktoprechners tippen kann, wenn man sich gerade zuhause befindet – anders als bei WhatsApp, Threema und wie sie alle heißen. Die Vorteile liegen also alle bei Lösungen mit Jabber + z.B. ChatSecure, in Komfort wie in der Sicherheit. Der einzige Haken ist deren Verbreitung – und hier kommt ihr ins Spiel!

Der Erfolg meines bisherigen Jabberexperimentes war begrenzt, um es vorsichtig zu sagen. Derzeit gehe ich aber wieder aktiver vor und habe mit ChatSecure einige neue Argumente auf meiner Seite, die insbesondere jene anschlussfähig finden dürften, die sich bislang auch Facebook verweigern, gerade in Konkurrenz zu WhatsApp.

Ein kurzes erläuterndes Wort zu OTR noch: Jedes Gerät erzeugt in Zusammenspiel mit dem Account einen sogenannten Fingerprint. Dies ist sozusagen die Identität, die eure Freunde sehen können. Damit eine OTR-verschlüsselte Verbindung zustande kommen kann, muss der Fingerprint bestätigt werden, (meist, indem beide Chatpartner eine Frage stellen, deren Antwort idealerweise nur die beiden kennen und die Antwort vorgeben) und zwar auf jedem Gerät von neuem. Das klingt unkomfortabel, wenn ihr allerdings eure Geräte mit Zugangscodes sichert, kann euer Gegenüber bei jeder Nachricht sicher sein, dass sie auch wirklich von euch kommt.
Ein weiterer Vorteil von OTR ist überdies, dass bei dessen korrekter Anwendung hinterher niemand einen technischen Beweis führen kann, dass die Gesprächspartner wirklich miteinander gesprochen haben. Das entschärft die Metadatensituation ein wenig.

Natürlich glaube ich nicht, dass sich mit ChatSecure von heute auf morgen WhatsApp erledigt haben wird und alle nur noch verschlüsselt miteinander chatten. Auch ist Verschlüsselung nicht die Lösung für ein politisches Problem. Ich darf aber sagen, dass sich in Zeiten nicht abreißender Überwachungsnachrichten ein wirklich privater Chat überraschend angenehm anfühlt. Und: Jedes verschlüsselt übertragene Bit erhöht für Lauscher wie die NSA den Aufwand, zwischen Relevantem und Geplapper zu unterscheiden – insbesondere, wenn man Jabber für das gleiche einsetzt, für das man WhatsApp so gern benutzt: Fürs Übertragen völlig belangloser Handyfotos.🙂

ChatSecure gibt es im Playstore und für iOS. Wenn ihr es benutzt und sich keine Designfehler finden, dann spendet dem Projekt auch gern ein paar Euro über den Link auf dessen Homepage.

Wer übrigens bisher Gibberbot benutzt, ChatSecure scheint dessen Nachfolger zu sein.

Edit: Wegen wiederholter Nachfragen:
Auch Xabber habe ich früher einmal eingesetzt, der Funktionsumfang erscheint mir ziemlich vergleichbar. Unterschiede: Der Quellcode von Xabber steht unter der GPvL, was die etwas „entschiedenere“ freie Lizenz ist und mir persönlich eigentlich auch sympathischer, allerdings gibt es Xabber nur für Android, ChatSecure hingegen auch für iOS. Mein Ansatz für diesen Artikel war eine möglichst breite Anwendbarkeit, daher fiel die Wahl auf ChatSecure.
Wer außerdem einen Client für Windows Phone kennt, der kommentiere hier gern.

Edit 2:
Am Desktop gilt natürlich das Gleiche wie immer: Pidgin für Windows & Linux, Adium für Mac, plus OTR für Pidgin und eine Anleitung für Adium.

Edit 3:Wer mich bei Jabber adden möchte, bitte gern:
Aarkon@jabber.org
Gebt aber immer an, dass ihr das tun möchtet, weil ihr diesen Artikel gelesen habt. Sonst weiß ich nicht wer ihr seid und lasse das eventuell unbeantwortet.
Danke.

Edit 4, Update: Mittlerweile bin ich wieder bei Xabber gelandet. Hier ist mein Text dazu.