Kategorie: Gesellschaft

Mit Popper gegen Pegida

Man hört nur zu oft die Bemerkung, daß totalitäre Maßnahmen in der einen oder der anderen Form unvermeidlich sind. Zahlreiche Autoren, die man auf Grund ihrer Intelligenz und ihrer Ausbildung als für ihre Aussprüche verantwortlich halten sollte, kündigen an, daß es keinen Ausweg aus dieser Situation gebe; sie fragen uns, ob wir wirklich naiv genug seien, anzunehmen, daß die Demokratie eine dauernde Einrichtung bleiben könne; ob wir nicht sähen, daß sie nur eine der vielen Regierungsformen darstellt, die im Verlaufe der Geschichte kommen und gehen. Sie gebrauchen das Argument, daß die Demokratie, wenn sie totalitäre Methoden bekämpfen will, zu ihrer Nachahmung gezwungen werde und daß sie auf diese Weise selbst totalitär werden müsse. Oder sie behaupten, daß unser industrielles Gesellschaftssystem nicht fortbestehen könne, wenn wir nicht zu kollektivistischen Planungsmethoden greifen; und aus der Unvermeidbarkeit eines kollektivistischen ökonomischen Systems schließen sie auf die Unvermeidbarkeit totalitärer Formen des sozialen Lebens.

Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Teil 1, Seite 30

Man ersetze das im Eindruck des kalten Krieges entstandene Beispiel der Industriegesellschaft vs. Planwirtschaft nur einmal durch freiheitliche Gesellschaft vs. muslimischer Gottesstaat, und es wirkt, als habe sogar schon Karl Raimund Popper Pegida vorhergesehen mit all ihren Forderungen nach mehr totalitären Maßnahmen.
Eine andere Lehre, die man daraus ziehen kann, dass ein Text von 1945 heute noch aktuell wie nie ist: Solche Bewegungen gibt es immer, und der Ball liegt heute mal wieder in der Hälfte derer, die Freiheit und Menschlichkeit um ihrer selbst Willen in Ehren halten.
Verehrte Freunde: Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen. Dieser Tage mehr denn je in den letzten Jahren. Lasst andere erkennen, dass ihr euch nicht gemein macht mit Menschen, die auf der Straße u.a. danach schreien, Flüchtlinge aus Gebieten, die von unseren Kriegen zerstört wurden, abzuweisen, andere Religionen als ihre eigene hierzulande zu verbieten und Europa zu einer noch größeren Festung zu machen, als es das ohnehin schon ist.

Geht demonstrieren, mischt euch ein, lasst Unsinn nicht unwidersprochen stehen! Eine Stimmung wie die heutige hat selten dazu geführt, irgendetwas besser zu machen.
Und nehmt nicht hin, dass euer Name unter rechte und neurechte Sprüche geschrieben wird.

Ein kleiner Aufsatz über Freiheit und Verantwortung

Freiheit bringt Verantwortung. Wenn ich keine Wahl habe, kann ich für das, was ich tue, nicht verurteilt werden. Vgl.: „Ich hatte keine Wahl!“
Verantwortung bringt Freiheit. Die Freiheit nämlich, sich auch für die Option entscheiden zu können, für die man hinterher die Verantwortung übernehmen muss.
Sich für das eine zu entscheiden, heißt, das andere, oder alles andere, nicht zu tun. Und eine Entscheidung, die keine wahrnehmbaren Konsequenzen tätigt, ist willkürlich.

Nun gibt es Dinge, die letztendlich nur mich selbst betreffen. Ob ich ein blaues oder ein rotes Shirt trage, geht nur mich etwas an. Im ganz engen Rahmen: Ob ich lieber Ananas oder Orangen mag, lieber Metal oder HipHop höre, oder lieber SciFi, Fantasy, Sachbücher oder Krimis lese. Schon bei der Frage, ob ich mich bilde, fangen aber die Folgen für meine Umwelt an, solange ich diese Bildung nicht ungenutzt ablege.
Hiermit ist selbstverständlich nicht die Form von Bildung gemeint, die mich bei Quizduell und Wer wird Millionär gut aussehen lässt, sondern die, die mich in die Lage versetzt, Aussagen über Statistiken bewerten oder Ideologien als solche zu erkennen zu können. Tatsächlich erhöht diese Form der Bildung den sozialen, intellektuellen Freiheitsgrad: Ich kann z.B. der Aussage eines Zeitungsartikels folgen, oder es nicht tun, weil ich dank meiner Bildung ein Argumentationsmuster entdecke, das zu Schlüssen führt, die ich nicht teile. In jedem Fall kann Bildung mein Denken und deswegen auch mein Handeln beeinflussen.
Sobald meine, aus einem gebildeteren Standpunkt heraus getroffenen, Entscheidungen meine Umwelt betreffen, indem ich womöglich eine andere Partei wähle, oder ich, noch naheliegender, in einer Diskussion mit anderen einen neuen Standpunkt vertrete, muss ich aber Verantwortung für sie übernehmen – auch im kleinen Rahmen. Für eine Bewegung einzutreten und sich hinterher von dem freizusprechen, was diese verursacht hat, ist nur glaubwürdig, wenn ich nachweislich zum Zeitpunkt der Entscheidung von diesen Folgen nichts wissen konnte.
Öffentlich einzugestehen, dass ich mich aus diesem oder jenen Grund geirrt habe, macht mich selbst allerdings glaubwürdiger, da ich so deutlich mache, dass mir Wahrheit und Fortschritt im Diskurs wichtiger sind, als stets bloß „recht“ gehabt zu haben. Hieran erkennt man auch Ideologen: Meine Ideologie kann nicht falsch sein, die Betrachtungen aller anderen, die diese anzweifeln, müssen also in einen anderen Kontext gestellt werden, der diese in meine Ideologie einordnet: Wenn die Mondlandung eine Fälschung war, dann muss auch jedes Foto der Austronauten auf der Mondoberfläche gefälscht sein, und wer es verbreitet, ist entweder wissentlich oder unwissentlich ein Agitator derjenigen, deren Lüge ich dekonstruieren muss.

