Querpost: Hape Kerkeling Best Of Spezial

Ich habe gestern mal wieder ein kleines Video geschnitten. Heute stelle ich es ins Blog, damit es gut wiedergefunden werden kann.

 

Es ist etwas mehr als das, was der Titel verspricht. Guckt es bloß zuende, aber ich will euch die Überraschung nicht verderben. Viel Spaß. 😉

Wackennachlese 2013

Ich glaube, ich möchte einmal kurz klarstellen, warum ich dieses Jahr vom Wacken Open Air insgesamt enttäuscht war, obwohl ich großen Spaß hatte und das Ticket für nächstes Jahr auch schon bestellt ist.

Schon während der Festivalwoche war unserer Gruppe mehrheitlich aufgefallen, dass bei den meisten Konzerten mittlerweile mehr Kurz- als Langhaarige vor den Bühnen stehen. Damit meine ich nicht, dass mir Leute mit kurzen Haaren irgendwie nicht passen, Toleranz und Offenheit sind auch bei mir hohe, wenn nicht höchste Werte. Und es geht mir auch nicht um Mainstream/Underground an sich. Aber ein kurzer Exkurs zu dem, was ich zunehmend vermisse.

Vor zehn Jahren bin ich das erste mal auf ein Festival gefahren, und es war das damals in den Medien noch kaum präsente Wacken Open Air, auf dem sich im Jahre 2003 schon für die damalige Zeit gigantische 30.000 Leute tummelten. Was damals das Ticket gekostet hat, mag ich gar nicht sagen, sonst schießen mir die Tränen in die Tastatur. Nur so viel zum Geist der Zeit: Man konnte damals gebatikte Shirts tragen, ohne retro sein zu wollen.
Jedenfalls erinnere ich mich an eine Atmosphäre, die die heutige wirken lässt wie den Ansturm auf einen neu eröffneten Applestore.

Mit „kurzhaarig“ meine ich nämlich nicht „Menschen mit kurzen Haaren“, sondern „szenefremdes Publikum“. Man erkennt sie nicht nur an der Frisur; viele von ihnen haben offenbar gerade ihr erstes schwarzes Shirt gekauft, meist das des aktuellen Wackenjahrganges, tragen Blödmannsutensilien durch die Botanik wie etwa aufblasbare Penisse und sind vor allem die, die sich völlig überaffirmativ mit dem Veranstaltungsort identifizieren. („WACKÖÖÖÖÖÖN!“)
Einzelne Merkmale treffen sicher auch auf nichtszenefremdes Publikum zu, aber ihr wisst sicher, welchen Menschenschlag ich meine.
Diese Leute sind nach einhelliger Meinung aller, die ich befragt habe, die, die am meisten von dem verzapfen, was einen an diesem Festival so nervt. Die meisten sexuellen Grenzüberschreitungen, die ich gegenüber hübschen Frauen beobachtet habe,  Fäkalorgien, sinnlose Zerstörung, Herumspringen in Schlammpfützen bei Konzerten, die die Umstehenden eigentlich lieber sehen würden, aggressiv Bier schnorren, seine Umgebung 24/7 mit Schlumpftechno beschallen und nicht zuletzt, Nazilieder grölen.
Auch rekrutiert sich aus diesen Kreisen ein Großteil derer, die so sehr besoffen sind, dass einem selbst als trinkfreudigem Metalhead mit einem Schlag das Dosenbier im Munde schal wird.

Ich will nicht sagen, dass das alles Sachen sind, die „echte“ Metaller nie tun, aber wer mehr als eines der Jahre seit, sagen wir, 2008 mal nach Wacken gepilgert ist, der dürfte sich meinem Eindruck der Häufung dieser Dinge bei Nichtmetallern anschließen.

Ich bin auch nicht der erste, der den Vergleich zum Ballermann zieht. Aber wen wundert es?

Es spricht überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen sich amüsieren und die Sau rauslassen wollen. Auch kurzhaarige Menschen dürfen das tun, und das tue ich ja selbst auch. Ich fahre aber absichtlich nicht zum Ballerman, weil mir das da einfach nicht gefällt. Und wenn mein Lieblingsfestival sich mehr und mehr in diese Richtung entwickelt, dann gefällt mir das umso mehr nicht. Hier ist das Problem: Die Ausrichtung des W:O:A geht zunehmend an den Interessen der alten Kernzielgruppe vorbei.
Man fühlt sich als jemand, der etwas mit der Metalkultur verbindet, mehr und mehr als Fremdkörper auf einer Veranstaltung, die mal mit „Faster Harder Louder“ ein richtig metallisches Motto hatte, und auf der jetzt Santiano und Heino ernstzunehmende Acts oder Teil von solchen sind. Wie ein Gast im falschen Haus.

