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Absichtliche Fehleinschätzung führt zur Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet?

Der NDR berichtet über das Gefahrengebiet Sternschanze und zitiert dabei die Hamburger CDU-Fraktion mit den Worten „besser spät als nie“, und die Ausweisung der Sternschanze als Gefahrengebiet sei nicht nur richtig, sondern auch Monate zu spät erfolgt.
Interessant dabei ist vor allem, wie dazu argumentiert und was bereits an Maßnahmen vorab ergriffen wurde, um die Drogenkriminalität, um die es vorgeblich geht, einzudämmen:

„60.000 Euro hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zur Verfügung gestellt, um den Drogenhandel aus dem Florapark zu verdrängen. Damit wurden die Beleuchtung im Park verbessert und Sträucher geschnitten, um Verstecke zu beseitigen. 15 Beamte waren jeden Tag vor Ort, die Feuerwehr übt in dem Park Einsätze. Doch all das habe den Handel nicht zurückgedrängt, antwortete der Senat auf eine Kleine Anfrage.“

Abgesehen von allen berechtigten Einwänden aus der Ecke derer, die sich um die Bürgerrechte in der Hansestadt sorgen: Es ist kriminologisch überhaupt nichts neues, dass ein Verstärken der Präsenz in einem Gebiet dazu führt, dass die Zahl der ermittelten Delikte steigt.

Mehr Ermittlungen vor Ort führen zwangsläufig zu mehr erfassten Straftaten, die aber keine Steigerung der Kriminalität bedeuten, sondern sie wurden vorher schlicht nur nicht entdeckt. In der Statistik sieht es dann so aus, als stiege die Zahl der Delikte insgesamt und als habe „all das den Handel nicht zurückgedrängt“. Ein Bedrohungszenario wird konstruiert.

Es ist also mitnichten eine Überraschung, dass, wenn im Florapark die Büsche gerodet und mehr Polizisten eingesetzt werden, die Fallzahl in der Gegend steigt. Im Gegenteil, alles andere wäre eine Überraschung gewesen.
Bei der Polizei und im Innenausschuss der CDU weiß man das mit Sicherheit auch, und so ist das Heranziehen solcher Zahlen für eine Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet aus meiner Sicht eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit.

Über das eigentliche Ziel der Aktion möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Atomkraft macht frei (Ohren auf)

Es dürfte bekannt oder zumindest keine große Überraschung sein, dass ich kein großer Fan der Atomlobby bin. Gestern aber hörte ich einen Podcast, der zwar langsam anfing, mich dann aber neuerlich zum Kopfschütteln brachte und auf den ich eure Aufmerksamkeit lenken möchte: Es handelt sich um die Folge 3 der Elementarfragen von Nicolas Semak, in der er mit Sebastian Pflugbeil spricht. Ich will das gar nicht groß weiter kommentieren, außer zu sagen, dass hier endlich mal ein „Insider“ mit echtem Fachwissen(TM) über eine Sache spricht, so wie wir das bei den Kneipendiskussionen immer gerne hätten.
Es sei noch angemerkt, dass das Veröffentlichungsdatum, der 8.6.2010, lange vor dem Fukushimaunglück liegt, hier also noch in keinster Weise von Hysterie zu sprechen ist.

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker sein um zu der Ansicht zu gelangen, dass da ganz offensichtlich etwas faul ist im Staate Dänemark, und besonders beunruhigend sind die Positionen des Herrn Plugbeil für jemanden, der wie ich in Hamburg wohnt und damit in direkter Nähe zum AKW Krümmel. Besondere Aufmerksamkeit verdient aber meiner Meinung nach der von Pflugbeil etwas anders interpretierte Leukämiecluster Elbmarsch.

Wem das noch nicht reicht, der höre danach Alternativlos mit der Folge 14. Hier sprechen in direkter Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima Frank Rieger und Fefe mit Michael Sailer vom Öko-Institut und der Kommission für Reaktorsicherheit, und dieser kommt ebenfalls zu ziemlich ernüchternden Ergebnissen. Etwas technischer, dennoch hörenswert.

Sebastian Plugbeil tritt in bei den Elementarfragen kurz danach auch noch einmal auf, ebenfalls  nach Fukushima. Diese Folge habe ich noch nicht gehört, ich will sie euch aber nicht vorenthalten.

Man möchte zusammenfassen: Wer nach dem Genuss dieser Interviews noch der Meinung ist, die Atomenergie sei beherrschbar, dem unterstelle ich hiermit einen zehn Kilometer hohen Realitätsverlust.