Unser Gesetze kodifizieren einen Großteil unserer Vorstellungen davon, wo die Freiheit des einzelnen endet, selbst wenn er bereit wäre, die naturgegebenen Konsequenzen dafür zu übernehmen: Gewalt, körperlich oder psychologisch, ist in größten Teilen strafbewehrt. Hier ist sich die Gesellschaft sozusagen einig, dass diese Handlungen nicht vertretbar sind. Man entzieht die Entscheidung, ob ich jemand anderem die Nase breche, also der Menge an Entscheidungen, bei denen ich abwägen können soll, ob ich es unterlasse oder mit den Konsequenzen leben möchte, bzw. setzt hier für mich Konsequenzen ein, von denen man ausgeht, dass ich nicht bereit bin, sie zu tragen. Dass dies in Einzelfällen nicht funktioniert, ist oft durch eine andere Unfreiheit bedingt: Ein Mensch mit Verhaltensstörungen z.B. unterliegt beim Bewerten, ob es OK ist, jemanden zu verletzen, nicht denselben Bewertungsgrundlagen wie wie nicht verhaltensgestörte Menschen und kann daher nicht zur selben Entscheidung kommen wie die Gesellschaft.
Begründet wird die Bestrafung von Gewalt vor allem mit dem Recht des Individuums auf Unversehrtheit, das man also als Abwehrrecht gegen die Freiheit anderer verstehen könnte, was wohl meist von Kant abgeleitet wird, um es frei von individuellen Wertvorstellungen zu halten. Weit verbreitet ist die Sicht auf die Begriffe Ethik und Moral, nach der Ethik etwas sei, was von innen, aus mir selbst heraus kommt, „Ich finde, dass…“, wohingegen Moral von außen kommt, „Du sollst…!“.
Griffiger und diskursdienlicher finde ich die Definition des Begriffspaares aus der modernen Philosophie, in der Ethik Entscheidungen bezeichnet, die nur das Individuum betreffen, wie die eingangs erwähnte T-Shirt-Farbe, und Moral alle Überzeugungen bezeichnet, von denen man findet, dass sie verallgemeinerbar sind – vor allem aber, dass Moral immer „intersubjektiv“ ist, also zwangsläufig von Moral gesprochen werden muss, wenn es um mehr als nur mich selbst geht.
Ethische Entscheidungen sind daher vollständig mir selbst überlassen (wobei darüber diskutiert werden kann, wo die Wirkung auf andere beginnt – „Man kann nicht nicht kommunizieren“, „Das Private ist politisch“), moralische Ansichten müssen diskutiert werden können.

Nun kann ich unmöglich immer die volle Verantwortung für alle meine Taten tragen. Unsere Welt ist komplex, und in der Wirklichkeit habe ich nicht die Zeit, mir über alle Konsequenzen meines Handelns Gedanken zu machen.

Man kann mich nicht verantwortlich dafür machen, wenn ich Dinge grundsätzlich erst einmal so tue, wie ich das in meiner Umwelt erlebe. Menschen lernen nun mal auch über Nachahmung. Nachahmung beinhaltet keine Hinterfragung.
Nun kann man mich dazu auffordern, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Selbst, wenn mir selbst das Thema als nicht besonders wichtig erscheint, muss ich a priori begründen können, um dem potentiell großen Nachdruck meines Gegenübers zu widersprechen. Idealerweise, weil ich dessen Standpunkt bereits möglichst allumfassend rezipiert habe (was ich dann aber ebenfalls unter Beweis stellen sollte). Im schlimmsten Falle aber tue ich das aus Selbstschutz heraus, weil mir klar ist, dass das, was folgt, einen unangenehmen Lerneffekt für mich beinhalten könnte und mich daher in meiner Comfort Zone bedroht.

Dann nämlich habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich bin lieber bequem.

Man kann mich nicht dazu zwingen, nicht bequem zu sein, da dies von meiner individuellen Freiheit vollständig abgedeckt ist. Aber ich muss bereit sein, die Konsequenzen zu tragen; so kann ich andere schlecht dafür verurteilen, dass sie mir das als aus ihrer Sicht amoralisches Verhalten auslegen. Auch verwirft man mit dem Ablehnen einer Beschäftigung mit einem Thema eine andere Freiheit, die erst mit der Auseinandersetzung käme. Die Vermehrung der Handlungsoptionen als Ziel der eigenen Handlungen stellt Heinz von Foerster übrigens als „ethischen Imperativ“ dar.
Wenn nun aber die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führen kann, mein Verhalten anderen gegenüber zu verändern, und mir jemand nicht gerade bloß eine Rezension über das neuste Album von Manowar zu lesen geben möchte, erfordert es unser Freiheitsbegriff geradezu, sich dem wenigstens auszusetzen. Alles andere wäre ein Eingeständnis eigener Bequemlichkeit, und darin resultierend Unmündigkeit.
Was mir auch bewusst sein muss, wenn ich bewusst eine Entscheidung treffe, ist, dass mir von den Gegnern meiner Entscheidung stets ein Interessenskonflikt unterstellt werden kann: Das Ergebnis, mein Verhalten nicht zu verändern, steht nämlich am Ende sowohl der begründeten Ablehnung der Argumentation meines Gegenübers wie auch der Nichtentscheidung aus Bequemlichkeit bzw. Unmündigkeit.

Ich darf also meine Entscheidung nicht nur mit der Freiheit allein begründen, wenn ich nicht damit leben möchte, für bequem, unreflektiert, ja sogar unmündig und ungebildet gehalten zu werden.

heises Beitrag zur Entflechtung von Machteliten und Journalismus

Bei heise.de erschien heute ein Beitrag, dessen Grundtenor ich mich gern erst einmal anschließen möchte: Journalismus und Machteliten gehören weniger eng miteinander verbandelt, als sie es derzeit sind.

Eigentlich könnte man jetzt aufhören, weiter über das Thema nachzudenken. Ich habe allerdings der impliziten Aufforderung des veröffentlichenden Journalisten Marcus B. Klöckner, selbst nicht alles Vorgekaute hinzunehmen, einmal Folge geleistet und ein wenig eigene Recherche betrieben. Dabei sind mir dann doch ein paar Dinge aufgefallen, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

Klöckner sagt, große Leitmedien würden über die entscheidenden Konferenzen nicht berichten.

