Kategorie: Tech

Ein Diskussionsangebot an Mario Sixtus bzgl. Nacktscannern

Am 5.6.2015 entspann sich eine kleine Debatte bei Twitter, ausgelöst durch einen Tweet von Torsten Grote, woraufhin Mario Sixtus den Begriff Nacktscanner als Neusprech bezeichnete.

Das ging ein bisschen hin und her, und da Twitter nicht die beste aller möglichen Welten für gehaltvolle Debatten ist (obwohl das mit Sixtus gut gelingen kann, wie man an unserem Verlauf sieht), möchte ich diese Plattform nutzen, um meine Position etwas ausführlicher darzulegen und Mario Sixtus wie auch alle anderen Beteiligten aufrufen, hierauf in irgendeiner Weise, wenn möglich länger als 140 Zeichen, zu reagieren.

Soweit ich das überblicke, sieht Sixtus das etwa wie folgt:
Der Begriff Nacktscanner ist ein von der Bild-Zeitung geschaffener Neologismus, der dramatisieren soll, dass zwar eine Maschine den Menschen auf die Haut guckt, der sie bedienende Mensch aber nur eine Strichmännchenrepräsentation davon sieht. Darüber hinaus findet seiner Meinung nach vor allem Datenschutzhysterie statt.

Dazu möchte ich ein paar Dinge loswerden. Ich gliedere sie mal ein wenig, damit leichter darüber diskutiert werden kann. Teile dessen stehen schon bei Twitter, andere Dinge sind neu.

1. Schon, weil sich die Bild das Wort Nacktscanner ausgedacht hat, sollte man den Ausdruck nicht verwenden

Ich unterschreibe jederzeit das Zitat von Max Goldt zu diesem presseähnlichen Druckerzeugnis mit Onlineableger. Doch das Pendant Körperscanner stammt, wenn ich mich nicht irre, von den Herstellern der Geräte und unseren sogenannten Sicherheitsbehörden, die diese um jeden Preis einführen möchten. Deren Sprachregelungen sollte man nach meinem Ermessen noch sehr viel weniger übernehmen.
Wenn man schon der Bild eine Agenda unterstellen kann, so kann man es den Begründern des Wortes Körperscanner erst recht.

2. Das Wort Nacktscanner ist ungenau, weil es keine Nacktbilder, sondern Strichmännchen zeigt

Das Ziel dahinter, Menschen mit Terahertzkameras zu fotografieren, ist, versteckte Gegenstände unter deren Kleidung zu sehen. Dafür ist es nützlich, dass die sie verdeckende Kleidung auf den so erstellten Bildern nicht sichtbar ist. Unbestreitbar entsteht im Vorgang eines solchen „Körperscans“ also etwas, das einem Nacktbild nahe kommt. Und so, wie für die LKW-Maut nicht nur die Kennzeichen der LKWs auf der Autobahn fotografiert werden, sondern sämtliche passierende Fahrzeuge, müssen auch in diesem Vorgang aktiv Daten verworfen werden, um die Verhältnismäßigkeit auch nur im Ansatz zu wahren.
Nun wissen wir aber alle, dass Datenerhebungen immer Begehrlichkeiten wecken, die einmal eingerichtete Infrastruktur gern mit dem üblichen Vokabular für immer weitergehende Überwachungstätigkeiten nutzen möchten. Das führt direkt zum nächsten Punkt:

3. Wenn der BND etwas haben will, dann kriegt er es auch.

In meinen Augen verstärkt dies die Dramatik der Angelegenheit noch. Einerseits macht es zwar klar, dass das eigentliche Problem überbordende Geheimdienststrukturen sind und nicht die Vielzahl an persönlichen Daten, die wir produzieren. Andererseits muss man sich klarmachen, dass der Zugriff durch Dritte keinesfalls auf die Strichmännchendarstellungen beschränkt ist: Solange wir uns Organisationen leisten, die ganz offiziell Abhörleitungen bei Email- und Internetprovidern liegen haben, müssen wir davon ausgehen, dass diese die zweifellos vorhandenen Superuserzugänge zu den Scannern bekommen, wenn sie es möchten, und dass ein Vertrauen darauf, dass nämliche Geräte ihre Rohdaten ordnungsgemäß nach jedem Durchgang sicher löschen, nur mit Naivität erklärt werden kann.
Wenn Geheimdienstmitarbeiter unbeobachtet private Daten anderer betrachten dürfen, tun sie dies nachweislich auch. Selbst einer der bekanntesten Post-Privacy-Befürworter der Nation, Michael Seemann, bekennt sich spätestens seit Snowden meines Wissens nach dazu, dass in dieser Welt leider nicht jede persönliche Information unproblematisch ist. Das ist eine Welt, in der wir alle gern leben würden, aber das tun wir nicht.

4. Soll mich doch nackt sehen wer will

Das geht zwar von der Debatte um den Begriff weg, aber dennoch: Man muss kein Problem damit haben, nackt fotografiert zu werden. Das sollte man aber nicht verallgemeinern; ich kann mir etwa gut vorstellen, dass nicht nur, aber auch, brustamputierte Krebspatientinnen nicht scharf drauf sind, die unfreiwillige, bildgebende Auskunft über diesen Umstand zur Vorbedingung dafür zu machen, ein Flugzeug betreten zu dürfen. (Implantate, Prothesen oder Imtimschmuck werden von den Scannern gern für gefährliche Gegenstände gehalten und ziehen irritierende Kontrollen nach sich) Auch Prominente sehen das teilweise sicher anders als Mario Sixtus, und ich weiß auch nicht, welches Gefühl mich beschliche, müsste ich Kinder mit durch eine dieser Kontrolle nehmen.

5. Kritik an Nacktscannern ist technikfeindlich

Es gibt sicherlich Heerscharen an Technikfeinden und Fortschrittsverweigerern, die sich gegen Nacktscanner sträuben. Dieser Umstand sollte aber nicht dazu verführen, den Umkehrschluss ziehen und jeden Kritiker der Scanner für ewig gestrig zu erklären. Auch sehr technophile Menschen fühlen sich bei dem Gedanken an diese Scanner nicht wohl. Man kann schon deshalb gegen die Scanner sein, weil sie das Sicherheitstheater um einen anscheinend recht wirkungsarmen Akt bereichern.

Es bleibt zu sagen: Gerade im Vergleich mit dem Wort Nacktscanner ist Körperscanner der Propagandabegriff, der Euphemismus. Für das Gerät, den Scanner, sind die Personen, die er fotografiert, nackt, und dafür ist es egal, was der Angestellte an den Knöpfen davon zu sehen bekommt. Dass die Maschine den Menschen nackt „sieht“, ist die notwendige, dass das Display nur ein Strichmännchen zeigt, die hinreichende Bedingung.
Sprache ist im Idealfall so neutral und so eindeutig wie möglich; technisch neutral wäre der sperrige Ausdruck Terahertzscanner, und in Anbetracht des Vorangegangenen ist festzustellen, dass Körperscanner ein Euphemismus bleibt, der die Kernfunktion des Gerätes verschleiert, nämlich einem Menschen mit durch die Kleidung zu schauen. Bei einer Leibesvisitation hat sich die zu kontrollierende Person zu entkleiden, und niemand käme beim einem solchen Anblick auf die Idee zu sagen „Ich kann Ihren Körper sehen“, man sagt schlicht „Sie sind nackt“.

Wenn da draußen nicht sackweise Geheimdienste, Unternehmen und Einzelpersonen nach Daten mit Schadenspotential für uns suchen, oder, optimistischer formuliert, Daten über uns ungeachtet unserer Zustimmung sammeln, dann hätte ich auch kein Problem damit, dass schon mein Smartphone meinen kompletten Lebenswandel offenbart – bis dahin möchte aber womöglich doch der eine oder andere selbst entscheiden dürfen, vor wem er sich auszieht, und bis dahin bleibt das Wort Körperscanner eine große Verharmlosung, und Nacktscanner ist gerade groß genug, um einer skandalmüden Öffentlichkeit die Problematik solcher Geräte nicht zu verheimlichen.

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Kein Fashionblog! Ein Haustierblog der sich gewaschen hat. In Wurstwasser

creakyurbanporchswing

Ich verfolge eine eiserne Kleiderschrankregel von der eisernen Kleiderschrankjungfrau höchstpersönlich verifiziert: jedes Kleidungsstück, was in den letzten zwei Jahren nicht von mir getragen wurde, wird unverzüglich auf eBay verkauft. Keine Gnade. In Hamburg sagt man Tschüß!!

Gleiches gilt natürlich für Schuhe und Handtaschen – der Gleichberechtigung halber.Glückliche Wurst in Hamburg

Letzte Woche stellte ich ein Cocktail Kleid bei eBay zum Verkauf rein. Ein tolles Kleid. Asymetrisch geschnitten, blau, mit Volants am Träger, geeignet für Party und festliche Anläße gleichermaßen, Gr. XS. Und absolut ungetragen. Gekauft in einem Anfall von Optimismus in einem Einkaufszentrum in Südkalifornien Anno 2012. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch niemals eine Cocktailparty besucht, konnte aber nicht wissen, dass es ich es auch nie tun würde. Nie nie NIEEEEEEEE.

Also musste das Kleid gehen; drei Kanonschüsse, die Nationalhymne gespielt und schon stand es zum Verkauf. Kurz darauf gekennzeichnet durch eine offene Frage. Das kommt vor bei eBay.

Sonnenblume_1985 (Name von…

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Jabber als WhatsApp-Ersatz, Teil III: Xabber

Demnächst (Stand: 3.2.2014) läuft mein WhatsApp Abo aus.  Und ich habe derzeit nicht vor, das verlängern.

Nach eingehender Testphase habe ich nämlich nochmal den Jabber-Client gewechselt. Jetzt bin ich doch bei Xabber gelandet, ein Client, den offenbar auch mehrere Kommentatoren meines letzten Artikels u.a. bei Twitter schon damals benutzten. (Und hier Teil I der Geschichte.) Leider gibt es ihn allerdings offenbar nicht für iOS.

