Ein kleiner Aufsatz über Freiheit und Verantwortung

Freiheit bringt Verantwortung. Wenn ich keine Wahl habe, kann ich für das, was ich tue, nicht verurteilt werden. Vgl.: „Ich hatte keine Wahl!“
Verantwortung bringt Freiheit. Die Freiheit nämlich, sich auch für die Option entscheiden zu können, für die man hinterher die Verantwortung übernehmen muss.
Sich für das eine zu entscheiden, heißt, das andere, oder alles andere, nicht zu tun. Und eine Entscheidung, die keine wahrnehmbaren Konsequenzen tätigt, ist willkürlich.

Nun gibt es Dinge, die letztendlich nur mich selbst betreffen. Ob ich ein blaues oder ein rotes Shirt trage, geht nur mich etwas an. Im ganz engen Rahmen: Ob ich lieber Ananas oder Orangen mag, lieber Metal oder HipHop höre, oder lieber SciFi, Fantasy, Sachbücher oder Krimis lese. Schon bei der Frage, ob ich mich bilde, fangen aber die Folgen für meine Umwelt an, solange ich diese Bildung nicht ungenutzt ablege.
Hiermit ist selbstverständlich nicht die Form von Bildung gemeint, die mich bei Quizduell und Wer wird Millionär gut aussehen lässt, sondern die, die mich in die Lage versetzt, Aussagen über Statistiken bewerten oder Ideologien als solche zu erkennen zu können. Tatsächlich erhöht diese Form der Bildung den sozialen, intellektuellen Freiheitsgrad: Ich kann z.B. der Aussage eines Zeitungsartikels folgen, oder es nicht tun, weil ich dank meiner Bildung ein Argumentationsmuster entdecke, das zu Schlüssen führt, die ich nicht teile. In jedem Fall kann Bildung mein Denken und deswegen auch mein Handeln beeinflussen.
Sobald meine, aus einem gebildeteren Standpunkt heraus getroffenen, Entscheidungen meine Umwelt betreffen, indem ich womöglich eine andere Partei wähle, oder ich, noch naheliegender, in einer Diskussion mit anderen einen neuen Standpunkt vertrete, muss ich aber Verantwortung für sie übernehmen – auch im kleinen Rahmen. Für eine Bewegung einzutreten und sich hinterher von dem freizusprechen, was diese verursacht hat, ist nur glaubwürdig, wenn ich nachweislich zum Zeitpunkt der Entscheidung von diesen Folgen nichts wissen konnte.
Öffentlich einzugestehen, dass ich mich aus diesem oder jenen Grund geirrt habe, macht mich selbst allerdings glaubwürdiger, da ich so deutlich mache, dass mir Wahrheit und Fortschritt im Diskurs wichtiger sind, als stets bloß „recht“ gehabt zu haben. Hieran erkennt man auch Ideologen: Meine Ideologie kann nicht falsch sein, die Betrachtungen aller anderen, die diese anzweifeln, müssen also in einen anderen Kontext gestellt werden, der diese in meine Ideologie einordnet: Wenn die Mondlandung eine Fälschung war, dann muss auch jedes Foto der Austronauten auf der Mondoberfläche gefälscht sein, und wer es verbreitet, ist entweder wissentlich oder unwissentlich ein Agitator derjenigen, deren Lüge ich dekonstruieren muss.

Unser Gesetze kodifizieren einen Großteil unserer Vorstellungen davon, wo die Freiheit des einzelnen endet, selbst wenn er bereit wäre, die naturgegebenen Konsequenzen dafür zu übernehmen: Gewalt, körperlich oder psychologisch, ist in größten Teilen strafbewehrt. Hier ist sich die Gesellschaft sozusagen einig, dass diese Handlungen nicht vertretbar sind. Man entzieht die Entscheidung, ob ich jemand anderem die Nase breche, also der Menge an Entscheidungen, bei denen ich abwägen können soll, ob ich es unterlasse oder mit den Konsequenzen leben möchte, bzw. setzt hier für mich Konsequenzen ein, von denen man ausgeht, dass ich nicht bereit bin, sie zu tragen. Dass dies in Einzelfällen nicht funktioniert, ist oft durch eine andere Unfreiheit bedingt: Ein Mensch mit Verhaltensstörungen z.B. unterliegt beim Bewerten, ob es OK ist, jemanden zu verletzen, nicht denselben Bewertungsgrundlagen wie wie nicht verhaltensgestörte Menschen und kann daher nicht zur selben Entscheidung kommen wie die Gesellschaft.
Begründet wird die Bestrafung von Gewalt vor allem mit dem Recht des Individuums auf Unversehrtheit, das man also als Abwehrrecht gegen die Freiheit anderer verstehen könnte, was wohl meist von Kant abgeleitet wird, um es frei von individuellen Wertvorstellungen zu halten. Weit verbreitet ist die Sicht auf die Begriffe Ethik und Moral, nach der Ethik etwas sei, was von innen, aus mir selbst heraus kommt, „Ich finde, dass…“, wohingegen Moral von außen kommt, „Du sollst…!“.
Griffiger und diskursdienlicher finde ich die Definition des Begriffspaares aus der modernen Philosophie, in der Ethik Entscheidungen bezeichnet, die nur das Individuum betreffen, wie die eingangs erwähnte T-Shirt-Farbe, und Moral alle Überzeugungen bezeichnet, von denen man findet, dass sie verallgemeinerbar sind – vor allem aber, dass Moral immer „intersubjektiv“ ist, also zwangsläufig von Moral gesprochen werden muss, wenn es um mehr als nur mich selbst geht.
Ethische Entscheidungen sind daher vollständig mir selbst überlassen (wobei darüber diskutiert werden kann, wo die Wirkung auf andere beginnt – „Man kann nicht nicht kommunizieren“, „Das Private ist politisch“), moralische Ansichten müssen diskutiert werden können.

Nun kann ich unmöglich immer die volle Verantwortung für alle meine Taten tragen. Unsere Welt ist komplex, und in der Wirklichkeit habe ich nicht die Zeit, mir über alle Konsequenzen meines Handelns Gedanken zu machen.

Man kann mich nicht verantwortlich dafür machen, wenn ich Dinge grundsätzlich erst einmal so tue, wie ich das in meiner Umwelt erlebe. Menschen lernen nun mal auch über Nachahmung. Nachahmung beinhaltet keine Hinterfragung.
Nun kann man mich dazu auffordern, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Selbst, wenn mir selbst das Thema als nicht besonders wichtig erscheint, muss ich a priori begründen können, um dem potentiell großen Nachdruck meines Gegenübers zu widersprechen. Idealerweise, weil ich dessen Standpunkt bereits möglichst allumfassend rezipiert habe (was ich dann aber ebenfalls unter Beweis stellen sollte). Im schlimmsten Falle aber tue ich das aus Selbstschutz heraus, weil mir klar ist, dass das, was folgt, einen unangenehmen Lerneffekt für mich beinhalten könnte und mich daher in meiner Comfort Zone bedroht.

Dann nämlich habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich bin lieber bequem.

Man kann mich nicht dazu zwingen, nicht bequem zu sein, da dies von meiner individuellen Freiheit vollständig abgedeckt ist. Aber ich muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen; so kann ich andere schlecht dafür verurteilen, dass sie mir das als aus ihrer Sicht amoralisches Verhalten auslegen. Auch verwirft man mit dem Ablehnen einer Beschäftigung mit einem Thema eine andere Freiheit, die erst mit der Auseinandersetzung käme. Die Vermehrung der Handlungsoptionen als Ziel der eigenen Handlungen stellt Heinz von Foerster übrigens als „ethischen Imperativ“ dar.
Wenn nun aber die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führen kann, mein Verhalten anderen gegenüber zu verändern, und mir jemand nicht gerade bloß eine Rezension über das neuste Album von Manowar zu lesen geben möchte, erfordert es unser Freiheitsbegriff geradezu, sich dem wenigstens auszusetzen. Alles andere wäre ein Eingeständnis eigener Bequemlichkeit, und darin resultierend Unmündigkeit.
Was mir auch bewusst sein muss, wenn ich bewusst eine Entscheidung treffe, ist, dass mir von den Gegnern meiner Entscheidung stets ein Interessenskonflikt unterstellt werden kann: Das Ergebnis, mein Verhalten nicht zu verändern, steht nämlich am Ende sowohl der begründeten Ablehnung der Argumentation meines Gegenübers wie auch der Nichtentscheidung aus Bequemlichkeit bzw. Unmündigkeit.

Ich darf also meine Entscheidung nicht nur mit der Freiheit allein begründen, wenn ich nicht damit leben möchte, für bequem, unreflektiert, ja sogar unmündig und ungebildet gehalten zu werden.

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Ein Kommentar

  1. Ohnweg

    Hat dies auf faktorfreiheit rebloggt und kommentierte:
    Ja, Freiheit ist ein Problem. Sowie man sie aus persönlicher Sicht erklären will, beengt man sie. Das soll allerdings keine negative Bewertung über den eingestellten Aufsatz sein. Er hat interessante Facetten zu bieten. Sonst würde er hier nicht erscheinen.

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