Nachlese zu Skeptics in the Pub vom 13.11.2012, Thema Waldorfpädagogik

Am Abend des gestrigen Tages, des 13.11.2012, war ich anwesend bei einem Vortrag im Rahmen der Veranstaltung Skeptics in the Pub im Haus 73 hier in Hamburg. André Sebastiani sprach etwa eine Dreiviertelstunde lang in größtenteils sehr unterhaltsamer Manier darüber, wie seiner Erfahrung nach Steiners Lehren an den Waldorfschulen dieser Republik umgesetzt werden beleuchtete, was er daran für kritkwürdig hielt.

Ich war mit zwei Freunden gekommen, und danke an dieser Stelle an Jan für die Nachfrage ob ich komme, der Vortrag war spannend und ich hatte den Termin nicht im Kalender. Tatsächlich kannte ich die Veranstaltungsreihe vor allem deshalb, weil die sympathischen Macher des nicht weniger sympathischen Skeptiker-Podcasts Hoaxilla dort beim letzten mal ihr Projekt vorgestellt und diesen Vortrag ihrerseits im Podcast angekündigt hatten. Diese saßen ebenfalls mit uns in der letzten Reihe.

Der Vortrag begann mit leichter Verspätung, Sebastiani ließ sich aber auch nicht durcheinander bringen, als mehrere Minuten danach immer noch Zuhörer eintrudelten. Was hier bereits deutlich wurde war die Erfahrung des Redners im Umgang mit Publikum. Dass er selbst Lehrer ist, war mir bis dahin nicht bekannt, wurde ab hier aber positiv spürbar.

Diese Routine konnte er auch gut gebrauchen, denn etwa nach der Hälfte der Zeit kam es, für mich völlig unvorhergesehen, zu einer Unterbrechung: Aus dem Publikum meldete sich im Anschluss an eine ergänzende Wortmeldung jemand, der sich direkt als langjähriger Waldorflehrer zu erkennen gab und nicht ganz unaufgeregt Kritik anzubringen hatte. „Tendenziös“ sei der Vortrag, „Kalauer“ an jeder Ecke gäbe es und vieles sei ungenau, wenn nicht falsch.
Mir war nicht bekannt, dass die Hamburger Skeptiker explizit Einladungen an örtliche Waldorfschulen verschickt hatten, und so twitterte ich aus meinem knarrenden Korbsessel heraus erst einmal fröhlich über die vermeintlichen Guerilla-Waldorflehrer.

Nach einem kurzen Wortwechsel und einer exzellenten Diplomatieleistung der Organisatorinnen konnte die Diskussion im allgemeinen Konsens aber auf nach dem Vortrag verschoben werden, was bis auf ein oder zwei Einwürfe dann auch durchgezogen wurde.
Der Erkenntnisgewinn der durch eine ansehnliche Präsentation auf dem (sein Bild leider reichlich tief an die Wand projizierenden) Beamer stellt sich mir nach Gedächtnisprotokoll und in willkürlicher Reihenfolge in etwa wie folgt dar:

– 1. Die Schriften Steiners enthalten (auch nach Abzug des historischen Tenors der Zeit) klar rassistische Aussagen und Waldorfschulen tun eindeutig zuwenig bzw. zuwenig Überprüfbares, um sich davon abzugrenzen.
– 2. Große Teile der pädagogischen wie auch philosophischen Lehre Steiners sind völlig überholt und waren es teilweise bereits beim Erscheinen seiner Werke. Dennoch gibt es anscheinend keine Reformbestrebungen dagegen.
– 3. Die Methoden der Schulen sind nahezu völlig unüberprüfbar, da diese sich größtenteils einer Kontrolle von außen entziehen.
– 4. Kinder werden anhand hanebüchener Kriterien stereotypisiert.
– 5. (Klassen-)Lehrer sind Autoritätsfiguren mit extrem weitreichenden Verpflichtungen und Kompetenzen. (siehe 4.) Durch die Konzeption einer Klasse als achtjährige „kosmische Schicksalsgemeinschaft“ sind die Schüler außerdem übermäßig lang an diesen Lehrer gebunden, so dass eine persönliche Differenz zwischen Lehrer und Schüler kaum gelöst werden kann durch den plavollen Wechsel in einen neuen Klassenverbund. Eine Horrorvorstellung für jeden, der irgendwann einmal ein Problem mit einer Lehrkraft hatte.
– 6. Viele, wenn nicht sogar die meisten der Grundannahmen Steiners sind reine Esotherik und entziehen sich jeder wissenschaftlichen Betrachtung, z.B. die angenommenen zwölf Sinne eines Menschen.
– 7. Ein großer Teil der an Waldorfschulen offenbar durchgeführten Rituale, und dafür fällt mir kein besseres Wort ein, ist von einer für säkulär-westlich geprägte Normalbürger nur schwer zu akzeptierenden Skurillität.
– 8. Schüler lernen in ihrer gesamten Ausbildung an Waldorfschulen an keiner Stelle, Kritik an höheren Instanzen zu üben.