Seit einigen Jahren tauchen hier und da immer mal wieder Berichte über die Bilderberg-Gruppe auf, doch über viele Jahre gab es so gut wie keine Berichterstattung in den Medien.

Ich habe den einfachsten denkbaren Weg gewählt und bei den im Artikel aufgezählten Medien SPON, Zeit Online, der Süddeutschen und sogar bei der taz einfach mal die Suchfunktion der eigenen Seite mit dem Begriff „Bilderberg“ belästigt. („Bilderberg“ statt „Bilderberger“ habe ich gewählt, um auch die Nennung der Konferenz selbst und nicht nur deren Teilnehmer zu erwischen) Das Ergebnis fiel dabei überraschend aus.
Etwas aus dem Rahmen fiel die taz: „Suchergebnis 1-4 von 3“ bei vier tatsächlichen Treffern, na gut. Das erfordert zum Verständnis eine gewisse mathematische Flexibilität.
Bei Zeit Online erhält man derzeit 379 Ergebnisse für das Suchwort Bilderberg.
SPON liefert keine klare Zahl, aber mindestens zehn Seiten Suchergebnisse (und wahrscheinlich mehr). Nicht alle Ergegbnisse haben mit der Konferenz zu tun, respektive erfordert es eine noch größere inhaltliche Flexibilität als die bei der taz notwendige mathematische, um „Wassersport: Hai-Alarm“ in einen Kontext zu den Bilderbergern zu bringen.
Die eigene Suchfunktion der Süddeutschen Zeitung ist eine Katastrophe, daher habe ich über Google das Wort Bilderberg auf dem Portal gesucht. Das kränkelt natürlich, weil hier auch die Kommentare mitgezählt werden. Hier ist das Ergebnis völlig unüberschaubar vielzahlig.

Insgesamt zeigt sich an der schieren Gesamtzahl der Ergebnisse: Klöckners Aussage ist in der Form nicht richtig haltbar.

Auch Google Trends bestätigt Klöckners These nicht. Über die verfügbaren letzten neun Jahre zeigt sich kein wesentlicher Abfall oder Anstieg des Interesses am Thema. Die Spitzenwerte finden stets um den Zeitpunkt der Konferenz im Juni/Juli herum statt.

Klöckners Narrativ ist unfalsifizierbar.

Ich will gar nicht sagen, dass er Unrecht hat und dass nicht tatsächlich auf Veranstaltungen dieser Art weichenstellende Entscheidungen getroffen werden. Der Aufbau seines Artikels ist das Problem: Denn egal, was ein Besucher einer solcher Runde hinterher sagt, alles bestätigt Klöckners Narrativ. „Die Eliten des Planeten planen dort eine neue Weltordnung“ passt dort ebensogut hinein wie die Aussagen von Journalisten, die Zusammenkünfte seien harmlos. Dann hat derjenige nämlich schlicht seinen Beißreflex verloren, ist indoktriniert und/oder eben schon zu sehr verbandelt mit den Mächtigen.

Dieses Muster ist eines der Erkennungsmerkmale der einer jeden Verschwörungsideologie inhärenten Immunisierungsvorgänge:

Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Verschwörungsideologie kann dann nicht mehr widerlegt werden.

Wikipedia, Verschwörungsideologien

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will Klöckner in diesem Zusammenhang nicht unterstellen, einer Verschwörungstheorie aufgesessen zu sein, er argumentiert aber auf zumindest problematische Art und Weise.

Woher wissen wir überhaupt von alledem? Aus der Presse.

Zugegeben, das mag auf den ersten Blick wie eine rein akademische Fragestellung erscheinen. Wenn wir uns aber schon damit auseinandersetzen, ob „die Medien“ ein Problem mit zu großer Elitennähe haben, dann sollten wir nicht außer Acht lassen, dass das wir darüber nicht etwa diskutieren, weil ein unabhängiger Blogger oder ein Whistleblower uns darauf gestoßen haben. Nein, es war das biedere ZDF, das den Stein des Anstoßes in der öffentlichen Wahrnehmung ins Rollen brachte. Wir erinnern uns: Das ist der Sender, dem immer wieder zu große Einflussnahme durch Eliten vorgehalten wird. Wenn das irgendwie ins Bild passen soll, muss wohl wieder einer ein Immunisierungsmechanismus herhalten.

Der Journalist, der seine Kollegen als mindestens ideologisch vorbelastet sieht, scheint selbst eine ziemlich klare Linie zu verfolgen.

Wer den Namen „Marcus Klöckner“ mal durch die Suchmaschine seines geringsten Misstrauens schickt, wird erstaunt (oder auch nicht) feststellen, dass das Betätigungsfeld dieses Mannes mit wenigen Worten ziemlich umfassend beschreiben kann: Klöckner schreibt fast ausschließlich über Systemversagen, Geheimdienste, Geheimarmeen, rezensiert Bücher zu diesem Thema, dies auch bisweilen durchaus wohlwollender als seine Mitkommentatoren. Auch als Buchautor gibt er eine Figur ab, die es nicht unbedingt leichter macht, ihm Verschwörungsgläubigkeit abzusprechen. Das kann man natürlich auch als Expertentum bewerten. Die schiere Intensität und Ausschließlichkeit, mit der sich Klöckner diesem Themenkomplex widmet und dass seine Veröffentlichungen stets zu dem Ergebnis kommen, etwas sei anders, als es die Öffentlichkeit zu wissen glaubt, machen den Eindruck nicht besser.

Noch einmal, das an sich ist alles kein Problem und eigentlich weigere ich mich auch, ad hominem zu argumentieren. Es wäre der Sache aber womöglich dienlich, wenn man mit der Berichterstattung zu diesem Thema Journalisten beauftragt, bei denen sich nicht so leicht ein Verdacht auf Voreingenommenheit konstruieren lässt – wenn es diese gibt, was ich als Nichtbranchenkenner einfach nicht weiß.