Die Probleme mit Nichtszenegängern halte ich dabei für hausgemacht. Leute, die keine Leidenschaft für die zugrundeliegende Subkultur mitbringen, interessieren sich auch nicht für den Zusammenhalt innerhalb derselben und für die Außenwirkung des Ganzen.
Ich weiß natürlich nicht, ob sich jemals ein Metaller vom Pinkeln in den Busch hat abhalten lassen, weil er dachte, dass das die Metalszene schlecht dastehen lässt, interessanterweise passiert aber deutlich weniger von Vergleichbarem auf kleineren Metalfestivals, die noch nicht so stark durchmischt sind, wie auf dem Party.San und anderen.

Man könnte nun freilich argumentieren, ich sei ein Feind von Durchmischung, und dass Offenheit eben auch eine Eigenart der Metalszene sei. Letztgenannteres ist natürlich nicht falsch.
Jetzt lebt aber der identitätsstiftende Teil der dunklen Alternativkulturen, zu denen z.B. auch die Grufties etc. gehören, zumindest in Teilen davon, sich ein Stück weit aus der gesellschaftlichen Mitte herauszuziehen, und zum Beispiel nicht jeden Trend mitmachzumachen. Es gibt auch andere tolle Farben außer Schwarz, doch die meisten Kleidungsstücke in den meisten Kleiderschränken sind eben schwarz. Beispiele über Beispiele; gesellschaftliches Vorankommen wäre ohne Tattoos und Piercings sicher oft leichter, und auch auf die übrige Zivilgesellschaft wirkt man damit oft abschreckend, so dass sich alsbald der Freundeskreis überwiegend aus anderen Szenemenschen zusammensetzt.
Aus der Abgrenzung entsteht nämlich auch ein Schulterschluss mit anderen, ebenfalls szenezugehörigen Leuten.
Man kann also eine homogene Szene/Gruppe genau wegen ihrer Homogenität kritisieren, und nicht alles ist begrüßenswert daran. Es gibt aber auch positive Aspekte, wie dass man sich innerhalb seiner Peer Group zuhause fühlt und sich darin freier bewegen kann als außerhalb. Auch steht diese Gruppe ja grundsätzlich jedem offen, so dass eine Ablehnung einem angenommenen Mainstream gegenüber etwas ist, dem sich jeder entziehen kann, wenn sie oder er das möchte.
Deswegen bin ich nicht per se dafür, dass man es überall allen recht machen muss und ein Festival so umzubauen, dass ein vermuteter Ottonormalverbraucher sich dort unbedingt wohl fühlt.

Deswegen würde ich mir wünschen, dass auf dem W:O:A in Zukunft wieder, ja, weniger mainstreamige Bands auftreten und der durchschnittliche Härtegrad vielleicht wieder bei z.B. Hypocrisy liegt, wie es zumindest in meiner Wahrnehmung früher zum Teil der Fall war.
In dem Moment, als Rammstein auf dem Lineup des Wacken auftauchten, habe ich schon gedacht „Oh Kacke, die Popper werden über uns herfallen“, und keine 24 Stunden später war das Festival dann auch ausverkauft. Zufall?
Man muss ja nicht gleich das Wackingerdorf abschaffen, aber anstatt Headliner wie Rammstein, Alice Cooper und Deep Purple heranzuholen, wären doch Bands wie, von mir aus, Slayer, Cannibal Corpse und vergleichbare angemessenere Beschallung für ein „XX Years Louder Than Hell!“-Festival.
Zur Sicherheit: Wer hier andere Texte von mir liest, in dem wird die Erkenntnis reifen, dass ich der „Früherwarallesbesser!“-Mentalität eher unverdächtig bin. Auch hatte ich wie alle Jahre zuvor auf dem Wacken Momente großer Freude, mit meiner tollen Begleitung vor der Leinwand zu sitzen, durch das verwandelte Dorf zu schlendern und zum Teil richtig toll abgemischte Konzerte zu hören. Es ändert aber nichts an dem mit jedem Jahr wachsenden Gefühl, nicht der Gast zu sein, den der Veranstalter gern hier hätte bzw. dass dieser einfach alles tun würde, solange die Leute ihr Geld dafür auszugeben bereit sind. Zeichen des unstillbaren Profitdurstes der Veranstalter, wie die versteckten Preiserhöhungen überall (nicht nur beim Bier), schwächen diese Empfindung nicht gerade. Man führe sich nur einmal vor Augen, was allein über die Tickets jedes Jahr an Einnahmen generiert wird:
Ticketpreis 160€ x 80.000 Tickets, macht mal eben 12.800.000€, die jetzt, wo das Festival schon wieder ausverkauft ist, fast ein Jahr quasi nur auf der Bank liegen. Und darauf noch der Reingewinn der Stände und des Merchandise.
Und Wackenfans kaufen anscheinend wirklich alles, sogar Scheiße, solange sie nur mal in Wacken gelegen hat. (Danke für das Bild an dieser Stelle, Dirk!)

