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Erreicht die digitale Revolution der Medien eines Tages die Welt der Dinge?

Viel wird diskutiert, ob die aufkommenden 3D-Drucker, einem marxistischen Ideal entsprechend, die Produktionsmittel in die Hände derer geben, denen sie gehören sollen – in unsere Hände, in die Hände des Volkes. Das mag man je nach Standpunkt anders bewerten, für mich ist es jedenfalls Anlass genug, mir meine eigenen Gedanken zum Thema zu machen.

Dazu vielleicht gleich zu Beginn eine exzellente Folge des elektrischen Reporters, dessen Rubrik Übermorgen.TV sich hier mit Fabbing, also sog. Dinge-Druckern beschäftigt.

Nun aber zum eigentlichen Gedanken.

Es ist nicht lange her, da waren die meisten Medieninhalte, wie Musik, Film und Schrift, an ihr stoffliches Medium gebunden. Wer z.B. eine Zeitung lesen wollte, musste sich diese wohl oder übel in der physischen Welt besorgen, Musikaufnahmen bekam man nur auf den Tonträgern ihrer Zeit wie Schallplatten, Cassetten oder CD, Filme entsprechend. Nur den Inhalt ohne den Träger zu bekommen war unmöglich – heute hingegen ist dieser Zusammenhang weitestgehend entkoppelt.

Man könnte also sagen, die digitale Revolution hätte die Medien quasi „entstofflicht“. Nun also die Frage, die auch Mario Sixtus und viele andere sich gestellt haben, was nämlich, wenn dieser Schritt nun auch größeren Teilen der physischen Welt bevorstünde?

Mithilfe des Fabbings ist man bekanntermaßen heute schon in der Lage, kleinere Plastikteile zu drucken, deren Herstellung bislang Konzernen und mittelständischen Betrieben vorbehalten war, und deren Baupläne in Form von 3D-Dateien durchs Netz zu schicken, sie also im Sinne des Filesharings teilbar zu machen.

Es ist wohl abzusehen, dass diese Entwicklung hier nicht halt machen wird, die Produkte der Dinge-Drucker werden schließlich zunehmend komplexer und reichen beim heutigen Stand der Technik nach meiner Kenntnis bereits an Platinen heran. Auch wenn ich in dieser Szene nicht aktiv bin und dementsprechend natürlich nur über begrenzte Kenntnisse darüber verfüge, halte ich es aber für absolut naheliegend, dass bereits jetzt auch 3D-Modelle von Dingen getauscht werden, deren Hersteller das nicht gern sehen.

Allein eine Gegenlichtblende für ein Kameraobjektiv ist wenig mehr als ein in Form gespritztes Stück Plastik, kostet aber kanpp 40 € – wer allerdings fit ist im Fabbing, kann sich diese fast zum Nulltarif selbst herstellen.

Wenn die Drucker nun noch weiter in Richtung Effizienz entwickelt werden und irgendwann mehrere Materialien handhaben können, sehe ich persönlich dem Ende der traditionellen Fabrikfertigung entgegen. Auch größere Bereiche des Handwerks, insbesondere in der Fertigung, die heute mit Auslagerung in Billiglohnländer zu kämpfen haben, sowie ein Großteil der Arbeit klassischer Designer könnten in Zukunft komplett durch Heimbetrieb ersetzt werden.

Ebenso gibt es Ansätze zur dreidimensionalen Projektion. Es ist nicht auszuschließen, dass wir noch den Zeitpunkt erleben, zu dem man sich unter alleiniger Aufwendung von elektrischer Energie beispielsweise Kunstwerke ins Wohnzimmer projizieren lassen kann, so wie heute der digitale Bilderrahmen auch zunehmend aus seiner Rolle als Randerscheinung herauswächst.

Zu den letzten verbliebenen großen Kunstrichtungen, die die Digitalisierung heute noch nicht grundlegend verändert hat, gehören Tanz und Bildhauerei. Beide werden durch 3D-Projektion bzw. 3D-Druck erstmals reproduzierbar.

Wo geht die Reise also hin?

Ich halte es für absolut möglich, dass die angesprochenen Bereiche der stofflichen Welt ebenso entstofflicht werden wie Musik, Fernsehen und Printmedien. Dass wir in Zukunft noch ganz andere Dinge tauschen werden als die genannten, von der Zahnbürste bis zum Sportschuh, dass sich also das Design vom Gegenstand trennen und vervielfältigen lässt. Und dass wir die gleiche Diskussion über das Urheberrecht und geistiges Eigentum dann auch über diese Dinge führen werden.

Wo heute die Industrie hinter den Medien über die gefühlte Unmoral ihrer Kunden klagt, werden in Zukunft vielleicht auch die Hersteller von Alltagsgegenständen sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man ihre Kunden vom unkontrollierten Nachbau ihrer Werke oder der Erstellung eines ebenbürtigen (oder sogar überlegenen?) Portfolios abhalten kann.

Die Antwort auf diese Frage gibt die Raubkopiedebatte der heutigen Zeit: Es geht einfach nicht.

Es passiert vielleicht nicht mehr zu unseren Lebzeiten, aber ich kann mir vorstellen, dass der Tag kommen wird, an dem man ein Auto wird „ausdrucken“ können. Der Gedanke, diese Schwelle zu überschreiten, ist übrigens gar nicht so neu. Schon seit Jahren kursiert dieses Bild durchs Netz.

Dinge werden womöglich eines Tages downloadbar sein. Und ehrlich gesagt gefällt mir die Vorstellung, dass ich mir eventuell eines Tages eine Liste von Kritiken über z.B. Entwurfsdateien für Lautsprecher werde durchsehen, mich für einen entscheiden und diesen herunterladen und schließlich ausdrucken können. Vieles von dem, was wir uns heute wegen physischer Grenzen nicht vorstellen können, wird womöglich eines Tages Realität. In Zukunft wird womöglich nur noch eine relativ elitäre Gruppe hauptberuflich Dinge herstellen, so wie es heute für die nähere Zukunft der Medien absehbar ist, wobei die Schwelle, es im Eigenversuch zu probieren, sinken wird.

Und wir gewöhnen uns besser heute als morgen daran, dass der einzige wirklich funktionierende Weg, eine Idee vor Fremdgebrauch zu schützen ist, sie niemandem zu verraten und sie nicht zu benutzen – denn alles ist kopierbar.

Nachtrag:

Beim Schreiben dieses Beitrages habe ich gemerkt, dass ich nicht alle gedanklichen Fäden zuende führen konnte, weil ich das Thema gerne noch allumfassender behandelt hätte, als es meine Zeit und vor allem meine Ungeduld zulassen wollen. Wenn also an der einen oder anderen Stelle noch etwas in der Luft hängt, kann das sein – Folgebeiträge werden kommen, sobald ich Zeit dazu finde.