Denn das Thema verdient es, dass man es angemessen behandelt. Die von der Anstalt im ZDF einem Millionenpublikum zugänglich gemachten Verbandelungen zwischen journalistischer und politisch/wirtschaftlicher Elite sind ein Skandal und es wert, durchleuchtet zu werden. Ich habe die Lektüre des Ausgangsartikels nicht bereut, musste aber doch an einigen Stellen bisweilen die Stirn runzeln und mich sehr an das halten, was Herr Klöckner zurecht selbst fordert: Stets kritisch bleiben.

Die taz, veganes Fastfood und die Angst davor

In der Onlineausgabe der taz steht seit dem 3.4.2014 ein Artikel zu lesen, dessen Inhalt ich verkürzt wiedergeben möchte mit „auch, wenn man Tierprodukte aus Junkfood entfernt, kann man damit keinen Krebs heilen“.
Ja, ich war genauso überrascht wie Ihr. Pommes mit Ketchup und Chips sind ungesund? WIRKLICH?! Welch ein Glück, dass wir investigative Journalisten haben wie Esther Widmann, die da richtig im Dreck wühlen, um uns mal ordentlich aufzuklären. (Gut, eigentlich hat sie nur das, was die Hamburger Verbraucherzentrale öffentlich sagt, kommentiert) Irritierenderweise scheint sie ansonsten ihre Themen ganz annehmbar zu wählen, aber jeder hat mal Aussetzer und ich will das gar nicht unnötig boulevardesk personalisieren.
Ungeachtet der Tatsache, dass Veganer, die länger als ein paar Monate dabeibleiben, sich quasi zwangsläufig deutlich besser mit Ernährung auskennen als 99% aller Fleischesser: Jeder, der auch nur eine einzige Mahlzeit mit einem Veganer eingenommen hat, weiß einfach bereits, was die Verbraucherzentrale da „herausgefunden“ hat.
Fun Fact: Sowohl Verbraucherzentrale als auch taz bieten derzeit Fanware zum Thema an.
Inhaltlich ist der Artikel bereits recht abschließend u.a. vom Graslutscher besprochen worden. Mich irritiert bei der Sache auch etwas ganz anderes.

Am Veröffentlichungstag bereits wurde der Artikel nämlich bereits in einem Maße in meinem erweiterten Freundeskreis herumgereicht, das in krassem Missverhältnis zu seinem Nachrichtenwert steht. Twitter und Facebook waren meinem Eindruck nach regelrecht voll damit. Und siehe da, mein Eindruck war richtig: Das Portal rivva.de, das soziale Netzwerke durchforstet und die dort geteilten Links nach Popularität sortiert, führt heute Mittag genau einen Artikel der taz. Und in diesem ging es zufällig nicht um die AfD.
Zum aktuellen Zeitpunkt zählt die Statistik 34 Tweets, 642 Likes, 319 Shares und 13 G+1, und die Zahlen steigen minütlich weiter. Woher kommt das?

rivva
rivva ist für die Antwort auf diese Frage nur teilweise hilfreich. Die dort verlinkten Tweets zeigen ein gemischtes Reaktionsbild, von „No Shit, Sherlock!“ über „Guckt mal, wie man ohne Häme über Veganismus reden kann“. Wenn ich aber das Bild, das mein Freundeskreis ergibt, und rivva zusammenlege, dann sehe ich, dass die Mehrheit derer, die den Artikel teilen, zumindest keine Veganer sind. Warum aber teilen Nichtbetroffene derartig oft einen Artikel über den vermeintlich geringen Nutzen von etwas, das weniger als 0,5% der Bevölkerung betreiben? Warum?

Die Frage mag jeder für sich beantworten, ich habe dazu aber auch einen Ansatz.
Ich bin nämlich schon länger Anhänger der Theorie, dass die meisten Fleischesser eigentlich ganz gut wissen, dass sie einen weißen Fleck in ihrer ethischen Landkarte haben. Dazu hat die SZ schon vor längerem mal geschrieben. (Im Artikel steht ein Veröffentlichungsdatum von 2012, aber ich glaube, es gibt eine ältere Version.)
Zu der Theorie des Abwehrreflexes passt auch, dass man u.a. als Veggie vor allen möglichen Leuten immer wieder begründen muss, dass man kein Fleisch essen möchte, woraufhin Fleischesser plötzlich selbst auch „nur ganz wenig Fleisch essen“, und „dann auch nur Bio“, dass es beispielsweise im Fernsehen deutlich mehr Witze über Vegetarier gibt als über Fleischesser, und dass die meisten Fleischdiskussionen gar nicht von Vegetariern & Veganern gestartet werden. All das ergibt zumindest eine Linie, und die führt genau zu dem, was bei rivva derzeit zu bestaunen ist. Zusätzlich wird die Theorie dadurch bestätigt, dass die meisten, die den Artikel weiterleiten, irrigerweise von den getesteten Fertiggereichten auf die gesamte Ernährungsweise rückschließen. Zur Ehrenrettung: Die Titelzeile macht das sehr einfach.
Nichts davon würde Otto-Normal-Omnivore je zugeben. Ein jeder fühle sich zu daher zu dem Experiment eingeladen, den genannten SZ-Artikel einfach mal unkommentiert zu posten und nur die Reaktionen zu beobachten.
Um es mit Fefe zu sagen: Popcorn bereithalten.

Welche Conclusio ziehe ich also daraus?
Gute Frage. Ein weiterer Beweis für die Bequemlichkeit und Angst der Masse, irgendetwas ändern zu müssen? Das wäre auch nichts neues und vom Nachrichtengehalt in etwa vergleichbar mit dem Artikel selbst. Vielleicht lehrt uns diese Betrachtung, dass ausnahmslos jeder sich öfter an die eigene Nase fassen sollte; denn wer kennt nicht die Situation, in der jemand, der sich in einem beliebigen Thema X deutlich schlechter auskennt als man selbst, plötzlich triumphierend mit einer längst widerlegten These vor einem steht?

Eben.