Dem Veranstalter kann das nur recht sein. Dass er Geld verdienen möchte, kann man ihm auch nicht vorwerfen. Aber wie gesagt, andere Festivals ziehen ihre Grenzen woanders.
Wenn sich der eingeschlagene Weg auf dem Wacken aber so fortsetzt, werde ich früher oder später den Schritt tun, den mein schlauer Bruder bereits vor einigen Jahren getan hat: Anstatt mich zu beschweren, werde ich einfach nicht mehr hinfahren.

Absichtliche Fehleinschätzung führt zur Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet?

Der NDR berichtet über das Gefahrengebiet Sternschanze und zitiert dabei die Hamburger CDU-Fraktion mit den Worten „besser spät als nie“, und die Ausweisung der Sternschanze als Gefahrengebiet sei nicht nur richtig, sondern auch Monate zu spät erfolgt.
Interessant dabei ist vor allem, wie dazu argumentiert und was bereits an Maßnahmen vorab ergriffen wurde, um die Drogenkriminalität, um die es vorgeblich geht, einzudämmen:

„60.000 Euro hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zur Verfügung gestellt, um den Drogenhandel aus dem Florapark zu verdrängen. Damit wurden die Beleuchtung im Park verbessert und Sträucher geschnitten, um Verstecke zu beseitigen. 15 Beamte waren jeden Tag vor Ort, die Feuerwehr übt in dem Park Einsätze. Doch all das habe den Handel nicht zurückgedrängt, antwortete der Senat auf eine Kleine Anfrage.“

Abgesehen von allen berechtigten Einwänden aus der Ecke derer, die sich um die Bürgerrechte in der Hansestadt sorgen: Es ist kriminologisch überhaupt nichts neues, dass ein Verstärken der Präsenz in einem Gebiet dazu führt, dass die Zahl der ermittelten Delikte steigt.

Mehr Ermittlungen vor Ort führen zwangsläufig zu mehr erfassten Straftaten, die aber keine Steigerung der Kriminalität bedeuten, sondern sie wurden vorher schlicht nur nicht entdeckt. In der Statistik sieht es dann so aus, als stiege die Zahl der Delikte insgesamt und als habe „all das den Handel nicht zurückgedrängt“. Ein Bedrohungszenario wird konstruiert.

Es ist also mitnichten eine Überraschung, dass, wenn im Florapark die Büsche gerodet und mehr Polizisten eingesetzt werden, die Fallzahl in der Gegend steigt. Im Gegenteil, alles andere wäre eine Überraschung gewesen.
Bei der Polizei und im Innenausschuss der CDU weiß man das mit Sicherheit auch, und so ist das Heranziehen solcher Zahlen für eine Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet aus meiner Sicht eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit.

Über das eigentliche Ziel der Aktion möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Der statistisch relevante Fehler der Gerda B.

Rentnerin Gerda B. entschloss sich, da nach Verebben des Feierabendverkehrs vor zwei Stunden nicht ein einziges Auto ihre Straße passiert hatte, das rote Verkehrslichtzeichen zu ignorieren und die Fahrspur zu überqueren. Sie kaufte beim Kiosk gegenüber ein neues Kreuzworträtselheft und staunte zwei Tage später nicht schlecht, als sie drei Beamte der Polizei dabei beobachtete, wie sie eine Überwachungskamera direkt auf ihren Hauseinang ausrichteten.
„Wegen der vielen Verkehrsdelikte“, gab man ihr zur Antwort auf die Frage, warum.

https://www.taz.de/!117010/

Lineare Programme in Zeiten von On Demand

Ausgehend von einem Tweet bat mich Faldrian, die darin anklingende These mit einem Blogbeitrag zu unterfüttern. Dies also nun als mein erster Artikel sozusagen „On demand“.

Selbst, wenn man die von Wirrköpfen postulierte digitale Demenz als das abtut was sie ist, nämlich ein Sammelsurium zukunftsfeindlicher und technologiepessimistischer Halbzusammenhänge, nimmt die Zahl derer, die sich an eine Zeit ohne Internet erinnern können, ab. Bevor sie aber null erreicht, möchte ich die Frage stellen: War alles, was es vor dem Internet gab, per se schlechter als all das, was neu dazu kam?
(Keine Bange, das wird keiner dieser „Früher war alles besser!“-Artikel.)