Die Einwände der anwesenden Waldorfbefürworter kamen im Anschluss promt, und waren durchaus interessant. Im Einzelnen konnte ich den bereits angesprochenen Lehrer ausmachen, außerdem war ein Vater eines oder mehrerer Waldorfschüler anwesend, der außerdem selbst eine solche Schule besucht und (trotzdem?) in Geschichtswissenschaften mit summa cum laude promoviert hat, sowie eine in ihrer Beziehung zur Fragestellung nicht klar positionierte Frau.
Was dazu zusammenfassend zu sagen ist, soll hier an dieser Stelle noch einmal wiederholt werden: Weder hat Sebastiani an irgendeiner Stelle behauptet, alles sei schlecht an Waldorfschulen. Noch hat er das staatliche Schulsystem als problemfrei dargestellt. Doch berührt dies die oben genannte Kritik in keiner Weise. Im Folgenden möchte ich meine Erinnerung an diese Diskussion verschriftlichen und die mir durch den Kopf gehenden Gedanken dazu zu niederlegen, die ich vor Ort nicht äußern konnte.

Als häufigstes Kontra wurde geäußert, Sebastiani könne wohl kaum Waldorfschulen in ihrer Gesamtheit beurteilen, da er sich stets auf Einzelfälle berufe.
Das ist insofern richtig, als dass zur Überprüfung der Schulen von außen gar nichts anderes bleibt als eben diese Einzelfälle, da ein Besuch dieser Lehranstalten anscheinend nicht ohne weiteres möglich ist, anders als an staatlichen Schulen.
Interessanterweise bedeutete die Einzelfallhypothese für die Waldorfbefürworter nicht, dass man nicht umgekehrt anhand seiner eigenen subjektiv-positiven Erfahrungen das gesamte System meint beurteilen zu können, wie Alex von Hoaxilla auch in direkter Erwiderung („Pars pro toto“) andeutete. Anscheinend kannte jedenfalls keiner der anwesenden Waldörfler einen Fall, in dem ein Waldorfschüler Probleme gehabt hätte, die im System begründet lagen.
In die gleiche Kerbe schlug die genannte Frau, deren genaue Einordnung in den Zusammenhang mir in der Zeit meiner Anwesenheit nicht gelang, als sie sagte, sie kenne keinen einzigen Waldörfler, der irgendwie „verkorkst“ oder ähnliches wäre. Sie hatte dieser Aussage eine kleine Empörungswelle vorausgeschickt („ungeheurlich“), doch Sebastiani widersprach, er kenne da durchaus Fälle, und zwar mehr als einen.
Auch mir erzählte noch am gleichen Abend jemand außerhalb der Veranstaltung, dass er ebenfalls einen ehemaligen Waldorfschüler kenne, der nach seiner Schulzeit erst zum Straßenpunk und dann heroinabhängig wurde.
Abgesehen davon, dass nicht eindeutig geklärt wurde, was ein „verkorkstes“ Leben eigentlich sein soll und ich mich ohnehin hüten würde, gerade in der Öffentlichkeit ein solches Urteil über jemanden zu fällen muss doch gesagt werden, dass offenbar hier vor allem der Wahrnehmungshorizont der Dame den Ausschlag zu dieser Wortmeldung gegeben haben muss – zumindest halte ich ein Leben an der Nadel nicht für etwas, das Steiner sich für seine Schüler gewünscht hätte.

Die Rede war außerdem von dem besseren Abiturschnitt, der an Waldorfschulen zu messen ist. Darauf wurde richtigerweise geantwortet, dass die Waldorfschulen auch keinen gesellschaftlich repräsentativen Querschnitt abbilden, und mit ein bisschen Polemik könnte man wohl durchaus behaupten, dass sich hier das gleiche widersprüchliche Phänomen wie bei jeder esotherischen Erscheinung zeigt: Anfällig dafür sind besonders die Mitglieder der Schicht des sog. Bildungsbürgertums.
Außerdem nehmen Waldorfschüler offenbar deutlich mehr Nachhilfeunterricht als ihre Pendants an staatlichen Schulen.