 

Nachklapp: Auch andere Publikationen gehen auf den Test der Verbraucherzentrale ein. Die taz habe ich mir hier exemplarisch herausgegriffen, bis auf die Namen funktioniert das Gesagte auch mit SPON & Co.

Jabber als WhatsApp-Ersatz, Teil III: Xabber

Demnächst (Stand: 3.2.2014) läuft mein WhatsApp Abo aus.  Und ich habe derzeit nicht vor, das verlängern.

Nach eingehender Testphase habe ich nämlich nochmal den Jabber-Client gewechselt. Jetzt bin ich doch bei Xabber gelandet, ein Client, den offenbar auch mehrere Kommentatoren meines letzten Artikels u.a. bei Twitter schon damals benutzten. (Und hier Teil I der Geschichte.) Leider gibt es ihn allerdings offenbar nicht für iOS.

Xabber hat gegenüber ChatSecure ein paar entscheidende Vorteile. Bei letztgenanntem kam es bisweilen vor, dass einzelne Nachrichten nicht zugestellt wurden, was mir seit dem Wechsel nicht mehr passiert ist. Darüber hinaus ist Xabbers Interface deutlich intuitiver, weil es ein relativ prominentes Hauptmenü gibt, das bekannten Messengern sehr ähnlich ist. Die allgemeinen Vorteile von Jabber gegenüber WhatsApp bleiben darüber hinaus bestehen:

  • Clients für Mobil- und Desktopgeräte vorhanden
  • Jabber-IDs sind einfacher zu merken als eine Telefonnummer und unabhängig von ihr (Beim Wechsel der Telefonnummer verliert man nicht alle Kontakte)
  • Vertrauenswürdige, weil dank freiem Quellcode überprüfbare Implementation von Verschlüsselung (anders als Threema & Co.)
  • Kein zentralisiertes Unternehmen (Wenn WhatsApp pleite geht, müssen wir uns alle neue Messenger suchen, und es gibt bei Jabber auch kein zentrales Abgreifen von Nutzerdaten)
  • Nutzung über mehrere Geräte hinweg (z.B. gleicher Account auf Telefon, Tablet und PC)
  • Dateiversand ohne die Limits von WhatsApp
  • Geräteunabhängige Kontaktlisten
  • Transports („Übersetzungen“) in andere Netzwerke, wie z.B. ICQ, MSN & Co, je nach Server

Wenn ich möchte, kann ich also Bianca, die ein wenig paranoid ist, eine sinnvoll mit OTR verschüsselte Nachricht schicken, und später ein Foto von der Kneipe, in der ich sitze, an mehrere Kollegen schicken, die da noch nie waren. Zurück daheim fällt mir die JID des neulich von Arbeitskollegen mitgebrachten Jens wieder ein, der mir seine Geschäftsidee unterbreiten wollte, der mir aber irgendwie zu windig erschien, um ihm meine Telefonnummer zu geben. Beim Hinzufügen erkenne ich ihn, weil er in seinem Jabberprofil seinen bürgerlichen Namen hinterlegt hat. Und meinem alten Kumpel, der noch nie in meiner neuen Wohnung war, beschreibe ich den Weg zu mir ganz komfortabel von der Desktoptastatur aus, was er in der Bahn auf seinem Telefon liest.

Speziell Xabber einzurichten ist überdies hochgradig einfach: Man lädt die App auf sein Telefon, und wird nach dem Starten gebeten, ein Konto einzutragen. Dies ist das einzige Hindernis: Man muss seinen Webbrowser öffnen und darin eine Webseite aufrufen, auf der man sich einen Benutzernamen und ein Passwort ausdenkt. (Nein! Doch! Oh!) Sich bei Facebook o.ä. zu registrieren, ist deutlich umständlicher. Wer außerdem z.B. bereits eine Google-Mailadresse hat, hat dort auch bereits einen Jabber- oder XMPP-Account und kann diese einfach benutzen. (Über Sinn und Unsinn, seine Kommunikation über Google abzuwickeln, um von WhatsApp wegzukommen, darf jeder selbst nachdenken)
Eine Liste von Jabberservern, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gibt es u.a. hier.
Hat man diesen Prozess hinter sich, trägt man das erdachte nur noch in Xabber ein und los gehts. Ein neuer Account hat natürlich noch genau null Kontakte – wer will, der füge mich hinzu, am besten mit einem Hinweis auf diesen Artikel:
Aarkon@jabber.org

So, dann mal fröhliches Instantmessaging vom mobilen Endgerät aus! Endlich mit freier Software. 🙂

Update am 20.2.2014
Die Geschichte, dass Facebook WhatsApp kauft, spült mir ganz schön Traffic rein. Sowas! 🙂

ChatSecure: Ein Update zu Jabber statt Whatsapp

Vor einer ganzen Weile habe ich experimentellerweise versucht, WhatsApp durch XMPP aka. Jabber zu ersetzen.

Die damals von mir präferierte App imo hat allerdings im Langzeittest mehrere Schwächen offenbart. Zum einen ist der Nachrichtenversand nicht immer zu 100% zuverlässig, zum anderen ist die Weiterverarbeitung der Anwenderdaten durch den geschlossenen, proprietären Quellcode nicht gerade durchschaubar. Unter anderem das war ja aber eines der Argumente gegen den Einsatz von WhatsApp.
Darüber hinaus bietet imo anscheinend keine vernünftige Verschlüsselung und hat ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, den Support für Skype, nach einem Update ebenfalls eingebüßt. Damit sind seine Vorteile größtenteils neutralisiert. Außer zu einem Experiment habe ich die VoIP-Funktion von imo außerdem auch nie benutzt, und vielleicht wurde dies ohnehin nur vermittels eines Skypetunnels umgesetzt.

Nun es gibt einen Nachfolger in meiner Gunst: ChatSecure.