Xabber hat gegenüber ChatSecure ein paar entscheidende Vorteile. Bei letztgenanntem kam es bisweilen vor, dass einzelne Nachrichten nicht zugestellt wurden, was mir seit dem Wechsel nicht mehr passiert ist. Darüber hinaus ist Xabbers Interface deutlich intuitiver, weil es ein relativ prominentes Hauptmenü gibt, das bekannten Messengern sehr ähnlich ist. Die allgemeinen Vorteile von Jabber gegenüber WhatsApp bleiben darüber hinaus bestehen:

  • Clients für Mobil- und Desktopgeräte vorhanden
  • Jabber-IDs sind einfacher zu merken als eine Telefonnummer und unabhängig von ihr (Beim Wechsel der Telefonnummer verliert man nicht alle Kontakte)
  • Vertrauenswürdige, weil dank freiem Quellcode überprüfbare Implementation von Verschlüsselung (anders als Threema & Co.)
  • Kein zentralisiertes Unternehmen (Wenn WhatsApp pleite geht, müssen wir uns alle neue Messenger suchen, und es gibt bei Jabber auch kein zentrales Abgreifen von Nutzerdaten)
  • Nutzung über mehrere Geräte hinweg (z.B. gleicher Account auf Telefon, Tablet und PC)
  • Dateiversand ohne die Limits von WhatsApp
  • Geräteunabhängige Kontaktlisten
  • Transports („Übersetzungen“) in andere Netzwerke, wie z.B. ICQ, MSN & Co, je nach Server

Wenn ich möchte, kann ich also Bianca, die ein wenig paranoid ist, eine sinnvoll mit OTR verschüsselte Nachricht schicken, und später ein Foto von der Kneipe, in der ich sitze, an mehrere Kollegen schicken, die da noch nie waren. Zurück daheim fällt mir die JID des neulich von Arbeitskollegen mitgebrachten Jens wieder ein, der mir seine Geschäftsidee unterbreiten wollte, der mir aber irgendwie zu windig erschien, um ihm meine Telefonnummer zu geben. Beim Hinzufügen erkenne ich ihn, weil er in seinem Jabberprofil seinen bürgerlichen Namen hinterlegt hat. Und meinem alten Kumpel, der noch nie in meiner neuen Wohnung war, beschreibe ich den Weg zu mir ganz komfortabel von der Desktoptastatur aus, was er in der Bahn auf seinem Telefon liest.

Speziell Xabber einzurichten ist überdies hochgradig einfach: Man lädt die App auf sein Telefon, und wird nach dem Starten gebeten, ein Konto einzutragen. Dies ist das einzige Hindernis: Man muss seinen Webbrowser öffnen und darin eine Webseite aufrufen, auf der man sich einen Benutzernamen und ein Passwort ausdenkt. (Nein! Doch! Oh!) Sich bei Facebook o.ä. zu registrieren, ist deutlich umständlicher. Wer außerdem z.B. bereits eine Google-Mailadresse hat, hat dort auch bereits einen Jabber- oder XMPP-Account und kann diese einfach benutzen. (Über Sinn und Unsinn, seine Kommunikation über Google abzuwickeln, um von WhatsApp wegzukommen, darf jeder selbst nachdenken)
Eine Liste von Jabberservern, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gibt es u.a. hier.
Hat man diesen Prozess hinter sich, trägt man das erdachte nur noch in Xabber ein und los gehts. Ein neuer Account hat natürlich noch genau null Kontakte – wer will, der füge mich hinzu, am besten mit einem Hinweis auf diesen Artikel:
Aarkon@jabber.org

So, dann mal fröhliches Instantmessaging vom mobilen Endgerät aus! Endlich mit freier Software. 🙂

Update am 20.2.2014
Die Geschichte, dass Facebook WhatsApp kauft, spült mir ganz schön Traffic rein. Sowas! 🙂

ChatSecure: Ein Update zu Jabber statt Whatsapp

Vor einer ganzen Weile habe ich experimentellerweise versucht, WhatsApp durch XMPP aka. Jabber zu ersetzen.

Die damals von mir präferierte App imo hat allerdings im Langzeittest mehrere Schwächen offenbart. Zum einen ist der Nachrichtenversand nicht immer zu 100% zuverlässig, zum anderen ist die Weiterverarbeitung der Anwenderdaten durch den geschlossenen, proprietären Quellcode nicht gerade durchschaubar. Unter anderem das war ja aber eines der Argumente gegen den Einsatz von WhatsApp.
Darüber hinaus bietet imo anscheinend keine vernünftige Verschlüsselung und hat ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, den Support für Skype, nach einem Update ebenfalls eingebüßt. Damit sind seine Vorteile größtenteils neutralisiert. Außer zu einem Experiment habe ich die VoIP-Funktion von imo außerdem auch nie benutzt, und vielleicht wurde dies ohnehin nur vermittels eines Skypetunnels umgesetzt.

Nun es gibt einen Nachfolger in meiner Gunst: ChatSecure.

Hinter dem Namen, der wegen des inhärenten, vollmundigen Versprechens erst einmal Skepsis in mir weckte, steckt allerdings offenbar ein vollwertiger Jabberclient für den Mobileinsatz unter Apachelizenz. Und sogar OTR (Off the record-Messaging) ist mit an Bord. Gerade, wo der NSA-Skandal immer größere Wellen schlägt, ein interessantes Feature. (Die Schwächen von OTR im mobilen Einsatz sind mir bekannt, aber auch hier darf wohl gelten: besser ein bisschen Verschlüsselung als gar keine. Aber OTR ist auch optional und muss nicht benutzt werden. Und im WLAN ist das Problem dann ohnehin passé.)
Endlich also ein Player mit der richtigen Attitüde, hier der Hauptwerbetext auf der Homepage:

ChatSecure is a free open-source encrypted messaging application that uses Cypherpunks‘ Off-the-Record protocol to secure a communication channel over XMPP (Google Talk, Jabber, etc) or Oscar (AIM).

This project is *100% free* because it is important that all people around the world have unrestricted access to privacy tools. However, developing and supporting this project is hard work and costs real money. Please help support the development of this project!

Ich bin kein Kryptologe. Wer sich da aber besser auskennt und das möchte kann hier den Code überprüfen und die Implementation der Krypto auf Fehler analysieren. Open Source ahoi!

Die Benutzung und Einrichtung entspricht weitestgehend dem, was ich im oben verlinkten Artikel bereits beschrieben habe. Hier nur ein Kurzabriss:
App installieren, beim ersten Start sich mit einem existenten Jabber-Account einloggen oder einen neuen anlegen (geht über die App selbst), und schon geht’s los. Freunde addet man über deren Jabbernamen, der aussieht wie eine Emailadresse.
Unpraktisch? Wo ist der Unterschied, ob man eine Telefonnummer austauscht oder einen Jabbernamen? Außer, dass man sich letztgenannten sogar besser merken kann?
Charmant an Jabber für unterwegs ist natürlich überdies, dass man wie bei Facebook auch an der erwachsenen Tastatur seines Laptops oder Desktoprechners tippen kann, wenn man sich gerade zuhause befindet – anders als bei WhatsApp, Threema und wie sie alle heißen. Die Vorteile liegen also alle bei Lösungen mit Jabber + z.B. ChatSecure, in Komfort wie in der Sicherheit. Der einzige Haken ist deren Verbreitung – und hier kommt ihr ins Spiel!

Der Erfolg meines bisherigen Jabberexperimentes war begrenzt, um es vorsichtig zu sagen. Derzeit gehe ich aber wieder aktiver vor und habe mit ChatSecure einige neue Argumente auf meiner Seite, die insbesondere jene anschlussfähig finden dürften, die sich bislang auch Facebook verweigern, gerade in Konkurrenz zu WhatsApp.

Ein kurzes erläuterndes Wort zu OTR noch: Jedes Gerät erzeugt in Zusammenspiel mit dem Account einen sogenannten Fingerprint. Dies ist sozusagen die Identität, die eure Freunde sehen können. Damit eine OTR-verschlüsselte Verbindung zustande kommen kann, muss der Fingerprint bestätigt werden, (meist, indem beide Chatpartner eine Frage stellen, deren Antwort idealerweise nur die beiden kennen und die Antwort vorgeben) und zwar auf jedem Gerät von neuem. Das klingt unkomfortabel, wenn ihr allerdings eure Geräte mit Zugangscodes sichert, kann euer Gegenüber bei jeder Nachricht sicher sein, dass sie auch wirklich von euch kommt.
Ein weiterer Vorteil von OTR ist überdies, dass bei dessen korrekter Anwendung hinterher niemand einen technischen Beweis führen kann, dass die Gesprächspartner wirklich miteinander gesprochen haben. Das entschärft die Metadatensituation ein wenig.

Natürlich glaube ich nicht, dass sich mit ChatSecure von heute auf morgen WhatsApp erledigt haben wird und alle nur noch verschlüsselt miteinander chatten. Auch ist Verschlüsselung nicht die Lösung für ein politisches Problem. Ich darf aber sagen, dass sich in Zeiten nicht abreißender Überwachungsnachrichten ein wirklich privater Chat überraschend angenehm anfühlt. Und: Jedes verschlüsselt übertragene Bit erhöht für Lauscher wie die NSA den Aufwand, zwischen Relevantem und Geplapper zu unterscheiden – insbesondere, wenn man Jabber für das gleiche einsetzt, für das man WhatsApp so gern benutzt: Fürs Übertragen völlig belangloser Handyfotos. 🙂

ChatSecure gibt es im Playstore und für iOS. Wenn ihr es benutzt und sich keine Designfehler finden, dann spendet dem Projekt auch gern ein paar Euro über den Link auf dessen Homepage.

Wer übrigens bisher Gibberbot benutzt, ChatSecure scheint dessen Nachfolger zu sein.