Das Fernsehgerät, das unsere Familie während meiner Kindheit besaß, gehörte schon im meinem Geburtsjahr ’85 zum alten Eisen. Das Gehäuse war aus Sperrholz, es gab keine Fernbedienung und der Tuner empfing nur drei Kanäle. Immerhin: Er hatte eine Farbröhre, einen Kabelanschluss und zum Betrieb benötigte er nur wenige Schaufeln Kohle pro Stunde.
Auf diesem Gerät lernte ich das kennen, was man heute, in Abgenzung zur Wahlfreiheit des Inhaltskonsumenten im Internet, ein „lineares Programm“ nennt: Die Dinge, die der Sender für richtig hält, werden zu einem ebensolchen Zeitpunkt in den Äther geblasen, und der „User“ hat bestenfalls über Beschwerdebriefe Einfluss auf die Programmgestaltung – ein, zum Glück, recht theoretisches Konstrukt. Die Einflussnahme via Beschwerde meine ich, nicht die Programmgestaltung.

Als Kind verbrachte ich gewiss so manchen grauen Tag, den ich auf die Sesamstraße warten musste, mit so äußerst gewinnbringenden Dingen wie Wettstarren mit einer Wand, unter dem Wohnzimmertisch liegen oder dem Gras beim Wachsen zusehen. Viele Jahre meines Lebens musste ich außerdem nach der Sesamstraße ins Bett. Hätte ich damals mein Programm selbst gestalten können, so wäre ich nicht selten schon eine halbe Stunde nach dem Frühstück, dem Kindergarten oder der Schule wieder in die Federn geschickt worden.
Nun, das ist gewiss nicht das Hauptargument für ein lineares Programm.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit Sicherheit der Nostalgie unverdächtig. Ich fummele lieber zehn Minuten an meinem Frickelsmartphone herum als mir einen Zettel zu schreiben, bewerfe ebenso alle anderen Alltagsprobleme mit Hightech und automatisiere alles, was nicht bereits autonom genug ist, damit es sich dem von selbst entziehen kann.
Und genau wie viele meiner Altersgenossinnen und -genossen bin ich ein großer Fan zeitlich souverän zu konsumierender Formate. Ich kenne nicht viele, die soviele Podcasts hören wie ich und bei denen ein Raspberry Pi als Mediencenter am Fernseher hängt, die eine solche Kenntnis von digitalem Sinn und Blödsinn auf sich vereinen wie ich – ohne dies als Qualität darstellen zu wollen, es gilt allein meiner eigenen Glaubhaftigkeit im Folgenden.

Was ich nämlich nicht teile, ist das generelle Verdammen aller linearen Programme, bei denen also ein Sender die Inhalte und den Zeitpunkt aussucht, die er senden möchte. Speziell geht es natürlich: Ums Fernsehen.

Alles hat wie immer Vor- und Nachteile. Klar dürfte sein, dass auch mir die Geduld fehlt, mich durch ein kaugummihaftes Vorabendprogramm zu quälen, nur um die Tagesschau zu sehen. So gesehen bin ich nicht wenig froh, der Diktatur linearer Programme entkommen zu sein und (fast) jederzeit in Mediatheken und derlei alle möglichen Sendungen abrufen zu können. Auch war ich schon immer begeisterter Nutzer der von den Rundfunkanstalten nicht immer gern gesehenen Versuche, die Linearität von Funk & Fernsehen zu entschleunigen, in Gestalt von bandbasierten Aufzeichnungsgeräten für den Heimgebrauch. Selbst wenn deren Bildqualität sich für den heutigen Betrachter von einem reinen Bildrauschen im Wesentlichen durch das Vorhandensein von Ton unterscheidet, damals war’s geil.

Doch, und jetzt kommen wir zum wahren Kern des fernsehenden Pudels: Die Vergleichbarkeit ist eingeschränkt. Fernsehen und Internet sind einfach nicht das Gleiche, auch wenn das der Telekom nicht schmeckt.
Jeder, der das Wort „Buzzword“ kennt, kennt auch die Wörter „Lean-forward-“ und „Lean-back-Medium“. Bei der Klickerei durch Youtube, Mediatheken, beim regulären Konsum von Podcasts aller Art ist ein größeres Maß von Initiative und Zielstrebigkeit seitens des Nutzers vonnöten, als beim Einschalten von Radio oder Fernsehen. Wer sich vor den Rechner schwingt, um sich aktiv auf die Suche nach Unterhaltung zu machen, sucht etwas anderes als der, der sich das Angebot in Fernsehen, Radio & Co anschaut.
Aber wer kennt das nicht? Das Angebot von Videos, Musikstücken und weißnichtwas im Netz und auf der eigenen Festplatte ist so erdrückend groß, dass man sich kaum für eines entscheiden mag und lieber den Zufall aussuchen lässt. So wird das Vorwärtslehnen zum Zurücklehnen.
Eine so klare Linie zum Genuss eines Fernsehprogrammes möchte ich hier nicht ziehen.