Hinter dem Namen, der wegen des inhärenten, vollmundigen Versprechens erst einmal Skepsis in mir weckte, steckt allerdings offenbar ein vollwertiger Jabberclient für den Mobileinsatz unter Apachelizenz. Und sogar OTR (Off the record-Messaging) ist mit an Bord. Gerade, wo der NSA-Skandal immer größere Wellen schlägt, ein interessantes Feature. (Die Schwächen von OTR im mobilen Einsatz sind mir bekannt, aber auch hier darf wohl gelten: besser ein bisschen Verschlüsselung als gar keine. Aber OTR ist auch optional und muss nicht benutzt werden. Und im WLAN ist das Problem dann ohnehin passé.)
Endlich also ein Player mit der richtigen Attitüde, hier der Hauptwerbetext auf der Homepage:

ChatSecure is a free open-source encrypted messaging application that uses Cypherpunks‘ Off-the-Record protocol to secure a communication channel over XMPP (Google Talk, Jabber, etc) or Oscar (AIM).

This project is *100% free* because it is important that all people around the world have unrestricted access to privacy tools. However, developing and supporting this project is hard work and costs real money. Please help support the development of this project!

Ich bin kein Kryptologe. Wer sich da aber besser auskennt und das möchte kann hier den Code überprüfen und die Implementation der Krypto auf Fehler analysieren. Open Source ahoi!

Die Benutzung und Einrichtung entspricht weitestgehend dem, was ich im oben verlinkten Artikel bereits beschrieben habe. Hier nur ein Kurzabriss:
App installieren, beim ersten Start sich mit einem existenten Jabber-Account einloggen oder einen neuen anlegen (geht über die App selbst), und schon geht’s los. Freunde addet man über deren Jabbernamen, der aussieht wie eine Emailadresse.
Unpraktisch? Wo ist der Unterschied, ob man eine Telefonnummer austauscht oder einen Jabbernamen? Außer, dass man sich letztgenannten sogar besser merken kann?
Charmant an Jabber für unterwegs ist natürlich überdies, dass man wie bei Facebook auch an der erwachsenen Tastatur seines Laptops oder Desktoprechners tippen kann, wenn man sich gerade zuhause befindet – anders als bei WhatsApp, Threema und wie sie alle heißen. Die Vorteile liegen also alle bei Lösungen mit Jabber + z.B. ChatSecure, in Komfort wie in der Sicherheit. Der einzige Haken ist deren Verbreitung – und hier kommt ihr ins Spiel!

Der Erfolg meines bisherigen Jabberexperimentes war begrenzt, um es vorsichtig zu sagen. Derzeit gehe ich aber wieder aktiver vor und habe mit ChatSecure einige neue Argumente auf meiner Seite, die insbesondere jene anschlussfähig finden dürften, die sich bislang auch Facebook verweigern, gerade in Konkurrenz zu WhatsApp.

Ein kurzes erläuterndes Wort zu OTR noch: Jedes Gerät erzeugt in Zusammenspiel mit dem Account einen sogenannten Fingerprint. Dies ist sozusagen die Identität, die eure Freunde sehen können. Damit eine OTR-verschlüsselte Verbindung zustande kommen kann, muss der Fingerprint bestätigt werden, (meist, indem beide Chatpartner eine Frage stellen, deren Antwort idealerweise nur die beiden kennen und die Antwort vorgeben) und zwar auf jedem Gerät von neuem. Das klingt unkomfortabel, wenn ihr allerdings eure Geräte mit Zugangscodes sichert, kann euer Gegenüber bei jeder Nachricht sicher sein, dass sie auch wirklich von euch kommt.
Ein weiterer Vorteil von OTR ist überdies, dass bei dessen korrekter Anwendung hinterher niemand einen technischen Beweis führen kann, dass die Gesprächspartner wirklich miteinander gesprochen haben. Das entschärft die Metadatensituation ein wenig.

Natürlich glaube ich nicht, dass sich mit ChatSecure von heute auf morgen WhatsApp erledigt haben wird und alle nur noch verschlüsselt miteinander chatten. Auch ist Verschlüsselung nicht die Lösung für ein politisches Problem. Ich darf aber sagen, dass sich in Zeiten nicht abreißender Überwachungsnachrichten ein wirklich privater Chat überraschend angenehm anfühlt. Und: Jedes verschlüsselt übertragene Bit erhöht für Lauscher wie die NSA den Aufwand, zwischen Relevantem und Geplapper zu unterscheiden – insbesondere, wenn man Jabber für das gleiche einsetzt, für das man WhatsApp so gern benutzt: Fürs Übertragen völlig belangloser Handyfotos. 🙂

ChatSecure gibt es im Playstore und für iOS. Wenn ihr es benutzt und sich keine Designfehler finden, dann spendet dem Projekt auch gern ein paar Euro über den Link auf dessen Homepage.

Wer übrigens bisher Gibberbot benutzt, ChatSecure scheint dessen Nachfolger zu sein.

Edit: Wegen wiederholter Nachfragen:
Auch Xabber habe ich früher einmal eingesetzt, der Funktionsumfang erscheint mir ziemlich vergleichbar. Unterschiede: Der Quellcode von Xabber steht unter der GPvL, was die etwas „entschiedenere“ freie Lizenz ist und mir persönlich eigentlich auch sympathischer, allerdings gibt es Xabber nur für Android, ChatSecure hingegen auch für iOS. Mein Ansatz für diesen Artikel war eine möglichst breite Anwendbarkeit, daher fiel die Wahl auf ChatSecure.
Wer außerdem einen Client für Windows Phone kennt, der kommentiere hier gern.

Edit 2:
Am Desktop gilt natürlich das Gleiche wie immer: Pidgin für Windows & Linux, Adium für Mac, plus OTR für Pidgin und eine Anleitung für Adium.

Edit 3:Wer mich bei Jabber adden möchte, bitte gern:
Aarkon@jabber.org
Gebt aber immer an, dass ihr das tun möchtet, weil ihr diesen Artikel gelesen habt. Sonst weiß ich nicht wer ihr seid und lasse das eventuell unbeantwortet.
Danke.

Edit 4, Update: Mittlerweile bin ich wieder bei Xabber gelandet. Hier ist mein Text dazu.

Querpost: Hape Kerkeling Best Of Spezial

Ich habe gestern mal wieder ein kleines Video geschnitten. Heute stelle ich es ins Blog, damit es gut wiedergefunden werden kann.