Edit: Wegen wiederholter Nachfragen:
Auch Xabber habe ich früher einmal eingesetzt, der Funktionsumfang erscheint mir ziemlich vergleichbar. Unterschiede: Der Quellcode von Xabber steht unter der GPvL, was die etwas „entschiedenere“ freie Lizenz ist und mir persönlich eigentlich auch sympathischer, allerdings gibt es Xabber nur für Android, ChatSecure hingegen auch für iOS. Mein Ansatz für diesen Artikel war eine möglichst breite Anwendbarkeit, daher fiel die Wahl auf ChatSecure.
Wer außerdem einen Client für Windows Phone kennt, der kommentiere hier gern.

Edit 2:
Am Desktop gilt natürlich das Gleiche wie immer: Pidgin für Windows & Linux, Adium für Mac, plus OTR für Pidgin und eine Anleitung für Adium.

Edit 3:Wer mich bei Jabber adden möchte, bitte gern:
Aarkon@jabber.org
Gebt aber immer an, dass ihr das tun möchtet, weil ihr diesen Artikel gelesen habt. Sonst weiß ich nicht wer ihr seid und lasse das eventuell unbeantwortet.
Danke.

Edit 4, Update: Mittlerweile bin ich wieder bei Xabber gelandet. Hier ist mein Text dazu.

Der statistisch relevante Fehler der Gerda B.

Rentnerin Gerda B. entschloss sich, da nach Verebben des Feierabendverkehrs vor zwei Stunden nicht ein einziges Auto ihre Straße passiert hatte, das rote Verkehrslichtzeichen zu ignorieren und die Fahrspur zu überqueren. Sie kaufte beim Kiosk gegenüber ein neues Kreuzworträtselheft und staunte zwei Tage später nicht schlecht, als sie drei Beamte der Polizei dabei beobachtete, wie sie eine Überwachungskamera direkt auf ihren Hauseinang ausrichteten.
„Wegen der vielen Verkehrsdelikte“, gab man ihr zur Antwort auf die Frage, warum.

https://www.taz.de/!117010/

Lineare Programme in Zeiten von On Demand

Ausgehend von einem Tweet bat mich Faldrian, die darin anklingende These mit einem Blogbeitrag zu unterfüttern. Dies also nun als mein erster Artikel sozusagen „On demand“.

Selbst, wenn man die von Wirrköpfen postulierte digitale Demenz als das abtut was sie ist, nämlich ein Sammelsurium zukunftsfeindlicher und technologiepessimistischer Halbzusammenhänge, nimmt die Zahl derer, die sich an eine Zeit ohne Internet erinnern können, ab. Bevor sie aber null erreicht, möchte ich die Frage stellen: War alles, was es vor dem Internet gab, per se schlechter als all das, was neu dazu kam?
(Keine Bange, das wird keiner dieser „Früher war alles besser!“-Artikel.)

Das Fernsehgerät, das unsere Familie während meiner Kindheit besaß, gehörte schon im meinem Geburtsjahr ’85 zum alten Eisen. Das Gehäuse war aus Sperrholz, es gab keine Fernbedienung und der Tuner empfing nur drei Kanäle. Immerhin: Er hatte eine Farbröhre, einen Kabelanschluss und zum Betrieb benötigte er nur wenige Schaufeln Kohle pro Stunde.
Auf diesem Gerät lernte ich das kennen, was man heute, in Abgenzung zur Wahlfreiheit des Inhaltskonsumenten im Internet, ein „lineares Programm“ nennt: Die Dinge, die der Sender für richtig hält, werden zu einem ebensolchen Zeitpunkt in den Äther geblasen, und der „User“ hat bestenfalls über Beschwerdebriefe Einfluss auf die Programmgestaltung – ein, zum Glück, recht theoretisches Konstrukt. Die Einflussnahme via Beschwerde meine ich, nicht die Programmgestaltung.

Als Kind verbrachte ich gewiss so manchen grauen Tag, den ich auf die Sesamstraße warten musste, mit so äußerst gewinnbringenden Dingen wie Wettstarren mit einer Wand, unter dem Wohnzimmertisch liegen oder dem Gras beim Wachsen zusehen. Viele Jahre meines Lebens musste ich außerdem nach der Sesamstraße ins Bett. Hätte ich damals mein Programm selbst gestalten können, so wäre ich nicht selten schon eine halbe Stunde nach dem Frühstück, dem Kindergarten oder der Schule wieder in die Federn geschickt worden.
Nun, das ist gewiss nicht das Hauptargument für ein lineares Programm.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit Sicherheit der Nostalgie unverdächtig. Ich fummele lieber zehn Minuten an meinem Frickelsmartphone herum als mir einen Zettel zu schreiben, bewerfe ebenso alle anderen Alltagsprobleme mit Hightech und automatisiere alles, was nicht bereits autonom genug ist, damit es sich dem von selbst entziehen kann.
Und genau wie viele meiner Altersgenossinnen und -genossen bin ich ein großer Fan zeitlich souverän zu konsumierender Formate. Ich kenne nicht viele, die soviele Podcasts hören wie ich und bei denen ein Raspberry Pi als Mediencenter am Fernseher hängt, die eine solche Kenntnis von digitalem Sinn und Blödsinn auf sich vereinen wie ich – ohne dies als Qualität darstellen zu wollen, es gilt allein meiner eigenen Glaubhaftigkeit im Folgenden.

Was ich nämlich nicht teile, ist das generelle Verdammen aller linearen Programme, bei denen also ein Sender die Inhalte und den Zeitpunkt aussucht, die er senden möchte. Speziell geht es natürlich: Ums Fernsehen.

Alles hat wie immer Vor- und Nachteile. Klar dürfte sein, dass auch mir die Geduld fehlt, mich durch ein kaugummihaftes Vorabendprogramm zu quälen, nur um die Tagesschau zu sehen. So gesehen bin ich nicht wenig froh, der Diktatur linearer Programme entkommen zu sein und (fast) jederzeit in Mediatheken und derlei alle möglichen Sendungen abrufen zu können. Auch war ich schon immer begeisterter Nutzer der von den Rundfunkanstalten nicht immer gern gesehenen Versuche, die Linearität von Funk & Fernsehen zu entschleunigen, in Gestalt von bandbasierten Aufzeichnungsgeräten für den Heimgebrauch. Selbst wenn deren Bildqualität sich für den heutigen Betrachter von einem reinen Bildrauschen im Wesentlichen durch das Vorhandensein von Ton unterscheidet, damals war’s geil.

Doch, und jetzt kommen wir zum wahren Kern des fernsehenden Pudels: Die Vergleichbarkeit ist eingeschränkt. Fernsehen und Internet sind einfach nicht das Gleiche, auch wenn das der Telekom nicht schmeckt.
Jeder, der das Wort „Buzzword“ kennt, kennt auch die Wörter „Lean-forward-“ und „Lean-back-Medium“. Bei der Klickerei durch Youtube, Mediatheken, beim regulären Konsum von Podcasts aller Art ist ein größeres Maß von Initiative und Zielstrebigkeit seitens des Nutzers vonnöten, als beim Einschalten von Radio oder Fernsehen. Wer sich vor den Rechner schwingt, um sich aktiv auf die Suche nach Unterhaltung zu machen, sucht etwas anderes als der, der sich das Angebot in Fernsehen, Radio & Co anschaut.
Aber wer kennt das nicht? Das Angebot von Videos, Musikstücken und weißnichtwas im Netz und auf der eigenen Festplatte ist so erdrückend groß, dass man sich kaum für eines entscheiden mag und lieber den Zufall aussuchen lässt. So wird das Vorwärtslehnen zum Zurücklehnen.
Eine so klare Linie zum Genuss eines Fernsehprogrammes möchte ich hier nicht ziehen.

Einen Sonderfall nehmen wohl die Serien ein, anhand derer sich etwas schön zeigen lässt.. Fernsehmacher kaufen sie ein oder produzieren sie, um ein Publikum über eine gewisse Zeit an ihren Sender zu binden, und Käufer kaufen bzw. Sauger saugen Serien, um sich genau davon zu befreien. Und doch: Ohne lineare Programme gäbe es die meisten davon nicht, da ein Sender eher über die derzeit aufgewendeten finanziellen Reserven verfügt als eine Produktionsfirma, die direkt auf DVD/BluRay veröffentlicht. Außerdem fehlt hier ganz klar der Multiplikator für Bekanntheit, nämlich das Auftauchen einer Serie in einem Programm, dessen Inhalt der Nutzer nicht bestimmen kann und er so gezwungen ist, sich auf Neues einzulassen.
Es ist in meinen Augen kein Zufall, dass fast all die hierzulande zurecht gefeierten Serien wie Sons of Anarchy, Homeland, Dr House, Scrubs, Game of Thrones und wie sie nicht alle heißen, samt und sonders durch Fernsehsender produziert und finanziert wurden und werden.
Soviel zur Relevanz von Rundfunkanstalten dieser Tage.

Als unbestritten darf dennoch gelten, dass das Fernsehprogramm im Zeitalter von Scripted Reality ein größeres Müllproblem hat als Neapel in seinen schlimmsten Tagen. Doch das trifft ebenso auf das Internet zu, und zwar in zunehmendem Maße. Unken darf man natürlich, dass daran das Fernsehen mit seinem Drängen zu eigenen Plattformen einen nicht unwesentlichen Anteil hat. Allen voran stehen auch hier die zerebralen Umweltverschmutzer vom Privatfernsehen, die außer Film- und Serieneinkäufen (s.o.) so gut wie keine Daseinsberechtigung haben.
Doch in einem linearen Programm läuft eben nicht nur mit zusammengenagelter Unrat: Wer schon einmal die heute-show gesehen hat oder Neues aus der Anstalt, der dürfte bei Mario Barth bestenfalls noch müde lächeln. Auch die meisten gut gemachten Dokumentationen und Reportagen sind fürs Fernsehen gemacht worden und werden auch dort erst- und seltenst für On Demand zweitverwertet. Nachrichten kann man zwar im Netz wunderbar abrufen, man kann sie aber auch genausogut umgehen – was aber insbesondere aufs Radio auf keinen Fall zutrifft.