Einen Sonderfall nehmen wohl die Serien ein, anhand derer sich etwas schön zeigen lässt.. Fernsehmacher kaufen sie ein oder produzieren sie, um ein Publikum über eine gewisse Zeit an ihren Sender zu binden, und Käufer kaufen bzw. Sauger saugen Serien, um sich genau davon zu befreien. Und doch: Ohne lineare Programme gäbe es die meisten davon nicht, da ein Sender eher über die derzeit aufgewendeten finanziellen Reserven verfügt als eine Produktionsfirma, die direkt auf DVD/BluRay veröffentlicht. Außerdem fehlt hier ganz klar der Multiplikator für Bekanntheit, nämlich das Auftauchen einer Serie in einem Programm, dessen Inhalt der Nutzer nicht bestimmen kann und er so gezwungen ist, sich auf Neues einzulassen.
Es ist in meinen Augen kein Zufall, dass fast all die hierzulande zurecht gefeierten Serien wie Sons of Anarchy, Homeland, Dr House, Scrubs, Game of Thrones und wie sie nicht alle heißen, samt und sonders durch Fernsehsender produziert und finanziert wurden und werden.
Soviel zur Relevanz von Rundfunkanstalten dieser Tage.

Als unbestritten darf dennoch gelten, dass das Fernsehprogramm im Zeitalter von Scripted Reality ein größeres Müllproblem hat als Neapel in seinen schlimmsten Tagen. Doch das trifft ebenso auf das Internet zu, und zwar in zunehmendem Maße. Unken darf man natürlich, dass daran das Fernsehen mit seinem Drängen zu eigenen Plattformen einen nicht unwesentlichen Anteil hat. Allen voran stehen auch hier die zerebralen Umweltverschmutzer vom Privatfernsehen, die außer Film- und Serieneinkäufen (s.o.) so gut wie keine Daseinsberechtigung haben.
Doch in einem linearen Programm läuft eben nicht nur mit zusammengenagelter Unrat: Wer schon einmal die heute-show gesehen hat oder Neues aus der Anstalt, der dürfte bei Mario Barth bestenfalls noch müde lächeln. Auch die meisten gut gemachten Dokumentationen und Reportagen sind fürs Fernsehen gemacht worden und werden auch dort erst- und seltenst für On Demand zweitverwertet. Nachrichten kann man zwar im Netz wunderbar abrufen, man kann sie aber auch genausogut umgehen – was aber insbesondere aufs Radio auf keinen Fall zutrifft.

Dass sich im Netz jeder sein Programm selbst zusammenstellen kann, ist also nicht für jeden ein Vorteil. Zumindest solange man als Ideal einen halbwegs mündigen Bürger voraussetzt, dem man nicht am liebsten das Wahlrecht entziehen würde, weil er Uli Hoeneß für den Häupting von Bayern hält.

Ebenso ist so eine Teilnahme an einem von anderen zusammengestellten Programm natürlich ein exzellenter Weg aus der eigenen Filterblase.
Viele exzellente Formate hätte ich nie entdeckt, hätte ich nicht spät abends noch einmal aus Verdacht ein paar Sender abgezappt. Und auch das letzte klassische Konzert hätte ich wohl kaum gesehen, hätte ich mir die Dokumentation via Youtube angetan anstatt auf 3sat, wo die Aufzeichnung direkt im Anschluss lief.
Mit anderen Worten: Die Gefahr, den eigenen Horizont zu verengen, ist im Internet wahrscheinlich größer als in den klassischen Telemedien.
Auch wird kaum jemand bestreiten können, dass im einem vorgegebenen Programm sperrige Inhalte viel eher auf Zuschauer stoßen, als wenn direkt neben dem Interview mit einem Afghanistankenner die großbrüstige Moderatorin eines Wasserrutschentests von einem animierten Button aus winkt.
Wer sich auf die Gestaltung eines Programmes durch andere einlässt, kann damit eben auch sehr viele Kleinodien finden. Und abschalten kann man schließlich immer.

Ich möchte hier gar nicht abschließend bewerten, ob die eine Programmform der anderen überlegen ist. Im Gegenteil, ich äußerte mich ja bereits eingangs dahingehend, dass ich beide für schwer vergleichbar halte. Ich glaube aber, man tut sich keinen Gefallen, z.B. das Fernsehen insbesondere öffentlich rechtlicher Natur mit dem Argument der Passivität als hohle Berieselung abzutun. Und ein Bedürfnis nach mehr oder weniger passiven Angeboten besteht offenbar auch in unseren On-Demand-Zeiten und im Netz: Spotify als bekanntestes Beispiel, für die Podcastfans www.reliveradio.de, sowie tausende von Internetradiosendern mit und ohne Bild sprechen da meiner Meinung nach eine recht eindeutige Sprache.

+++EIL+++ Frei.Wild reagieren auf Fehlverhalten eigener Fans

Hamburg. In einem heute im Internet veröffentlichten Video distanzieren sich Mitglieder der Deutschrockband Frei.Wild vom Verhalten ihrer Fans.
Nach einem Konzert in Hamburg hatte die Band Jennifer Rostock bei Facebook verkündet, in Zukunft auf ihren Konzerten Fans mit Merchandiseartikeln u.a.von Frei.Wild des Saales verweisen zu wollen, weil man von einer nationalistischen Gesinnung der Band und ihres Umfeldes ausgeht. Dies löste bei Fans der Geschmähten einen Sturm der Entrüstung aus, im Rahmen dessen nicht wenige eben dieses Urteil exakt bestätigten.

Sänger Philipp „Fips“ Burger sagte, man sei „beschämt“ über das Verhalten der eigenen Anhänger und wolle Solidarität zeigen mit der diffamierten Berliner Band. Als Konsequenz kündigten die Tiroler an, in Zukunft „ebenfalls keine Frei.Wild-Shirts mehr“ auf ihren Konzerten zu dulden.
Man sei „von der hässlichen Fratze“ der Fans schwer getroffen, sagte das ehemalige Mitglied der Partei Die Freiheitlichen.

-jl

Atomkraft macht frei (Ohren auf)

Es dürfte bekannt oder zumindest keine große Überraschung sein, dass ich kein großer Fan der Atomlobby bin. Gestern aber hörte ich einen Podcast, der zwar langsam anfing, mich dann aber neuerlich zum Kopfschütteln brachte und auf den ich eure Aufmerksamkeit lenken möchte: Es handelt sich um die Folge 3 der Elementarfragen von Nicolas Semak, in der er mit Sebastian Pflugbeil spricht. Ich will das gar nicht groß weiter kommentieren, außer zu sagen, dass hier endlich mal ein „Insider“ mit echtem Fachwissen(TM) über eine Sache spricht, so wie wir das bei den Kneipendiskussionen immer gerne hätten.
Es sei noch angemerkt, dass das Veröffentlichungsdatum, der 8.6.2010, lange vor dem Fukushimaunglück liegt, hier also noch in keinster Weise von Hysterie zu sprechen ist.

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker sein um zu der Ansicht zu gelangen, dass da ganz offensichtlich etwas faul ist im Staate Dänemark, und besonders beunruhigend sind die Positionen des Herrn Plugbeil für jemanden, der wie ich in Hamburg wohnt und damit in direkter Nähe zum AKW Krümmel. Besondere Aufmerksamkeit verdient aber meiner Meinung nach der von Pflugbeil etwas anders interpretierte Leukämiecluster Elbmarsch.

Wem das noch nicht reicht, der höre danach Alternativlos mit der Folge 14. Hier sprechen in direkter Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima Frank Rieger und Fefe mit Michael Sailer vom Öko-Institut und der Kommission für Reaktorsicherheit, und dieser kommt ebenfalls zu ziemlich ernüchternden Ergebnissen. Etwas technischer, dennoch hörenswert.

Sebastian Plugbeil tritt in bei den Elementarfragen kurz danach auch noch einmal auf, ebenfalls  nach Fukushima. Diese Folge habe ich noch nicht gehört, ich will sie euch aber nicht vorenthalten.

Man möchte zusammenfassen: Wer nach dem Genuss dieser Interviews noch der Meinung ist, die Atomenergie sei beherrschbar, dem unterstelle ich hiermit einen zehn Kilometer hohen Realitätsverlust.

Dropbox! Was erlaube?!

Ich bin ernsthaft sauer. Vor etwa einem halben Jahr habe ich mich dazu hinreißen lassen, mir endlich einen Dropbox-Account anzulegen. Und meine Begeisterungskurve stieg zunächst auch rasch an: Ich zwar zunächst vorsichtig skeptisch, fasste dann Vertrauen, plötzlich wurden mir 50 Gigabyte Speicher „geschenkt“ (zeitlich begrenzt für zwei Jahre, aber immerhin), und von da an war ich anhaltend begeistert.