 

Es ist etwas mehr als das, was der Titel verspricht. Guckt es bloß zuende, aber ich will euch die Überraschung nicht verderben. Viel Spaß. 😉

Wackennachlese 2013

Ich glaube, ich möchte einmal kurz klarstellen, warum ich dieses Jahr vom Wacken Open Air insgesamt enttäuscht war, obwohl ich großen Spaß hatte und das Ticket für nächstes Jahr auch schon bestellt ist.

Schon während der Festivalwoche war unserer Gruppe mehrheitlich aufgefallen, dass bei den meisten Konzerten mittlerweile mehr Kurz- als Langhaarige vor den Bühnen stehen. Damit meine ich nicht, dass mir Leute mit kurzen Haaren irgendwie nicht passen, Toleranz und Offenheit sind auch bei mir hohe, wenn nicht höchste Werte. Und es geht mir auch nicht um Mainstream/Underground an sich. Aber ein kurzer Exkurs zu dem, was ich zunehmend vermisse.

Vor zehn Jahren bin ich das erste mal auf ein Festival gefahren, und es war das damals in den Medien noch kaum präsente Wacken Open Air, auf dem sich im Jahre 2003 schon für die damalige Zeit gigantische 30.000 Leute tummelten. Was damals das Ticket gekostet hat, mag ich gar nicht sagen, sonst schießen mir die Tränen in die Tastatur. Nur so viel zum Geist der Zeit: Man konnte damals gebatikte Shirts tragen, ohne retro sein zu wollen.
Jedenfalls erinnere ich mich an eine Atmosphäre, die die heutige wirken lässt wie den Ansturm auf einen neu eröffneten Applestore.

Mit „kurzhaarig“ meine ich nämlich nicht „Menschen mit kurzen Haaren“, sondern „szenefremdes Publikum“. Man erkennt sie nicht nur an der Frisur; viele von ihnen haben offenbar gerade ihr erstes schwarzes Shirt gekauft, meist das des aktuellen Wackenjahrganges, tragen Blödmannsutensilien durch die Botanik wie etwa aufblasbare Penisse und sind vor allem die, die sich völlig überaffirmativ mit dem Veranstaltungsort identifizieren. („WACKÖÖÖÖÖÖN!“)
Einzelne Merkmale treffen sicher auch auf nichtszenefremdes Publikum zu, aber ihr wisst sicher, welchen Menschenschlag ich meine.
Diese Leute sind nach einhelliger Meinung aller, die ich befragt habe, die, die am meisten von dem verzapfen, was einen an diesem Festival so nervt. Die meisten sexuellen Grenzüberschreitungen, die ich gegenüber hübschen Frauen beobachtet habe,  Fäkalorgien, sinnlose Zerstörung, Herumspringen in Schlammpfützen bei Konzerten, die die Umstehenden eigentlich lieber sehen würden, aggressiv Bier schnorren, seine Umgebung 24/7 mit Schlumpftechno beschallen und nicht zuletzt, Nazilieder grölen.
Auch rekrutiert sich aus diesen Kreisen ein Großteil derer, die so sehr besoffen sind, dass einem selbst als trinkfreudigem Metalhead mit einem Schlag das Dosenbier im Munde schal wird.

Ich will nicht sagen, dass das alles Sachen sind, die „echte“ Metaller nie tun, aber wer mehr als eines der Jahre seit, sagen wir, 2008 mal nach Wacken gepilgert ist, der dürfte sich meinem Eindruck der Häufung dieser Dinge bei Nichtmetallern anschließen.

Ich bin auch nicht der erste, der den Vergleich zum Ballermann zieht. Aber wen wundert es?

Es spricht überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen sich amüsieren und die Sau rauslassen wollen. Auch kurzhaarige Menschen dürfen das tun, und das tue ich ja selbst auch. Ich fahre aber absichtlich nicht zum Ballerman, weil mir das da einfach nicht gefällt. Und wenn mein Lieblingsfestival sich mehr und mehr in diese Richtung entwickelt, dann gefällt mir das umso mehr nicht. Hier ist das Problem: Die Ausrichtung des W:O:A geht zunehmend an den Interessen der alten Kernzielgruppe vorbei.
Man fühlt sich als jemand, der etwas mit der Metalkultur verbindet, mehr und mehr als Fremdkörper auf einer Veranstaltung, die mal mit „Faster Harder Louder“ ein richtig metallisches Motto hatte, und auf der jetzt Santiano und Heino ernstzunehmende Acts oder Teil von solchen sind. Wie ein Gast im falschen Haus.

Die Probleme mit Nichtszenegängern halte ich dabei für hausgemacht. Leute, die keine Leidenschaft für die zugrundeliegende Subkultur mitbringen, interessieren sich auch nicht für den Zusammenhalt innerhalb derselben und für die Außenwirkung des Ganzen.
Ich weiß natürlich nicht, ob sich jemals ein Metaller vom Pinkeln in den Busch hat abhalten lassen, weil er dachte, dass das die Metalszene schlecht dastehen lässt, interessanterweise passiert aber deutlich weniger von Vergleichbarem auf kleineren Metalfestivals, die noch nicht so stark durchmischt sind, wie auf dem Party.San und anderen.

Man könnte nun freilich argumentieren, ich sei ein Feind von Durchmischung, und dass Offenheit eben auch eine Eigenart der Metalszene sei. Letztgenannteres ist natürlich nicht falsch.
Jetzt lebt aber der identitätsstiftende Teil der dunklen Alternativkulturen, zu denen z.B. auch die Grufties etc. gehören, zumindest in Teilen davon, sich ein Stück weit aus der gesellschaftlichen Mitte herauszuziehen, und zum Beispiel nicht jeden Trend mitmachzumachen. Es gibt auch andere tolle Farben außer Schwarz, doch die meisten Kleidungsstücke in den meisten Kleiderschränken sind eben schwarz. Beispiele über Beispiele; gesellschaftliches Vorankommen wäre ohne Tattoos und Piercings sicher oft leichter, und auch auf die übrige Zivilgesellschaft wirkt man damit oft abschreckend, so dass sich alsbald der Freundeskreis überwiegend aus anderen Szenemenschen zusammensetzt.
Aus der Abgrenzung entsteht nämlich auch ein Schulterschluss mit anderen, ebenfalls szenezugehörigen Leuten.
Man kann also eine homogene Szene/Gruppe genau wegen ihrer Homogenität kritisieren, und nicht alles ist begrüßenswert daran. Es gibt aber auch positive Aspekte, wie dass man sich innerhalb seiner Peer Group zuhause fühlt und sich darin freier bewegen kann als außerhalb. Auch steht diese Gruppe ja grundsätzlich jedem offen, so dass eine Ablehnung einem angenommenen Mainstream gegenüber etwas ist, dem sich jeder entziehen kann, wenn sie oder er das möchte.
Deswegen bin ich nicht per se dafür, dass man es überall allen recht machen muss und ein Festival so umzubauen, dass ein vermuteter Ottonormalverbraucher sich dort unbedingt wohl fühlt.