Dass sich im Netz jeder sein Programm selbst zusammenstellen kann, ist also nicht für jeden ein Vorteil. Zumindest solange man als Ideal einen halbwegs mündigen Bürger voraussetzt, dem man nicht am liebsten das Wahlrecht entziehen würde, weil er Uli Hoeneß für den Häupting von Bayern hält.

Ebenso ist so eine Teilnahme an einem von anderen zusammengestellten Programm natürlich ein exzellenter Weg aus der eigenen Filterblase.
Viele exzellente Formate hätte ich nie entdeckt, hätte ich nicht spät abends noch einmal aus Verdacht ein paar Sender abgezappt. Und auch das letzte klassische Konzert hätte ich wohl kaum gesehen, hätte ich mir die Dokumentation via Youtube angetan anstatt auf 3sat, wo die Aufzeichnung direkt im Anschluss lief.
Mit anderen Worten: Die Gefahr, den eigenen Horizont zu verengen, ist im Internet wahrscheinlich größer als in den klassischen Telemedien.
Auch wird kaum jemand bestreiten können, dass im einem vorgegebenen Programm sperrige Inhalte viel eher auf Zuschauer stoßen, als wenn direkt neben dem Interview mit einem Afghanistankenner die großbrüstige Moderatorin eines Wasserrutschentests von einem animierten Button aus winkt.
Wer sich auf die Gestaltung eines Programmes durch andere einlässt, kann damit eben auch sehr viele Kleinodien finden. Und abschalten kann man schließlich immer.

Ich möchte hier gar nicht abschließend bewerten, ob die eine Programmform der anderen überlegen ist. Im Gegenteil, ich äußerte mich ja bereits eingangs dahingehend, dass ich beide für schwer vergleichbar halte. Ich glaube aber, man tut sich keinen Gefallen, z.B. das Fernsehen insbesondere öffentlich rechtlicher Natur mit dem Argument der Passivität als hohle Berieselung abzutun. Und ein Bedürfnis nach mehr oder weniger passiven Angeboten besteht offenbar auch in unseren On-Demand-Zeiten und im Netz: Spotify als bekanntestes Beispiel, für die Podcastfans www.reliveradio.de, sowie tausende von Internetradiosendern mit und ohne Bild sprechen da meiner Meinung nach eine recht eindeutige Sprache.

Atomkraft macht frei (Ohren auf)

Es dürfte bekannt oder zumindest keine große Überraschung sein, dass ich kein großer Fan der Atomlobby bin. Gestern aber hörte ich einen Podcast, der zwar langsam anfing, mich dann aber neuerlich zum Kopfschütteln brachte und auf den ich eure Aufmerksamkeit lenken möchte: Es handelt sich um die Folge 3 der Elementarfragen von Nicolas Semak, in der er mit Sebastian Pflugbeil spricht. Ich will das gar nicht groß weiter kommentieren, außer zu sagen, dass hier endlich mal ein „Insider“ mit echtem Fachwissen(TM) über eine Sache spricht, so wie wir das bei den Kneipendiskussionen immer gerne hätten.
Es sei noch angemerkt, dass das Veröffentlichungsdatum, der 8.6.2010, lange vor dem Fukushimaunglück liegt, hier also noch in keinster Weise von Hysterie zu sprechen ist.

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker sein um zu der Ansicht zu gelangen, dass da ganz offensichtlich etwas faul ist im Staate Dänemark, und besonders beunruhigend sind die Positionen des Herrn Plugbeil für jemanden, der wie ich in Hamburg wohnt und damit in direkter Nähe zum AKW Krümmel. Besondere Aufmerksamkeit verdient aber meiner Meinung nach der von Pflugbeil etwas anders interpretierte Leukämiecluster Elbmarsch.

Wem das noch nicht reicht, der höre danach Alternativlos mit der Folge 14. Hier sprechen in direkter Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima Frank Rieger und Fefe mit Michael Sailer vom Öko-Institut und der Kommission für Reaktorsicherheit, und dieser kommt ebenfalls zu ziemlich ernüchternden Ergebnissen. Etwas technischer, dennoch hörenswert.

Sebastian Plugbeil tritt in bei den Elementarfragen kurz danach auch noch einmal auf, ebenfalls  nach Fukushima. Diese Folge habe ich noch nicht gehört, ich will sie euch aber nicht vorenthalten.

Man möchte zusammenfassen: Wer nach dem Genuss dieser Interviews noch der Meinung ist, die Atomenergie sei beherrschbar, dem unterstelle ich hiermit einen zehn Kilometer hohen Realitätsverlust.

Sozialexperiment: Jabber als WhatsApp-Ersatz

Da WhatsApp in Zukunft wohl für viele kostenpflichtig wird und ich ohnehin kein Freund proprietärer Systeme bin, halte ich die Zeit für gekommen, sich Gedanken über Alternativen zu machen.

WhatsApp war angetreten, so etwas wie ein SMS-Ersatz zu sein. Weil die Daten übers Internet versendet werden, kommt man um die Kosten des SMS-Dienstes herum, zusätzlich hat man nicht mit der technologischen Beschränktheit auf eine maximale Anzahl von Zeichen zu kämpfen und kann zusätzlich noch Dateien und Bilder versenden. Durch den geschickten Trick, dem Benutzer gegenüber das Anlegen noch eines Benutzerkontos zu verschleiern, indem man ohne weitere Rückfragen die Mobilfunknummer als Identifikator benutzte, und sämtliche Telefonkontakte zu rastern, ob diese ebenfalls einen Account haben, bestand außerdem so etwas wie ein Komfortvorteil gegenüber anderen Marktteilnehmern und eine gefühlt bessere Durchdringungsrate, so dass sich WhatsApp tatsächlich zu so etwas wie einem Standard mausern konnte.
Leider war WhatsApp schon immer von vorn bis hinten kommerziell, was sich darin äußerte, das die App z.T. Geld kostet(e) und die Technik nicht offenlag. Letzteres führte zu mehreren gravierenden Sicherheitslücken (lange Zeit sendete die App alle Nachrichten als Klartext, sogar in offenen W-LANs, und auch heute noch kann soweit ich weiß mit Bordmitteln ein fremder Account übernommen werden), so dass mancher  WhatsApp sogar schon ein „broken by design“ ausstellte. Welche anderen Pannen noch kommen mögen kann außerhalb des Unternehmens niemand einschätzen, und auch muss jeder für sich selbst entscheiden, wie wohl ihm dabei ist, seine gesamte Kurznachrichtenkorrespondenz einem ausländischen Unternehmen in die Hände zu legen.

Ich starte daher ein Sozialexperiment: Ich bin die nächste Zeit mobil bevorzugt per Jabber zu erreichen.
Aarkon@jabber.org

Wem Jabber nichts sagt: Das ist, vereinfacht gesagt, ein Kurznachrichtenprotokoll, also die Spezifikation, wie so etwas zu laufen hat. Im Netz steht eine ganze Horde von Servern, auf denen ein solcher Dienst läuft und die so als Vermittlungsstelle fungieren, und auf denen man sich ein Konto klicken kann, das i.d.R. sogar ohne Angabe einer Emailadresse auskommt. Username, Passwort, fertig. Es spricht außerdem nichts dagegen, mehrere zu haben. Beruflich und privat zu trennen ist hier z.B. also kein Problem.
Einer der zentralen Jabberserver (aber bei weitem nicht der einzige) ist dieser hier:
http://www.jabber.org/

Wer z.B. ein Konto bei GMX hat, der hat sowieso bereits einen Jabberaccount, der genauso heißt wie seine Emailadresse. Und gewiss ist GMX da nicht allein. Es spielt übrigens aber überhaupt keine Rolle, wo man seinen Account nun hat, da die Server allesamt miteinander sprechen können.
Generell setzt sich der Name eines Jabber-Accounts grundsätzlich so zusammen:
Accountname@Servername.Domainendung

Der Clou von WhatsApp, der meiner Meinung nach einen nicht unwesentlichen Anteil an dessen Erfolg hatte, war, dass man es dem Nutzer so einfach machte, andere WhatsApp-Benutzer zu finden, indem die App die Liste der auf dem Telefon gespeicherten Nummern mit einer eigenen Liste von WhatsApp-Benutzern abglich. So konnte jedem im Telefon gespeicherten Kontakte, der ebenfalls WhatsApp benutzt, direkt eine Nachricht geschickt werden, ohne diesem eine Anfrage um Erlaubnis vorausschicken zu müssen.
Eine Messengerapp, die dieses Konzept zu adaptieren versucht, ist imo.
https://imo.im/
Hier legt der Benuzter ein Konto an, dem die einzelnen Messenger zugeordnet werden können. Abgesehen von Jabber kann man hier auch Facebookmessenger usw. eintragen, das soll machen wer will. Jabber erscheint mir aber als sinnvoller.
Wer darauf verzichten kann, seine Telefonkontakte nach weiteren imo-Usern durchsuchen zu lassen, kann das auch überspringen und ganz konventionell z.B. Jabberkontakte hinzufügen. Da diese sich wie eine Email lesen sind sie meiner Meinung nach auch deutlich einfacher zu merken als eine Handynummer, was einen Vorteil von WhatsApp auch wieder relativert.
Zusätzlich erlaubt imo grundsätzlich sogar Internettelefonie – unter Umständen spart man hier also Telefonkosten, insbesondere, wenn sich beide Teilnehmer in Reichweite eines W-LANs aufhalten. Wie sich der Durchsatz und Gesprächsqualität ändern, wenn man unterwegs ist, muss noch ausprobiert werden.

Welche Vorzüge hat denn nun Jabber konkret?
–  Es bietet alle technischen Vorteile von Whats App. (SMS-Ersatz ohne Zeichenbegrenzung und kostenlos, da Versand übers Web, Senden und Empfangen von Dateien & Fotos)
– Das Jabberprotokoll hängt nicht wie Whats App an einer Anwendung. Wenn imo kostenpflichtig oder zu invasiv wird, kann man wechseln.
– Man kann, wenn man will, seine Nachrichten verschlüsselt übertragen.
– Das Protokoll ist freie Software und kann von jedem weiterentwickelt werden, so hängt das Fortbestehen der Technik nicht am Erfolg eines Unternehmens.