Neulich wollte ich dann Videoaufnahmen von einer Veranstaltung – selbst gefilmt, nicht was ihr denkt – mit einem anderen Filmer teilen und dachte an meine Dropbox. Insgesamt kamen knapp 20 Gigabyte zusammen, deren Upload natürlich eine ganze Weile dauerte, dank der recht vernünftigen Leitung bei mir zuhause aber zu bewerkstelligen war. Gestern verschickte ich endlich den Link zu dem Ordner, und jetzt bekomme ich diese Mail von Dropbox:

„Hallo XXXXX,

diese E-Mail ist eine automatische Benachrichtigung von Dropbox. Deine öffentlichen Links wurden aufgrund zu starken Netzverkehrs zeitweilig deaktiviert. Deine Dropbox funktioniert weiterhin wie gehabt, mit Ausnahme von öffentlichen Links.

Dabei handelt es sich um eine vorübergehende Deaktivierung (3 Tage beim ersten Mal).

Wende dich an den Dropbox-Support, falls du Fragen hast.

– Das Dropbox-Team“

Äh – wie bitte? Meint ihr das ernst? Hallo-ho! Ihr bei Dropbox findet es also nicht gut, wenn man euren Dienst auch nutzt? Aha! Wofür sonst haben die Leute eure Software wohl installiert?! Kleiner Tipp: Ich kenne niemanden, der mit Dropbox versucht hätte, Kuchen zu backen. Ick flippe! Ich lege meine Dateien doch nicht in einem unverschlüsselten Cloudspeicher ab, damit ich sie niemandem schicken kann!
Geht da etwa irgendsoeine Mischkalkulation nicht auf?! Nochmal, für die hinteren Ränge da bei euch im Laden:
Eure einzige Dienstleistung ist das Bereitstellen von Onlinespeicher und das Verfügbarmachen desselben für andere! Wenn ihr mir 50 GB zuweist, ich die noch nicht mal zur Hälfte voll habe und diese dann teile – was zur Hölle soll dabei das Problem sein?! Ich bemühe mal das für Internetvergleiche so gern genommene Bild des Postverkehrs: Wäre die Dropbox ein Paketzusteller, dann hättet ihr gerade einem Kunden seine Sendung vor die Füße gekippt, weil er zu viele Pakete bei euch verschickt hat. Sagt mal, pennt ihr im Schrank oder was?!?

… nachdem ich jetzt meine Pillen genommen habe, muss vielleicht zunächst mal ein klein wenig relativieren: Ich habe Dropbox nicht nur auf einem Rechner und nicht nur einem Betriebssystem installiert, sondern betreibe mehrere Instanzen. Auf alle wurde das Videomaterial gesynct, da ist also tatsächlich Traffic in signifikanten Mengen über eure Leitung gelaufen. Das Problem betrifft aber, laut Eigenauskunft, die öffentlichen Links, und die Mail kam auch erst in zeitlich eindeutiger Nähe zum Teilen des Videomaterials. Wo ist dabei denn das Problem?
Sollte es für einen Anbieter mit einem solchen Vorwärtsdrang wie dem euren („Wirb‘ alle Deine Freunde, damit Du mehr Speicher bekommst!“) also etwa allen Ernstes ein Problem sein, wenn die angebotenen Kapazitäten eingefordert, die Services beansprucht werden? Ihr habt euch ja bereits einiges geleistet, aber dass ihr Kunden, die nichts weiter tun, als euren Dienst in der von euch angebotenen Weise zu benutzen, so daran hindert, die angebotenen Kapazitäten auszureizen, finde ich, in einem Wort, dreist.
Ach so, ich bezahle ja gar kein Geld – ich bin ja gar nicht der Kunde, sondern das Produkt, richtig? Mh? Das hält euch natürlich nicht davon abn, mich und eure anderen „Nutzer“ zu eurer Drückerkolonne zu machen, die euch mehr User-Vieh in die Arme treiben soll.
Und dann diese implizite Drohung: „3 Tage beim ersten Mal“ – da hätte genausogut stehen können „Wenn Du nochmal auf die Idee kommst, Deinen Speicher so zu benutzen wie Du das möchtest, löschen wir ihn Dir einfach. Geh‘ doch auf der Autobahn spielen, wenn’s Dir nicht passt.“
Vorher eine Email zu schicken war wohl zuviel? Es soll ja Leute geben, die ein Einsehen mit den Betreibern kostenloser Dienstleistungen haben. Aber nein, lieber gleich unangekündigte Sanktionen wegen etwas, das man als normaler Mensch nicht als Problem aufgefasst hätte.
Ganz so als wäre von heute auf morgen verboten, auf der Straße zu essen, das nicht anzukündigen und dann Leute dafür zu verhaften. Boah.