Deswegen würde ich mir wünschen, dass auf dem W:O:A in Zukunft wieder, ja, weniger mainstreamige Bands auftreten und der durchschnittliche Härtegrad vielleicht wieder bei z.B. Hypocrisy liegt, wie es zumindest in meiner Wahrnehmung früher zum Teil der Fall war.
In dem Moment, als Rammstein auf dem Lineup des Wacken auftauchten, habe ich schon gedacht „Oh Kacke, die Popper werden über uns herfallen“, und keine 24 Stunden später war das Festival dann auch ausverkauft. Zufall?
Man muss ja nicht gleich das Wackingerdorf abschaffen, aber anstatt Headliner wie Rammstein, Alice Cooper und Deep Purple heranzuholen, wären doch Bands wie, von mir aus, Slayer, Cannibal Corpse und vergleichbare angemessenere Beschallung für ein „XX Years Louder Than Hell!“-Festival.
Zur Sicherheit: Wer hier andere Texte von mir liest, in dem wird die Erkenntnis reifen, dass ich der „Früherwarallesbesser!“-Mentalität eher unverdächtig bin. Auch hatte ich wie alle Jahre zuvor auf dem Wacken Momente großer Freude, mit meiner tollen Begleitung vor der Leinwand zu sitzen, durch das verwandelte Dorf zu schlendern und zum Teil richtig toll abgemischte Konzerte zu hören. Es ändert aber nichts an dem mit jedem Jahr wachsenden Gefühl, nicht der Gast zu sein, den der Veranstalter gern hier hätte bzw. dass dieser einfach alles tun würde, solange die Leute ihr Geld dafür auszugeben bereit sind. Zeichen des unstillbaren Profitdurstes der Veranstalter, wie die versteckten Preiserhöhungen überall (nicht nur beim Bier), schwächen diese Empfindung nicht gerade. Man führe sich nur einmal vor Augen, was allein über die Tickets jedes Jahr an Einnahmen generiert wird:
Ticketpreis 160€ x 80.000 Tickets, macht mal eben 12.800.000€, die jetzt, wo das Festival schon wieder ausverkauft ist, fast ein Jahr quasi nur auf der Bank liegen. Und darauf noch der Reingewinn der Stände und des Merchandise.
Und Wackenfans kaufen anscheinend wirklich alles, sogar Scheiße, solange sie nur mal in Wacken gelegen hat. (Danke für das Bild an dieser Stelle, Dirk!)

Dem Veranstalter kann das nur recht sein. Dass er Geld verdienen möchte, kann man ihm auch nicht vorwerfen. Aber wie gesagt, andere Festivals ziehen ihre Grenzen woanders.
Wenn sich der eingeschlagene Weg auf dem Wacken aber so fortsetzt, werde ich früher oder später den Schritt tun, den mein schlauer Bruder bereits vor einigen Jahren getan hat: Anstatt mich zu beschweren, werde ich einfach nicht mehr hinfahren.

Absichtliche Fehleinschätzung führt zur Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet?

Der NDR berichtet über das Gefahrengebiet Sternschanze und zitiert dabei die Hamburger CDU-Fraktion mit den Worten „besser spät als nie“, und die Ausweisung der Sternschanze als Gefahrengebiet sei nicht nur richtig, sondern auch Monate zu spät erfolgt.
Interessant dabei ist vor allem, wie dazu argumentiert und was bereits an Maßnahmen vorab ergriffen wurde, um die Drogenkriminalität, um die es vorgeblich geht, einzudämmen:

„60.000 Euro hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zur Verfügung gestellt, um den Drogenhandel aus dem Florapark zu verdrängen. Damit wurden die Beleuchtung im Park verbessert und Sträucher geschnitten, um Verstecke zu beseitigen. 15 Beamte waren jeden Tag vor Ort, die Feuerwehr übt in dem Park Einsätze. Doch all das habe den Handel nicht zurückgedrängt, antwortete der Senat auf eine Kleine Anfrage.“

Abgesehen von allen berechtigten Einwänden aus der Ecke derer, die sich um die Bürgerrechte in der Hansestadt sorgen: Es ist kriminologisch überhaupt nichts neues, dass ein Verstärken der Präsenz in einem Gebiet dazu führt, dass die Zahl der ermittelten Delikte steigt.

Mehr Ermittlungen vor Ort führen zwangsläufig zu mehr erfassten Straftaten, die aber keine Steigerung der Kriminalität bedeuten, sondern sie wurden vorher schlicht nur nicht entdeckt. In der Statistik sieht es dann so aus, als stiege die Zahl der Delikte insgesamt und als habe „all das den Handel nicht zurückgedrängt“. Ein Bedrohungszenario wird konstruiert.

Es ist also mitnichten eine Überraschung, dass, wenn im Florapark die Büsche gerodet und mehr Polizisten eingesetzt werden, die Fallzahl in der Gegend steigt. Im Gegenteil, alles andere wäre eine Überraschung gewesen.
Bei der Polizei und im Innenausschuss der CDU weiß man das mit Sicherheit auch, und so ist das Heranziehen solcher Zahlen für eine Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet aus meiner Sicht eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit.

Über das eigentliche Ziel der Aktion möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen.