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Widerrede gegen den Rant des Sven Regener

Es geht gerade ein Rant von Sven Regener durch die Netzwelt, in dem er sich über die vermeintliche Umsonstkultur des Internets aufregt und der sogar von einigen Kreativen weiterverbreitet wird, vermutlich, weil sie ihn auf ihrer Seite wähnen.

Über das Unwort der Umsonstkultur haben sich bereits begabtere Schreiber als ich echauffiert und er nennt es auch nicht explizit.
Trotzdem regt sich in mir unbändiger Widerspruch gegen das was er sagt, und ich möchte einmal versuchen zusammenzufassen, worum es mir geht.
In chronologischer Reihenfolge:

1.) Man kann sehr wohl auch ohne Verträge Musik machen. Ob man davon leben kann ist eine ganz andere Sache, aber gerade Subkulturen sind traditionell Innovationsmotoren und hier sind Verträge, von denen Künstler sich ernähren können, schon immer die Ausnahme gewesen.

2.) In Supermärkten wird natürlich geklaut, wenn man dabei nicht erwischt wird – sogar, wenn man doch erwischt wird. Das will ich nicht schönreden. Ich nehme aber außerdem an, Herr Regener schließt auch beim Verlassen der Wohnung seine Tür ab und weint sich nicht in den Schlaf ob der Tatsache, dass er andernfalls wohl bestohlen würde. Dass eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, nichts wert sei, ist dann dann wohl schon länger der Fall und kein Phänomen der Internetzeit und damit kein Anlass zur Beschwerde über den Mangel an Moral und Anstand.

3.) Ich will um Gottes Willen in Zukunft nie wieder die gleiche Musiklandschaft vorfinden wie wir sie jetzt haben und noch weniger wie wir sie vor zehn Jahren hatten, in der Innovationen stets hinter marktwirtschaftlichem Erwägungen zurücktreten musste und es bis heute muss.

4.) Für Leute zwischen 15 und 30 gibt es allerdings endemische Musik. Zumindest im Sinne von „ausschließlich in einem bestimmten Gebiet vorkommend“, wie Wiktionary es definiert. Entweder kennt Regener das Wort endemisch nicht oder hat noch nie z.B. von Dubsteb gehört. Erneut möchte ich den Blick auf die Subkulturen lenken: Den sog. Viking- oder Paganmetal hören beispielsweise fast ausschließlich Menschen der erwähnten Altersklasse. Ob die Vertreter dieser Richtung aber auch vor 20 Jahren von einem Plattenvertrag die Miete für ihren Proberaum hätten bezahlen können, ist unbewiesen.

5.) Die kleinen Bands mit dem erwähnten studentischen Zielpublikum sind wahrscheinlich im Selbstvertrieb und spielen Gigs, anstatt sich um Plattenverträge zu kümmern, würde ich vermuten. Jedenfalls kenne ich genügend solcher Truppen.

6.) (Etwas polemisch) Wer nicht uncool dastehen möchte, der soll sich nicht uncool verhalten, z.B. indem er andere kriminalisiert.

7.) Google und Youtube haben nichts Eigenes zu bieten, sondern nur das, was andere gemacht haben? Abgesehen von der Fragwürdigkeit dieser Aussage, was unterscheidet sie damit von einem durchschnittlichen Label? Dass das ein Riesenkonzern ist, stört bei den Big Playern der Rechteverwerter ja anscheinend auch niemanden.

8.) Ich bin nicht einverstanden mit der Formulierung „Wir [(gemeint: die die Musiker)] sind die GEMA!“.
Ich habe auch einmal ein paar kleine Auftritte gespielt und war stets völlig entsetzt, wie man sich als kleiner Künstler dagegen wehren muss, dafür auch noch selbst Geld zu bezahlen, anstatt welches zu erhalten.
Wer selbst öffentlich auftreten möchte und eine GEMA-Abgabe zu zahlen hat, muss sich selbst als Nichtmitglied erst einmal ca. 50€ erspielen, die dann komplett an diese Gesellschaft gehen. Aus diesem Topf werden die Ausschüttungen an die Künstler bezahlt, die den Sprung in den Mainstream geschafft haben. Die GEMA ist also zunächst einmal wenig mehr als ein Schutzwall der Großen gegen die Kleinen, in anderen Industrien scheut man sich aber an der Stelle irgendwie nicht, von Mono- bzw. Oligopolbildung oder -erhaltung zu sprechen.

9.) Dass die Künstler nichts abbekommen von den Umsätzen bei Youtube, liegt zu nicht unwesentlichen Teilen auch an der GEMA, die keinerlei Kompromissbereitschaft bei Verhandlungen mit Youtube gezeigt hat. Sich darüber zu beschweren, die Künstler seien hierbei erstmalig „die Penner aus der letzten Reihe“, ist außerdem einigermaßen absurd angesichts der Anteile am Erlös eines Tonträgers, die an den Künstler gehen. Die waren schon immer verschwindend gering.

10.) Es ging nie darum, die Künstler aus der Verwertungskette zu nehmen, in diesem Falle leiden die nur als erste darunter (warum wohl?), doch die Musikverlage schreien meist lauter. Er sagt ja selbst, dass im Netz auch Geld zu verdienen ist (99 Cent pro Song, offensichtlich bezieht Regener sich auf iTunes), warum also dieses Herumgerattere gegen Youtube, wo man als Künstler nicht den geringsten Aufwand hat, gehört zu werden? Als die ersten Radiosender aufmachten, haben sich die Tonträgerhersteller auch erst gewehrt, bevor sie sich bei den Stationen angebiedert haben; nur dass bei Youtbue & Co. die Sendezeit komplett unbegrenzt ist.

Den Rest kommentiere ich mal nicht, ein kopfloser Schütze kann nur schlecht einen gezielten Schuss abgeben, und so geht meiner Ansicht nach die Kritik an der Piratenpartei an deren eigentlichen Inhalten völlig vorbei. Ungeachtet dessen, dass Herr Regener mich als Deppen bezeichnet, weil ich das Monopol derer nicht bezahlen möchte, die ihm seine Anteile ausschütten.

Dass man die Element Of Crime nicht bei Youtube findet, stimmt außerdem so auch nicht. Für die Songs muss man also nicht zur Homepage der Band surfen. Seine Musik ist also im Netz, ob er will oder nicht, und das Aufbäumen dagegen, indem er die offiziellen Videos nicht bei Youtube einstellt, ist in meinen Augen ein fruchtloser Versuch des Widerstandes gegen eine Veränderung, die man nicht aufhalten kann und auch nicht muss, wenn man nur lernt, mit ihr umzugehen.

Das Geschäft mit der Musik hat einige Jahrzehnte lang eine Hand voll Leuten sehr reich gemacht, doch wie bei allem, was das Netz trifft, gibt es auch hier kein Patentrezept gegen die Dezentralisierung, die es mit sich bringt, und das Geld, das Leute früher in Platten investiert haben, wird in Zukunft vielleicht über Micro-Payment direkt an die Künstler gehen. Das vielzitierte Web 2.0 löst nun mal die Grenzen zwischen Produzent und Konsument auf, da kann man drüber weinen oder sich damit abfinden. Ich verstehe, wenn Einzelne sich über ihre Verdienstausfälle beklagen und auch Sven Regeners Anlass zur Kritik ist ja nachvollziehbar, der Mann hat schlicht Angst um seine Existenz, aber sein Zorn richtet sich gegen die falschen Leute. Nicht die Kunden haben die Entwicklung verschlafen, sondern die Anbieter. Und zwar in diesem Falle zu Ungunsten der Künstler.
Gerade aber in Zeiten, in denen jeder für ein paar hundert Euro zuhause technisch wie künstlerisch mehr oder weniger nomgerechte Musik erzeugen kann (und dafür auch kein Instrument mehr spielen oder richtig gut singen können muss), sollte sich der Berufsmusiker die Frage gefallen lassen, ob er es sich leisten möchte zu sagen „ich will aber keine Straßenmusik machen“.
Ich will auch das ganze Jahr in Shorts und Shirt durch die Gegend laufen, aber wenn es kalt wird, ziehe auch ich eine Jacke an.

Die Analyse kann hier nicht mit einem so kurzen Fazit beendet werden wie bei einem Frankfurter Tatort: Es ist nicht einfach immer die Gesellschaft schuld.
Und spätestens wenn einem dann auf einmal die JungLiberalen zustimmen sollte jeder merken, dass er Unsinn geredet hat.