Mehrfach angesprochen wurde außerdem die stark musische Ausrichtung der Waldorfschulen. Diese halte ich für sich betrachtet auch nicht für falsch, aber muss man auch Kinder mit eher naturwissenschaftlichen Neigungen zwangsweise ebenfalls so unterrichten? Ich glaube nicht.
Die musische Ausrichtung ist ja auch nur dann wirklich wertvoll, wenn es eine Wahl gibt, und die gibt es an Waldorfschulen ganz offensichtlich nicht.

Interessant fand ich persönlich, dass der anwesende Lehrer in der Tat Zugeständnisse an Sebastiani machte und sagte, durchaus nicht alles in seinem Vortrag sei falsch. Insbesondere die Stereotypisierung mit ihren Konsequenzen fände wohl auch nicht sein Wohlwollen.
In Anbetracht dessen, dass ihm der Rest der Lehre anscheinend dennoch keinen Anlass zum Widerspruch gibt, halte ich das allerdings vor allem für Rosinenpickerei: Wer aus einem nur aus sich selbst heraus begründeten und schlüssigen Glaubenssystem (und von nichts anderem sprechen wir hier wenn es darum geht, dass Steiners Ansätze richtig sein müssen, weil er angeblich aus der Akasha-Chronik lesen konnte) isoliert die Dinge übernimmt, die ihm vernünftig erscheinen, muss sich meiner Meinung nach den Vorwurf eines inkonsistenten Weltbildes gefallen lassen wie auch die Frage, ob er damit mit dem Gros derer, die ebenfalls in Steiners Sinn handeln, übereinstimmt.

Im Übrigen möchte ich anmerken, dass ich die angesprochenen Tendenziösität durchaus wahrgenommen habe, es hier aber für wichtig halte zu erwähnen, das Sebastiani sich durchaus Mühe gab, jede seiner Schlussfolgerungen als seine subjektive Ansicht zu kennzeichnen und hinreichend oft auf die in waldorfscher Verschlossenheit beursachte Unmöglichkeit verwies, wirklich objektive Aussagen zu treffen. Was wir hörten war zu keiner Zeit gefährdet, als Predigt gelten zu müssen, sondern beklagte genau diesen Umstand bei der Gegenseite.
Ob man zu den zwölf Steinerschen Sinnen einen dreizehnten, den Unsinn, hinzupostulieren hätte müssen, sei mal dahingestellt. Beim restlichen Publikum erzeugtes es aber durchaus ein Schmunzeln.

Es bleibt zu sagen: Wenn an Waldorfschulen nichts Kritkwürdiges dran sein soll stellt sich doch die Frage, warum man sich dort einer weiterreichenden Überprüfung entzieht. Besondere Behauptungen (zu denen ich die Heilslehre des Rudolf Steiner durchaus zählen würde) bedürfen schließlich auch besonderer Belege. Auch ließen sich so die Einzelfälle besser einordnen, die ja in ihrer schieren Zahl und Vielfältigkeit durchaus staunen machen.
Ferner finde ich es völlig absurd, ein Weltbild auf rein metaphysischen, ja, Phantasiebehauptungen aufzubauen und für die Vermittelung eben dessen staatliche Gelder zu beanspruchen. Diesen Vorwurf kann man natürlich den Waldorfschulen nicht allein machen sondern muss ihn auch an z.B. katholische Schulen richten, aber das ändert nichts an der zugrundeliegenden Tatsache. Der Staat wendet für einen Waldorfschulkind wohl nur 75% dessen auf, was er für ein Kind an einer staatlichen Schule ausgibt. Der an diesem Abend geäußerten Forderung nach hundertprozentiger staatlicher Finanzierung von Waldorfschulen möchte ich mich entschieden entgegen stellen und fordere, der Staat möge da überhaupt nichts bezahlen, solange die Vorteile der Waldorfpädagogik oder wenigstens ihre Unschädlichkeit nicht erwiesen sind.
Dass man so Kinder aus sozial schwachen Familien benachteiligen würde ist ja nach Aussagen der anwesenden Befürworter zum derzeitgen Zeitpunkt auch kein Problem, weil man das Schulgeld ja bereits jetzt anhand dessen bemisst, was die Eltern verdienen – warum nicht orientieren an der Mischkalkulation bei der Preisgestaltung von Internetflatrates? Und starke Schultern tragen mehr als schwache. So zumindest müsste das doch schlüssig sein, der Logik derer folgend, die derzeitige Schuldgeldpolitik der Waldorfschulen für unproblematisch halten.

Die mir bekannten Vorteile, die die Waldorfpädagogik für sich in Anspruch nimmt, sind meiner Ansicht entweder rein reflexiv nur auf ihre Heilslehre bezogen („Etwas ist richtig, wenn es nach unseren Glaubenssätzen richtig ist“), und ansonsten durch mindestens ein anderes gesellschaftliches Phänomen zu  erklären, wie das Beispiel der Abiturnoten. Der Aufdeckung ihrer Nachteile und Gefahren entzieht man sich auf Seiten der Befürworter aber.
Im Rahmen dessen spreche ich mich ebenfalls entschieden gegen das Schulversuch genannte Projekt der ersten vollstaatlichen Waldorfschule in Hamburg aus.

 

Dennoch, oder gerade deshalb, möchte ich den gestern anwesenden meinen Respekt und Dank aussprechen, und zwar mit ganz großem Chapeau: Ich hätte meinerseits wohl kaum das Selbstvertrauen gehabt, in einem Raum voller Leute, von denen ich weiß, dass sie gegen meine Überzeugungen sind, laut und offensiv zu widersprechen.
Ganz gleich, ob ich Ihre Meinung teile, das hat mich beeindruckt. Dieses Zugeständnis muss ich machen, und ich mache es gern.
Unsere Weltbilder mögen verschieden sein, aber der Geist, für etwas einzustehen, von dem man überzeugt ist, ist eine tolle Charaktereigenschaft. Ohne Ihre Anwesenheit wäre der gestrige Abend wesentlich weniger informativ gewesen.

Und zum Schluss aber doch noch ein wenig Gehässigkeit, weil das wahrscheinlich von mir erwartet wird: Das Waldorf-Navi, das Waldorf-Bullshitbingo, und abschließend der offene Brief an den Hamburger Bildungssenator Thies Rabe.

Bitte nehmen Sie, falls Sie das gelesen haben, es nicht zu persönlich. Das wird Ihnen wohl gelingen, wie mir vom weiteren Verlauf des Abends berichtet wurde, sind auch Ihnen Selbstironie und Humor nicht fremd.

 

Anmerkung: Ich spreche im Text absichtlich ausschließlich von Waldorfbefürwortern, nicht von Steinerbefürwortern. Auch wenn André Sebastiani die Möglichkeit dazu aller Wahrscheinlichkeit nicht sieht und ich sie insgeheim auch anzweifeln würde, so scheint es aber doch Leute zu geben, die das voneinander trennen wollen würden.

Hamburgs Innensenator Neumann und die Welten, in denen seine Wähler leben

Werter Herr Neumann!

Ich versuche mich mal an einem Satz, den die Springerpresse so ähnlich vielleicht von sich geben würde:

„Hamburger Innensenator dreht frei!“

Persönlich habe ich, trotz durchaus stattfindenden Konsumes Hamburger Medienerzeugnisse, von Ihnen bisher nicht allzuviel wahrgenommen, was Ihre Arbeit eigentlich in ein eher besseres als schlechteres Licht rückt. Doch was Ihnen da in den Kommentaren zu Ihrem eigenen Blog aus der Feder fließt lässt mich hoffen, dass Sie einfach einen schlechten Tag hatten. Immerhin war es noch früh, als Sie zum ersten mal zulangten.

Da hier ein Impressum vorliegt, könne Sie sich übrigens nicht über den Vorwurf, mit anonymen Gegnern einen assymetrischen Kampf zu führen, aus der Affäre ziehen.

Das Rechtsverständnis, das Sie da äußern, finde ich bemerkenswert. Die demokratische Legitimation, von der Sie sprechen, gibt es keinesfalls her, auf Anfragen des Souveräns bezüglich in Zusammenhang mit dem Thema Ihres Blogeintrages stehenden Misständen mit einer derart herablassenden Art zu reagieren wie Sie das tun. Als großer Sympath waren Sie mir zwar ebenfalls nie aufgefallen, aber Ihre Kommentare finde ich geradezu beschämend.
Einen Straftatbestand sehe ich, anders als einer der Kommentatoren, zwar nicht, wohl aber wirklich schlechten Stil.