Mir fallen auf Anhieb auch nur zwei andere Firmen ein, denen man nachsagt, in ähnlich offensiver Weise keine Lust auf ihren Job zu haben bzw. von ihm überfordert zu sein, und das sind einerseits die Telekom (will nicht arbeiten) und andererseits die Deutsche Bahn (kann nicht arbeiten). Beides Überbleibsel eines ehemaligen Staatsmonopols – strebt ihr so eine Marktposition an?
Das wird euch so aber nicht gelingen: Man muss erst allein auf einem Markt sein, um dann völlig inkompetent und/oder asozial zu werden!
Und allein seid ihr auf eurem Feld nun mal nicht: Sobald ich nicht mehr mit Macs arbeiten muss, steige ich bei euch aus und z.B. auf Ubuntu One um. Da soll ruhig Ruthenisches Salzkraut durch eure verwaisten 50 Gigabyte wehen, denn wenn ich die nicht so nutzen kann wie ich das will, dann brauche ich die auch nicht, dann ist euer Alleinstellungsmerkmal dahin. Oder falls mir nur solche Businessgesichter zulesen, die Beratersprech für normales Deutsch halten: Eure Unique Selling Proposition. Ja, auch ich weiß, was das ist, dafür braucht man kein abgebrochenes BWL-Studium.
Wie habt ihr diese 50 GB-Aktion eigentlich geplant? Ich stelle mir das ja so vor, dass die genannten Business-„Experten“ sich die Nummer ausgedacht haben, ohne vorher die Tekkies zu fragen: „Und was machen wir, wenn die Leute das auch so benutzen?“ – „Hm, keine Ahnung. Sagt ihnen, dass die das nicht machen dürfen. Ach was, sperrt ihnen einfach irgendwas. Nur nicht das Hochladen.“
Ganz großes Facepalm, ihr Spezies! m(

Wer sich auf die Fahnen schreibt, alles sei super einfach, wenn man nur die angebotene Dienstleistung benutzt und dafür die persönlichen Dokumente, Dateien und weiß der Henker was die Leute alles bei euch ablegen, entgegen nimmt, und es dann sein Versprechen nicht hält – dessen „Kunde“ will ich nicht länger sein. Bietet doch einfach nichts an, das ihr nicht abliefern könnt. Wenn eure Kunden im Zahlungsverzug sind, knipst ihr garantiert irgendwann auch den Account aus.
Oh, und glaubt bloß nicht, dass ich euch auch noch helfe, indem ich eurem Support ein kostenloses Kundenfeedback frei Haus liefere. Ich habe keine Lust, auch noch einem schlecht bezahlten Studenten mit diesem Thema seinen Arbeitstag zu vermiesen und euch die Recherchearbeit zu ersparen. Wenn ihr meine Meinung wissen wollt, müsst ihr schon zu mir kommen. Hierher.
Ich hoffe, das hier lesen ein paar Leute und melden sich daraufhin bei euch ab, oder noch besser, gar nicht erst an. Denn ihr seid ein wundervolles Beispiel dafür, dass man sich nicht vollständig an einen kommerziellen Anbieter hängen sollte, der einem für seine Dienstleistung (in mir sträubt sich etwas mehr und mehr, dieses Wort im Zusammenhang mit Dropbox zu benutzen) seine Bedingungen aufoktroyieren kann. Wahrscheinlich habt ihr euer Verhalten aber sogar in euren Geschäftsbedingungen irgendwo abgesichert, die wie bei allen anderen Serviceanbietern bewusst in Überlänge konzipiert sind, damit sie keiner liest. Da helfen nur Dienste wie Terms of Service Didn’t Read, ein crowdbasierter Analysedienst für AGBs. Der ist aber leider englischsprachig und da hat Dropbox zu meiner Überraschung auch noch eine recht gute Note. Wer sich nun aber beflissen fühlt, das zu ändern, los gehts. Ansonsten mache ich das irgendwann mal selbst, ich habe demnächst Urlaub.
Ja, das ist eine Drohung.

Für alle anderen Betroffenen bleibt nur der Tipp mit Ubuntu One. Auch dahinter steht ein Unternehmen, aber auch nicht Google oder Apple, und die sind auch noch Sponsoren einer Linuxdistribution – der Usergängelung also zunächst erst einmal unverdächtiger als die Mitbewerber. Ubuntu One läuft nur leider nicht unter Mac OS.

Abschließend möchte ich noch einmal laut rufen: Pfui, Dropbox! So geht’s nicht.