Außerdem entfällt die Notwendigkeit, auch zuhause stets das Mobiltelefon zu zücken, um jemandem, den man unterwegs wähnt, eine Nachricht zu schreiben – man kann dies auch über seinen Rechner tun, da die gesamte Technologie ursprünglich für Desktopchats gedacht war. Für Windows & Linux empfehle ich persönlich Pidgin, für Mac Adium.
Es gibt auch noch Trillian, das auf allen drei Systemen läuft und das sogar eine mobile App hat, das habe ich aber nicht ausprobiert. Wer damit bereits Erfahrungen gemacht hat, bitte gern in den Kommentarbereich damit.

Die Arbeitsschritte sind also folgende:

– Jabberaccount anlegen
– imo herunterladen, installieren & registrieren
– Jabberaccount in imo integrieren
(- wer will: Kontakte durchsuchen lassen)

Dagegen ist der Vorgang auch bei WhatsApp nur wenig komfortabler, wo man seine Nummer ebenfalls erst via SMS bestätigen lassen muss.

Sicherlich könnte man noch irgendwie einen Schritt einsparen oder vereinfachen. Der Aufwand ist aber in jedem Falle komplett überschaubar und alle Schritte auch von Laien durchführbar.
Wie bei jeder Kommunikationstechnik hilft aber bei allen technischen Vorteilen nur, sie aktiv zu benutzen. Jetzt könnte der Moment sein, um eine geschlossene Technologie durch eine offene, neutralere zu ersetzen. Es muss lediglich die kritische Masse an Freunden integriert werden.

Wir Nutzer haben die Vorteile auf unserer Seite.

Update: Die Geschichte geht hier weiter.

Ein Audioguide für Podcaster

Einleitung

Ich mache selber (noch?) keine Podcasts, höre aber gern welche. Und da der nicht zu verachtender Teil aller aktiven Podcaster eher aus der Hörer- als aus der Produzenten-Ecke kommt, was ja auch gleichzeitig eine der Stärken dieses Mediums ist, entdecke ich immer wieder, dass gerade am Anfang einer neuen Reihe oft technische Fehler gemacht werden, die mit ein bisschen Hintergrundwissen vielleicht nicht gemacht worden wären.
Da ich aktiver Vertreter der „IrgendwasmitMedien“-Generation bin und mich auch seit mehreren Jahren mit Tonaufnahmen im privaten Rahmen beschäftige, glaube ich zumindest im Allgemeinen zu wissen, worauf es ankommt. Ich will also mal unter Zuhilfenahme meines beruflichen und privaten Wissens versuchen, einmal das Gröbste zu erklären, so dass man euer Endprodukt hinterher auch auf guten Kopfhörern genießen kann, ohne dass es einen schüttelt. 😉
Dabei werde ich, sobald mich neue Erkenntnisse ereilen, diesen Text ergänzen oder abändern.

Eines dabei gleich vorweg: Mangels eigener Erfahrung werde ich den Bereich der Veröffentlichung eines Podcasts auslassen. Ich empfehle nur, sich bei mal bitlove.org umzuschauen: Das ist ein Portal für die torrentbasierte Verbreitung von Podcasts. Wenn ihr da richtig geschickt vorgeht, kommt ihr vielleicht sogar um den Betrieb eines eigenen Servers herum bzw. spart euch 99% des Traffics, und legt euch am besten ein Flattr-Konto zu, um wenigstens die Chance zu haben, ein paar Einnahmen zu generieren.

Meine Gliederung ist dabei ganz einfach, ich gehe nämlich sozusagen „chronologisch“ vor. Wer bereits an einem gewissen Punkt angekommen ist, kann einfach die vorangegangenen überspringen, wenn ihr aber noch nie mit Audioproduktionen zu tun hattet und ganz am Anfang steht, könnt ihr hieraus vielleicht doch das eine oder andere nützliche Detail ziehen.
Wenn es um Anschaffungen geht, verlinke ich hier übrigens auf das Musikhaus Thomann, was ein bisschen den Ideal-Standard der Versandhäuser für Audioequipment darstellt, es steht aber natürlich jedermann frei, woanders shoppen zu gehen. Wenn jemand irgendwoanders günstigere Preise findet, schreibe er das gern in einen Kommentar.

1. Equipment

Falls ihr euch noch mit der Frage beschäftigt, was ihr euch an Hardware zum Podcasten anschaffen sollt, fangen wir damit doch mal an.

1.1) Mikrofone

Wenn ihr mit mehr als einer Person podcasten wollt, solltet ihr euch von dem Gedanken verabschieden, gemeinsam in ein Mikrofon zu sprechen. Ihr könnt jetzt entweder ein paar gute Gaming-Headsets kaufen, oder gleich zu meiner Lieblingsvariante greifen und ein paar Kondensator-Großmembranmikrofone kaufen. Viel teurer als die Headsetlösung müssen die auch nicht sein.
Schaut mal, wo die Dinger heutzutage bereits anfangen.

Diese Mikrofone sind schon relativ vernünftig. Ich habe ein einigermaßen geschultes Gehör und behaupte jetzt mal, dass außer im absoluten High-End Bereich die Unterschiede zwischen Mikrofonen ab ca. 100-200 Euro eher esotherischer Natur sind – insbesondere bei einer Veröffentlichung im Netz, wo die Kompression hinterher die ganz kleinen Feinheiten ohnehin frisst.
Günstig wäre es allerdings, wenn alle Teilnehmer die gleichen oder zumindest ähnliche Mikrofone benutzen, das unterschiedliche Klangverhalten mehrerer Mikros erschwert die Nachbearbeitung hin zu einem gleichenmäßigen Klangbild ziemlich, da ist irgendwann auch mit Equalizern schluss.

Hilfreich sind außerdem Popschutz, Kabel in vernünftiger Länge (immer etwas länger kaufen als man denkt dass man sie braucht) und irgendwie geartete Halterungen, man will die Dinger ja nicht in der Hand halten. Am besten geeignet sind wohl Schwenkarme, es gehen aber auch einfache Tischstative, wenn man nicht permanent auf die Platte haut.

Wer richtig Geld ausgeben will, kann sich auch professionelle Hör-Sprech-Garnituren kaufen. Den Bewertungen durch die Käufer kann allerdings entnommen werden, dass auch hier die Meinungen über die Tonqualität auseinander gehen. Zum DT-290 von beyerdynamic sei außerdem erwähnt, dass das Mikrofon für Intercomverbindungen ausgelegt ist und an einem gewöhnlichen Mikrofoneingang sofort verzerrt – ob das auch bei anderen Systemen der Fall ist, kann ich akut nicht sagen.

1.2) Audio-Interface

Hier stellt sich erstmals die Frage, mit welcher Software ihr arbeiten wollt, nicht jedes Interface läuft nämlich mit jedem Betriebssystem. Ich als Linuxer habe lange dieses hier benutzt.
Das Gerät kostet fast nichts, verglichen mit anderen Geräten dieser Klasse, bietet bis zu vier Kanäle mit Vorverstärkern und (achtung, ein echter Knüller!) funktioniert völlig out of the box ohne jede Installation von Treibern mit jedem mir bekannten Betriebssystem. Außerdem ist es, abgesehen von der zwingend erforderlichen Stromversorgung, hinreichend mobil und bietet Phantomspeisung für Kondensatormikrofone.
Ich habe lediglich gewechselt, weil ich mehr Kanäle brauchte für ein Schlagzeug und bei meinem Gerät der Lautstärkeregler einen Wackler bekam, was bei euch aber nicht passieren sollte.

1.3) Software

Jeder hat da so seine Vorlieben. Wer aber findet, dass er bereits genug Geld für die Hardware ausgegeben hat, dem sei zumindest für den Anfang das freie Audacity ans Herz gelegt. Die einzige echte Schwäche des Programmes ist meines Ermessens nach das Fehlen von Echtzeiteffekten, man muss also immer ein bisschen rechnen lassen, bevor man hört, was man getan hat.
Dafür ist die Effektpalette z.T. beachtlich und die Rauscheleminierung gehört zu den besten die ich kenne – ein nicht zu unterschätzender Vorteil, gerade für Audioanfänger.
Audacity ist vielleicht gerade für Apple-Jünger am Anfang etwas überladen und es gibt keine „Panic“-Buttons, also Automatiken, die einem alle Probleme lösen, aber sich darauf zu verlassen erzeugt ebenfalls oft Probleme. Später dazu mehr.
Jedenfalls könnt ihr mit Audacity ohne größere Vorkenntnisse Mehrkanalaufnahmen erstellen, es läuft auf allen großen Betriebssystemen und man spart sich den Aufwand, eine kommerzielle Software zu kaufen bzw. sie zu knacken.

2. Aufnahme

2.1) Juhu, es geht los! Alles angeschlossen und der Ton kommt im Rechner an? Gut.
Jetzt schön nah ans Mikrofon rangehen! Vielleicht nicht direkt auf den Korb draufsprechen, dann ploppt und knallt wenn ihr ein P sprecht als ob ein aufgeblasener Frosch platzt, aber alles unter 20 cm Abstand ist (je nach Raum mehr oder weniger) super! Dadurch ist eure Stimme besonders laut im Verhältnis zu den Umgebungsgeräuschen wie dem Rascheln eurer Notizen, dem Klackern der Tastatur oder dem manischen Geschrei eurer Nachbarn, und das ist wünschenswert.
Headsetuser haben das Problem natürlich nicht, müssen sich dafür aber mit einem etwas weniger voluminösen Ton zufrieden geben.