Es ist keine Lösung, mit den immergleichen Worthülsen darauf hinzuweisen, dass zur Staatsanwaltschaft gehen soll, wer Unrecht durch die Polizei erfahren hat. Wenn Sie glauben, die gegen null tendierende Zahl der Verurteilungen von Polizisten wegen unverhältnismäßiger Gewaltausübung im Dinest sei ein Indiz für deren einwandfreies Verhalten, dann muss ich mir an den Kopf fassen ob Ihrer Realitätsflucht; selbst ich als nicht eben häufiger Stadion- oder Demonstrationsgänger kenne eben nicht nur Berichte von oft nicht nur unnötiger, sondern auch völlig unverhältnismäßiger Gewaltanwendung durch Polizeibeamte. Die Existenz dieses Problems zu verleugnen halte ich für eine Glanzleistung an Realitätsflucht. Ihren mantraartigen Hinweis auf die Staatsanwaltschaft empfinde ich als besonders wenig hilfreich, hätte mir einmal ein maskierter Polizist im Adrenalinrausch die Nase blutig geschlagen, käme er mir gar wie Hohn vor.

Wenn also die Unschuld Ihrer so geschätzten Polizistinnen und Polizisten so einwandfrei feststeht weil es keine Urteile gegen sie gibt, so muss für Sie bei konsequenter Fortführung dieser Logik auch feststehen, dass in den vom Verfassungsschutz jüngst geschredderten Akten gewiss keine für diesen belastenden Informationen enthalten waren – der Beweis ist schließlich nicht zu erbringen.

Sehr wohl aber lässt sich Fehlverhalten von Hamburger Polizisten im Einsatz auf Großveranstaltungen belegen; so sind am Rande eines friedlichen Protestmarsches letzten Herbst mehrere Polizeibeamte dabei fotografiert worden, wie sie illegalerweise die Menge, von der zu keiner Zeit eine Bedrohung ausging, gefilmt, oder wie der Polizeijargon sagt, „videographiert“ haben. Dies scheint auch bei weitem kein Einzelfall zu sein.

Wie auch immer, viel schlimmer finde ich die Unterstellung, damit solle die Verhinderung der Wache im Stadion erkauft werden.
Es ist mir, wenn ich das sagen darf, vergleichsweise egal, wo die nächste Wache ist, und ich weiß, dass Sie das eher in der Bürgerschaft bzw. mit dem Verein besprechen werden, wenn Sie aber keinen Sinn darin sehen, dass die Bürger ihre Meinung kund tun, brauchen Sie sich auch nicht als Demokrat zu bezeichnen – sollen Sie doch deren Meinung vertreten!
Dass man sich Ihnen in Bezug auf Polizeigewalt zuwendet muss Sie doch eigentlich freuen, schließlich erhofften sich einige der Kommentatoren wohl durchaus Konstruktives aus dem Gespräch mit ihrem Innensenator.
Naiv war das, wie sich heraustellen musste.

Dass Sie es angeblich nicht schlimm finden, wenn jetzt jeder Kommentare von Ihnen lesen kann, wie

[..], keinerlei Beweise dafür vorlegen zu können und das dann wieder als Bestätigung kruder Weltverschwörungstheorien heran zu ziehen. Eine vielleicht bequeme, aber falsche Weltsicht. Mein Vorschlag: Werden Sie langsam erwachsen.

Ihnen auf diesem Wege alles Gute.

kann ich an dieser Stelle nur schwerlich glauben.

Das war eine schwache Vorstellung.
Und dass Sie keine Medienberater haben, glaube ich Ihnen aufs Wort. Ich möchte Ihnen außerdem nahelegen, in Zukunft wenigstens die Grundformen der Höflichkeit zu wahren, wenn Sie mit ihren Bürgern sprechen. Es hat nichts mit deutlichen Antworten zu tun, so überheblich daherzureden wie Sie, und so ganz allein bin ich mit meiner Meinung anscheinend auch nicht.

Das Netz vergisst nämlich nicht, die Regeln gelten für Privatpersonen wie für Personen des öffentlichen Lebens.

Update, 4.7., 12:20 Uhr:
Herr Neumann hat offenbar die Kommentare unter seinem Blog gesperrt bzw. sperren lassen.
In der Tat sind die ersten etwa 75 Kommentare nicht mehr direkt einsehbar, über den direkten Link auf einen solchen (wie hinter der einleitenden Boulevard-Überschrift) gehts aber immer noch.
Passt ins Bild, wenn ihr mich fragt.

Update 2, 12:35 Uhr:
Sollte es dazu kommen, dass Neumann bestreitet, derlei Dinge geschrieben zu haben, gibt es hier eine Sicherung.