2.2) Pegelt eure Mikrofone möglichst hoch ein. Ihr müsst immer noch aufpassen, dass auch bei großen Sprüngen in der Lautstärke die Clipping-Lampe nicht anspringt, also keine Übersteuerung auftritt. Das klingt hinterher wirklich furchtbar und ist in der Medienwelt der häufigste Grund, warum eine Tonaufnahme wiederholt werden muss.
Geht dennoch so nah wie möglich an diese Grenze heran, denn jedes Verstärken nach der Aufnahme verstärkt die Störgeräusche (v.a. Rauschen) mit.
Gut ist es, wenn eure Aufnahme eine Wellenform erzeugt, deren höchste Auslenkung kurz vor dem Maximum liegt, dieses aber nie berührt.

2.3) Nehmt bei Aufnahmen mit mehreren Mikrofonen alle Tonsquellen separat auf!
Jedes Mikrofon kommt also auf eine eigene Spur, mischt die nicht gleich in der Aufnahme! Diese Vorgehensweise erzeugt zwar größere Projektdateien, hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass man die Kanäle hinterher einzeln bearbeiten kann. Wenn z.B. nur ein Mikrofon rauscht oder ihr unterschiedlich laut sprecht habt ihr dann leichteres Spiel, daraus etwas Sendefähiges zu bauen als wenn ihr am Ende einer Aufzeichnung in einer Spur feststellt, dass einer von euch subwooferrelevante Bassanteile in der Stimme und der andere permanent ins Mikrofon ausgeatmet hat.

2.4) Wenn ihr irgendwo Einfluss auf die Samplerate nehmen könnt (Bei Audacity links unten unter „Project Rate (Hz):“), wählt dort nichts unter 44100 Hz bzw. 44,1 KHz. Dies ist nötig, um alle für das menschliche Ohr wahrnehmbaren Frequenzen sauber abzubilden, wer den Wert hier zu niedrig wählt, erzeugt das von schlechten Mp3s bekannte „Knistern“ in den höheren Frequenzen.
Unnötig hohe Werte jedoch treiben die Prozessorlast und Dateigröße ziemlich schnell nach oben, mehr als 48 KHz braucht bei Podcastaufnahmen kein Mensch.
Update: Die Samplingtiefe hat ebenfalls einen nicht geringen Einfluss auf die Qualität. Bleibt am besten einfach bei 16 Bit, auch Audio-CDs haben nicht mehr. In großen Tonstudios wird bei aufwändigen Aufnahmen mit vielen vielen Spuren zu höheren Raten gegriffen, ihr braucht das allerdings nicht tun.

2.5) Ein Mikrofon ist eine Mono-Schallquelle.
Es repräsentiert sozuagen ein einzelnes Ohr. (Außer ihr habt ein dezidiert als solches ausgewiesenes Stereomikrofon gekauft)
Welche Konsequenz das hat? Ihr braucht die Spuren für die Aufnahme auch nur in Mono anzulegen. Das erspart Speicherplatz, Bearbeitungszeit (weil Rechenvorgänge nur auf einen statt auf zwei Kanäle angewandt werden müssen) und Nerven, weil man so man nicht gezwungen wird feststzustellen, dass das Aufnahmeprogramm nur auf einem Ohr die Stimme und auf dem anderen ein indifferentes Brummen/Rauschen/Nichts wiedergibt.

2.6) Wenn ihr im Nachgang Soundschnipsel in eure Aufnahme hineinschneiden wollt, dann lasst am besten eine kleine Ruhepause an dieser Stelle. So findet ihr auch bei längeren Aufnahmen schon durch bloßes Ansehen der Waveform, wo ihr mit der Bearbeitung ansetzen müsst.

2.7) Solltet ihr irgendwelche Jingles oder andere Einspieler benutzen wollen empfehle ich euch, dafür einen weiteren Rechner abzustellen, dessen Audio-Ausgang ihr einfach in euer Audiointerface stöpselt. Irgendwelche Abspielvorgänge auf dem Rechner, der aufzeichnet, bergen immer das Risiko, dass die Aufnahme Macken bekommt.
Wenn ihr also einen Rechner dafür hinstellt, müsst ihr natürlich auch alle hören, was dadrauf passiert, und für diese Abhöre empfehle ich einen separaten Kopfhörerverstärker, den es ebenfalls für wenig Geld zu kaufen gibt.
Wenn ihr euch während der Aufnahme selbst auf den Kopfhörern hören wollt (was zwecks Kontrolle eigentlich immer mindestens eine Person tun sollte), schlage ich vor, ihr sagt eurem Aufzeichnungsprogramm, dass es das, was es aufzeichnet, auch gleichzeitig wiedergeben soll, und steckt einen Ausgang aus dem Audiointerface auf den Input des Verstärkers, in den ihr eure Kopfhörer steckt.
Wenn ihr das nicht möchtet und sicher seid, dass bei der Aufnahme schon nichts schief geht und es euch irritiert, eure eigenen Stimmen zu hören, dann steckt den Ausgang eures Zuspieler-Rechners in den Input des Kopfhörerverstärkers, steckt eure Kopfhörer hier auf und leitet einen weiteren seiner Ausgänge an euer Audiointerface zur Aufzeichnung weiter.
Lest den Satz nochmal, er ist logisch. 🙂

3. Nachbearbeitung

3.1) Das Erste, was man auch eigentlich immer machen kann und sollte ist das Abschneiden aller Frequenzen unterhalb von 100 Hz bei Sprachaufnahmen.
Hier findet nichts für die Sprachverständlichkeit relevantes statt, stattdessen finden sich hier viele Störgeräusche.
Der Effekt heißt entweder „Low Cut“, „High Pass“, „High Shelf“ oder auf Deutsch auch „Trittschallfilter“.
Audacity hat dafür kein Preset, was man aber ändern kann: Effects => Equalization, dann einen Punkt auf der 0dB-Linie bei 100 Hz setzen und einen zweiten ganz weit unten knapp links vom ersten Punkt, das Ergebnis sollte etwa so aussehen. Diese Kurve kann man dann abspeichern, so dass sie später erneut zur Verfügung steht.
Manche Mikrofone bieten übrigens bereits einen eingebauten Filter dieser Art an, den man am Gerät einfach einschalten kann.
(Amüsantes Detail am Rande: Wer die Google-Bildersuche nach „Low Cut“ befragt, erhält vor allem Abbildungen von Frauen in tief ausgeschnittenen Oberteilen.)

3.2) Sollte sich trotz aller Mühen ein wahrnehmbares Rauschen in eure Aufnahme geschlichen haben, dann könnt ihr das mit Audacity relativ gut beseitigen. Dafür markiert man eine Passage, an der das Rauschen möglichst isoliert auftritt, wählt unter den Effekten „Noise Removal“, dort dann „Get Noise Profile“. Danach schließt man das Fenster, markiert seine gesamte Aufnahme und wählt wieder in der Effektsektion „Noise Removal“ und klickt auf „OK“.
Da hierbei einfach eine gewisse Frequenz aus der Aufnahme abgesenkt wird, sollte dieser Vorgang allerdings nur die letzte Wahl sein.

3.3) Wenn ihr wollt, dass eure Aufnahme gehört werden kann ohne dass man feststellt, dass ihr das noch nie gemacht habt, kommt ihr um einen Kompressor kaum herum. Echte Wahnsinnige Audiofetischisten sprechen zwar oft davon, dass gerade heute vieles „totkomprimiert und jeglicher Dynamik beraubt“ wird, aber ihr wollt ja gehört und verstanden werden und ihr seid wahrscheinlich keine ausgebildeten Rundfunksprecher. Daher empfehle ich folgende Vorgehensweise:
– Alle Spuren normalisieren (auf 0dB, das klingt für Außenstehende zwar komisch, ist aber so)
– Auf alle Sprachspuren einen Kompressor anwenden: typische, ungefähr funktionierende Einstellungen: Threshold -30 dB, Ratio 4:1 bis 8:1, Attack so kurz wie möglich. Dabei muss man ein bisschen herumspielen, ansonsten kann es sein, dass die Stimme „pumpt“, Schmatz- und Atem- sowie schlimmstenfalls Umgebungsgeräusche unangenehm mitverstärkt werden und generell ein total unnatürlicher Höreindruck entsteht.
– hinterher wieder auf 0dB normalisieren
Wenn ihr alles richtig gemacht habt solltet ihr einen rundfunkhaften Höreindruck haben und es fühlt sich so an, als stünde der Sprecher direkt vor einem. Die richtige Benutzung eines Kompressors ist eine Kunst für sich, man kann aber schon mit relativ wenig Aufwand viel rausholen. Bei Wikipedia findet man dazu noch einmal die wichtigsten Begriffe kurz erklärt.
Update: Es empfielht sich übrigens, einen solchen Vorgang an zwei verschiedenen Stellen vorzunehmen; einmal jede Sprachspur für sich und zum Schluss einmal alle Spuren zusammen, also einen Masterkompressor zu benzutzen. Wenn ihr das tut, wählt nicht ganz so extreme Werte bei Ratio. (Statt 8:1 vielleicht lieber zweimal 4:1) Das regelt das Verhältnis zwischen den Stimmen ganz gut, wenn ihr gleichzeitig sprecht, bricht also die Lautstärke nicht plötzlich durchs Dach.

Warum überhaupt einen Kompressor benutzen?
Das menschliche Ohr nimmt keine absoluten Lautstärkespitzen wahr, sondern die Durchschnittswerte der letzten 300 Millisekunden. Hier spricht man von „Lautheit“, so laut hört sich eine Aufnahme hinterher wirklich an. Man kann sagen, Lautheit ist Lautstärke mit Zeitkomponente, und genau das macht ein Kompressor: Laute und leise Stellen werden angeglichen, so dass mehr laute Stellen auftreten.

3.4) Wer es richtig sauber mag, der kann auch ein sogenanntes Noisegate verwenden. Das ist ein Filter, der einen Kanal komplett stumm schaltet, solange nicht eine gewisse Lautstärke überschritten wird. Leise Störgeräusche, geringfügiges Rauschen und die Stimme anderer Personen als derer, die in das Mikrofon sprechen soll, können dadurch in den Sprechpausen eliminiert werden und man kann die Kanäle  besser trennen.
Die Verwendung ist allerdings ziemlich abhängig vom verwendete Programm und Audacity hat in der Standardinstallation unter Windows und Mac keine Presets dazu, daher gehe ich darauf jetzt nicht weiter ein, außer zu sagen, dass es sich lohnt, sich das mal anzuschauen.

3.5) Effekte immer erst am Ende anwenden!
Manche Aufnahmeprogramme bieten die Möglichkeit, einen Klangeffekt auf ein einkommendes Signal zu legen, bevor dieses aufgezeichnet wird – auf der Festplatte landet dann nur das bereits manipulierte Signal.
Das erspart einem zwar das Hinzufügen des Effektes im Nachhinein, man ist aber auf Gedeih und Verderb auf diesen festgelegt. Wenn man also im Nachhinein feststellt, dass der gewählte Halleffekt auf der Stimme nur ca. fünf Minuten lang lustig ist, hat man hinterher keine Chance mehr, diesen für den Rest der dreistündigen Session wieder zu entfernen.
Ähnlich verhält es sich natürlich auch mit sinnvollen Effekten wie dem Kompressor, man muss da schon ziemlich genau wissen was man tut.
Also: Erst „roh“ aufnehmen, dann bearbeiten.

4. Export

4.1) Man sollte sich einmal zu Anfang überlegen, in welchem Format man sein Produkt anbietet. Dabei herrscht zwischen den Verfechtern der einzelnen Audiocodecs seit Jahren durchaus etwas, das man einen Glaubenskrieg nennen darf, wobei ich mich da nicht abschließend positionieren möchte. Vor allem würde ich mir überlegen, ob ich Mp3 anbiete, weil das auf so ziemlich jedem Mobilgerät läuft.
Mp3 überlegen im Verhältnis Audioqualität<=>Dateigröße ist allerdings Ogg Vorbis, auch wenn das viele als absolutes Nischen- und Nerdformat abtun. Andererseits ist das freie Software und kann auf so ziemlich jedem Rechner der Welt schon unter alleiniger Zuhilfenahme z.B. von Firefox, Google Chrome oder dem VLC-Player abgespielt werden.
Der Vorzug der patentbehafteten mpegbasierten Formate wie m4a bzw. aac ist mir nicht klar, zumindest wenn man nicht gerade zu faul ist, das Exportformat von Garageband zu verändern oder unbedingt für Apple missionieren muss.
Keine wirkliche Bedeutung für Podcasts sehe ich außer für Zwischenschritte bei den verlustfreien Formaten Wav, FLAC oder AIFF, die Datenmenge ist hier einfach zu groß.
Wer sich entscheidet, mehrere Formate anzubieten, sollte allerdings vielleicht einmal in ein verlustfreies Format exportieren und dann von diesem ausgehend die Wandlung ins Zielformat vornehmen anstatt ein Mp3 erst in Ogg, dann in m4a usw umzuwandeln, da hierbei die Verluste des einen Formats dem des anderen noch hinzugefügt werden.

4.2) Wenn keine Soundschnipsel, Jingles oder Musik in Stereo verwendet werden und ihr auch nicht damit arbeiten wollt, eure Mikrofone im Stereobild zu verteilen, könnt ihr beim abschließenden Exportieren tatsächlich auf Stereo verzichten.
In der Tat ist meiner Auffassung nach bei Podcasts recht wenig damit gewonnen wenn der eine Sprecher von links und der andere von rechts kommt. Daher würde ich davon abraten. Denn:
In Mono spart ihr euch den kompletten zweiten Kanal! Das heißt, euere Ergebnisdatei ist deutlich kleiner, was für einen Podcast extrem wünschenswert ist. Damit kann man im Falle von Mp3 mit konstanter Bitrate dann im getrost eine Qualität von 96 oder sogar nur 64 kBit/s verwenden. (Die bezieht sich nämlich jetzt nur noch auf einen einzelnen Kanal, was ihr von der Musik kennt bezieht sich immer auf zwei.) Eine variable Bitrate ist ebenfalls nicht vekehrt, die genannten Werte können da ebenfalls als Durchschnitt angegeben werden. Die Samplerate hingegen sollte dringend auf 44,1 KHz bleiben. Dies alles tut der Klanqualität extrem gut.
Wenn Stereo zwingend erforderlich ist, setzt euch mal mit der Mp3-Bibliothek LAME und deren Möglichkeit zu Joint-Stereo auseinander. Dabei wird der zweite Kanal lediglich als Abweichung zum ersten kodiert, so dass bei großen Übereinstimmungen auch nur wenig an Extra-Information anfällt.
Wie man LAME installiert ist allerdings extrem abhängig vom Betriebssystem und teilweise auf verschiedenen Varianten des selben OS sogar unterschiedlich, weshalb ich das nicht im Detail erläutern möchte.
Man kann außerdem bei der Stereobildung auch viele Fehler machen bzw. machen lassen, z.B. gibt es einen Haufen Podcasts, bei denen man immer wieder hört, wie die Sprecher hin- und herwandern, was ich einfach mal auf zu geringe Datenrate für die Stereofonie zurückführe. (Muss aber nicht stimmen.)
In jedem Falle ist Stereo, solange man es nicht drigend benötigt, eher eine Fehlerquelle als ein Gewinn.

4.3) Zusammenfassung:
Super ist als Ergebnis eurer Mühen z.B. ein Mp3 mit ca. 64 – 96 KBit/s mono, 44,1 KHz, 16 Bit.

Schlusswort

Man kann einen ganzen Haufen dieser Schritte auch von z.B. Garageband oder was weiß ich was erledigen lassen. Das hat Vorzüge, aber auch ganz erhebliche Nachteile: Oft hört man von den bereits beschriebenen Fehlern abgesehen z.B. viel zu leise abgemischte Stücke, bei der die Automatik die Pegelspitzen (also die lautesten Stellen) zwar korrekt erkannt aber keine Kompression vorgenommen hat, und auch Verzerrungen hört man häufig.
Wer nämlich weiß, worauf er bei der Aufnahme achten muss und selbst in der Lage ist, eine grundlegende Bearbeitung seiner Aufnahmen durchzuführen, wird zumindest beim heutigen Stand der Technik immer ein besseres Ergebnis abliefern als die Maschine.
Beim Hören ist es nämlich auch nicht viel anders als bei allen Kunstformen – Computer erkennen keine Ästhetik.

Und zum Abschluss noch ein rechtlicher Hinweis!
Achtet bei der Verwendung von Musik unbedingt auf das geltende Urheberrecht. Auch wenn die Gefahr erwischt zu werden gerade bei einem Podcast nicht gerade erschreckend hoch ist, so sind manche Rechteinhaber dennoch hinreichend humorlos.
Wenn ihr Musik braucht, versucht es mal auf einem Creative Commons-Portal wie jamendo, und sucht dort nach Musik unter der „Attribution“-Lizenz, die ist am wenigsten restriktiv. Ihr müsst die Künstler und ihre Stücke dann lediglich namentlich nennen, ob schriftlich oder mündlich.
Wenn ihr Sounds braucht, versucht euer Glück mal bei freesound.org. Die Registrierung ist kostenlos, das Angebot umfangreich.
Zuguterletzt: Viel Spaß beim Podcasten, und lasst hören, wenn euch dieser Text geholfen hat. Und flattrn dürft ihr hier auch, sobald ihr dort ein Konto habt. 😉

Offener Brief an Holger Stratmann vom RockHard Magazin

Sehr geehrter Herr Stratmann!

Es ist zwar einige Jahre her, dass ich die letzte Ausgabe Ihres durchaus sympathischen Magazins gekauft habe, seitdem ich allerdings feststellen durfte, dass mein RSS-Reader mir zumindest die Schlagzeilen der Onlineausgabe des RockHard Magazins in meinen persönlichen Nachrichtenstream leitet, lese ich immer wieder einzelne Artikel daraus und verlinke sie auch gelegentlich. Ich bin also, wenn auch kein zahlender Abonnent Ihrer Printausgabe, so doch Gelegenheitsleser des Onlineablegers und damit Adressat derer, die bei Ihnen werben.

Mit einigem Interesse las ich gerade diesen Kommentar von Ihnen zur Urheberrechtsdebatte:
http://www.rockhard.de/megazine/heftarchiv/rh-300/kolumne/umsonst-vs-bezahlen-der-kampf-der-kulturen.html

Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich Ihre Meinung in fast keinem Punkt teile, und ich will Ihnen auch gern sagen warum – und zwar ohne, dass es mir nur darum ginge, alles umsonst haben zu wollen.

Schon von einer „zunehmenden Rücksichtslosigkeit“ bei den jungen Konsumenten zu sprechen halte ich für problematisch: Der Weg zu den legalen Angeboten im Netz und in der stofflichen Welt ist deutlich komplizierter als das widerrechtliche Herunterladen mit wenigen Klicks, das werden Sie zugeben müssen – was bedeutet, dass schlimmstenfalls von Bequemlichkeit gesprochen werden könnte. Abgesehen davon, dass vielen Minderjährigen der Zugang zu Paypal und Kreditkarte nicht gegeben ist, diese sich online also gar nicht anders als illegal mit Musik versorgen können.

Mit den Großkonzernen haben Sie ja durchaus Recht, der Lösung dieses Problems ist es meiner Meinung nach aber eben nicht zuträglich, sich einer Liberalisierung des Marktes zu verschließen und so auch das Geschäftsmodell dieser Konzerne (im Falle der Musik Apple via iTunes und Amazon) zu betonieren. Dass bei man außerdem bei Youtube Musik hören kann, ist in meiner Wahrnehmung ja auch erst bedeutsam geworden, als Abmahnkanzleien die Torrentnetzwerke mit Ködern überflutet und die Filesharer dort in die Mangel nahmen.

Aufs Äußerste widersprechen möchte ich Ihrer Darstellung, professioneller Journalismus und Innovationen in der Musik seien nicht möglich, wenn das Urheberrecht renoviert würde.
Ein Text, den ein Erwerbs-Journalist schreibt, ist auch jetzt bereits ohne Weiteres kopier- und damit verbreitbar, und wenn Sie nicht dafür plädieren, jedem, der Sie zitiert, bildlich gesprochen die Hand abzuhacken, werden Sie diese Entwicklung auch nicht stoppen können – dennoch gibt es gerade im Online-Bereich wachsende Redaktionen mit bezahlten Journalisten. Ob Sie einen Text im Netz grundsätzlich für „Geplapper“ halten oder nicht, ist dabei meiner Ansicht nach völlig unerheblich, es gibt genug Leute wie mich, die auch den Artikeln der Onlineausgabe z.B. der „Zeit“ die Professionalität nicht absprechen würden.
Vor allem aber finde ich es geradezu absurd, dass Sie glauben, ein System, das schon aus sich heraus nur das Profitträchtige fördert, der einzige Garant für „aufregende neue Musik“ sein soll.
Als junge Band sind die Chancen, einen Plattenvertrag zu bekommen, wirklich verschwindend klein, wenn man nicht bereits ab Anfang über aberwitzige Fertigkeiten verfügt und das Glück hat, einen Produzenten von sich überzeugen zu können. Und selbst dann ist ein Erfolg dieser Band noch lange nicht gegeben. Im Netz dagegen kann diese Band womöglich durchaus einige Hörer gewinnen, schon weil die Aufnahmetechnik mittlerweile einigermaßen bezahlbar ist. Was übrigens kein Verdienst der von Ihnen offenbar so hochgeschätzten Analogtechnik ist, um das auch mal am Rande zu erwähnen.
Überhaupt sorgt die direkte Verbindung vom Künstler zum Verbraucher vielerorts doch überhaupt erst für eine Diversifizierung! Gerade der Mainstream an sich schwindet doch am meisten, weil das Angebot in den Sparten so wächst. Ihr Argument, nur dieser bliebe am Ende eines abgemilderten Urheberrechtes übrig, kann ich so nicht stehen lassen, es widerspricht auch sämtlichen Beobachtungen.

Sie sagen weiter, wenn niemand bereit sei, für eine Dienstleistung zu bezahlen, dann stürbe sie automatisch aus. Dem würde ich mich in gewissen Grenzen anschließen, nicht aber Ihrer kulturpessimistischen Prognose, dass ein Zusammenbruch der Tonträgerverkäufe jungen Künstlern die Existenzgrundlage nähme: Nicht nur war es auch im Zeitalter der Schallplatte gerade in der Spartenmusik nur den wenigsten gegeben, von ihrer Kunst zu leben, auch ist das Spielen von Konzerten, welches schon vor der Möglichkeit, Musikaufzeichnungen kommerziell zu vertreiben, bereits einmal das Rückrat des Musiker’schen Geldstromes war, von aller Downloadhysterie unbetroffen.

Ich kann mir ebensowenig vorstellen, dass im Verlagshaus Springer „die Sektgläser klirren“, sobald die Piratenpartei an Einfluss gewinnt, ist dies doch genau einer derer, die Ihrer Vorstellung nach darunter leiden müssten, wenn ein liberaleres Urheberrecht ins Gesetz gegossen würden? Diese Nähe zu einem Unsympathen herzustellen empfinde ich meinerseits als unsympathisch, ja schlicht unredlich von Ihnen.
Auch die anderen großen Player, die Sie aufzählen, profitieren wohl in keinster Weise davon, wenn Datenschutzgesetze erlassen, verschärft oder technische Hürden durchgesetzt werden, unethisch mit seinen Kunden und deren Ahnungslosigkeit umzugehen. Ich frage mich, auf Basis welcher Vermutung Sie die Piratenpartei als politischen Arm der Computerindustrie sehen? Und warum Sie das Wort „Internet-Experte“ in Anführungszeichen setzen, Sie sind schließlich offenbar noch weniger einer als ich.

Nicht gleich verstanden habe ich, was Sie damit meinen, die Fürsprecher der Jungjournalisten etc. seien die GEMA oder die großen Majors. Letztere vertreten, und das wissen Sie gewiss genausogut wie ich, allerdings vor allem eigene Interessen, weil es sich hier um profitorientierte Großkonzerne handelt (die gleiche Entität also, die Ihnen kurz zuvor noch als Argument gegen die sie angeblich protegierenden Piraten recht war), und die GEMA ist unter den zahlreichen Musikern, von denen Sie sprechen, durchaus eher als Schutzverein der Großen gegen die Kleinen verschrien, das darf ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen. Dass die hier also die Position einer kleinen Nachwuchsband vertreten, halte ich für ziemlich an den Haaren herbeigezogen respektive naiv.

Zum Thema Sven Regener habe ich mich wie auch viele andere bereits geäußert.
Zu sagen bleibt mir da nur, dass nicht „die Piraten“ Herrn Regener als „ewiggestrigen Idioten abzustempeln versucht“ haben, sondern wohl eher einzelne Blogger. Ohne die Richtigkeit dieser Behauptung überprüfen zu wollen, kann es sein, dass Sie die Gesamtheit deutschsprachiger Blogs für „die Piraten“ halten?

Dass eine Band ohne eine Labellandschaft und dergleichen sehr wohl den Durchbruch schaffen kann, haben übrigens schon die Arctic Monkeys bewiesen. Den Durchbruch auf dem Plattenmarkt meinen Sie vielleicht, dieser ist allerdings gerade in Zeiten, in denen er an Bedeutung verliert, wohl immer weniger als Gradmesser für den Erfolg einer Band zu sehen – gerade in Subkulturen wie im Metal.
An einer „gefühllosen Internetplattform“ arbeiten übrigens womöglich genau die Idealisten und/oder Enthusiasten, die Sie in der Plattenindustrie vermuten, Soundcloud wäre da so ein Beispiel. Oder ist das für Sie der Sündenpfuhl, weil man dort Musik hören kann, ohne sie zu kaufen? Dass es dort eine funktionale Flattr-Einbindung gibt mag Ihnen nichts sagen, in dem Falle möchte ich Ihnen nahelegen, diese Wissenslücke einfach zu schließen.

Ich möchte Ihnen außerdem kurz die andere Seite Ihres Rechenbeispiels mit den 100.000 Streamingdownloads aufzeigen: Erstens besagt diese Zählung, wie oft ein Album gespielt wurde, auch ein gekauftes MP3 dürfte deutlich öfter als einmal angehört werden. Zweitens finde ich den Vergleich mit den Radioplays deutlich naheliegender, was da zusammenkäme, weiß ich aber nicht. Wahrscheinlich immer noch mehr als die 100 €, sicherlich, es geht mir ja aber auch nur darum zu zeigen, wie sehr der Vergleich hinkt – schon weil mehr Songs gestreamt werden können als eine Radiostation welche spielen, jeder Benutzer hört schließlich seine eigene Auswahl.

In Ihrer Dystopie, bei der alle Unangepassten in Zukunft Praktikanten bei Großkonzernen sein werden, hätte sich übrigens zur Gegenwart und jüngeren Vergangenheit nicht viel geändert. Die Existenz der Herschaaren an Praktikanten in der Medienwelt muss Ihnen wohl niemand noch belegen, und schieben Sie die Schuld für deren angebliche Notwendigkeit bitte nicht auf die bösen Filesharer, die die Umsätze der Medienindustrie so geschmälert hätten. Die gleichen technischen Entwicklungen, die deren Produkte so einfach kopierbar machen, haben schließlich deren Produktionskosten auf einen Bruchteil verringert.

Wenn Sie außerdem nicht bitter klingen wollen, dann hätten Sie vielleicht einen anderen Schluss wählen sollen.
Warum ich, der übrigens durchaus überdurchschnittliche Summen für Medienprodukte ausgibt, mich hier als Schmarotzer angesprochen fühlen soll, nur weil ich gerne eine eventuelle Entkriminalisierung von Unvermeidlichem in Betracht ziehen würde, entzieht sich mir.

Im Übrigen bin ich ebenso wie Sie Urheber, beruflich wie privat. Und ich möchte ebenso dem „Kern der Metalszene“ gern ein Einkommen gönnen, glaube aber schlichtweg, dass dies anders möglich sein muss als unter den jetzigen Bedingungen. Ich will gar nicht erst darauf eingehen müssen, wie groß der Anteil der Musiker an den Umsätzen der Musikbranche ist und welche Margen im Selbstvertrieb möglich wären, oder dass nirgends die Rede davon ist, das Urheberrecht komplett abzuschaffen.

Dass ihr gesamter Text nicht einen Lösungsansatz enthält außer der in jeder Zeile mitschwingende Moralisierung des CD-Kaufens, finde ich bezeichnend.
Vielleicht setzen Sie sich ja doch einmal mit den in der Piratenpartei diskutierten Vorschlägen auseinander wie zum Beispiel der Kulturwertmark oder der Kulturflatrate. Es ist nämlich keinesfalls so, dass man dort den Künstler entrechten oder enteignen möchte, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Erst, wenn das auch bei Leuten wie Ihnen ankommt, können wir etwas erreichen. Was in keinem Fall weiterhilft, ist das starre Verharren auf der eigenen Position und der emotional aufgeladene Versuch, den Diskussionsgegner moralisch zu diskreditieren.
Wie Sie sehen, geht das Diskutieren nämlich auch ohne Beschimpfung.

Nachtrag: Wenn Sie sich bei Flattr angemeldet und ihr Konto aufgeladen haben, dürfen Sie mir gern Ihr Wohlwollen in Form eines Flattrs zeigen. Müssen Sie aber nicht, das steht Ihnen im Netz nämlich frei.
DAS ist der große Unterschied zwischen diesen vermeintlichen zwei Kulturen, von denen man die eine zu Unrecht „Umsonstkultur“ nennt, zwischen denen man meiner Meinung nach einfach keinen Kampf heraufstilisieren muss, wenn es einem nicht ums Finden eines vermeintlichen Sündenbockes, sondern um Lösungen geht.