Getagged: Ernährung

Die taz, veganes Fastfood und die Angst davor

In der Onlineausgabe der taz steht seit dem 3.4.2014 ein Artikel zu lesen, dessen Inhalt ich verkürzt wiedergeben möchte mit „auch, wenn man Tierprodukte aus Junkfood entfernt, kann man damit keinen Krebs heilen“.
Ja, ich war genauso überrascht wie Ihr. Pommes mit Ketchup und Chips sind ungesund? WIRKLICH?! Welch ein Glück, dass wir investigative Journalisten haben wie Esther Widmann, die da richtig im Dreck wühlen, um uns mal ordentlich aufzuklären. (Gut, eigentlich hat sie nur das, was die Hamburger Verbraucherzentrale öffentlich sagt, kommentiert) Irritierenderweise scheint sie ansonsten ihre Themen ganz annehmbar zu wählen, aber jeder hat mal Aussetzer und ich will das gar nicht unnötig boulevardesk personalisieren.
Ungeachtet der Tatsache, dass Veganer, die länger als ein paar Monate dabeibleiben, sich quasi zwangsläufig deutlich besser mit Ernährung auskennen als 99% aller Fleischesser: Jeder, der auch nur eine einzige Mahlzeit mit einem Veganer eingenommen hat, weiß einfach bereits, was die Verbraucherzentrale da „herausgefunden“ hat.
Fun Fact: Sowohl Verbraucherzentrale als auch taz bieten derzeit Fanware zum Thema an.
Inhaltlich ist der Artikel bereits recht abschließend u.a. vom Graslutscher besprochen worden. Mich irritiert bei der Sache auch etwas ganz anderes.

Am Veröffentlichungstag bereits wurde der Artikel nämlich bereits in einem Maße in meinem erweiterten Freundeskreis herumgereicht, das in krassem Missverhältnis zu seinem Nachrichtenwert steht. Twitter und Facebook waren meinem Eindruck nach regelrecht voll damit. Und siehe da, mein Eindruck war richtig: Das Portal rivva.de, das soziale Netzwerke durchforstet und die dort geteilten Links nach Popularität sortiert, führt heute Mittag genau einen Artikel der taz. Und in diesem ging es zufällig nicht um die AfD.
Zum aktuellen Zeitpunkt zählt die Statistik 34 Tweets, 642 Likes, 319 Shares und 13 G+1, und die Zahlen steigen minütlich weiter. Woher kommt das?

rivva
rivva ist für die Antwort auf diese Frage nur teilweise hilfreich. Die dort verlinkten Tweets zeigen ein gemischtes Reaktionsbild, von „No Shit, Sherlock!“ über „Guckt mal, wie man ohne Häme über Veganismus reden kann“. Wenn ich aber das Bild, das mein Freundeskreis ergibt, und rivva zusammenlege, dann sehe ich, dass die Mehrheit derer, die den Artikel teilen, zumindest keine Veganer sind. Warum aber teilen Nichtbetroffene derartig oft einen Artikel über den vermeintlich geringen Nutzen von etwas, das weniger als 0,5% der Bevölkerung betreiben? Warum?

Die Frage mag jeder für sich beantworten, ich habe dazu aber auch einen Ansatz.
Ich bin nämlich schon länger Anhänger der Theorie, dass die meisten Fleischesser eigentlich ganz gut wissen, dass sie einen weißen Fleck in ihrer ethischen Landkarte haben. Dazu hat die SZ schon vor längerem mal geschrieben. (Im Artikel steht ein Veröffentlichungsdatum von 2012, aber ich glaube, es gibt eine ältere Version.)
Zu der Theorie des Abwehrreflexes passt auch, dass man u.a. als Veggie vor allen möglichen Leuten immer wieder begründen muss, dass man kein Fleisch essen möchte, woraufhin Fleischesser plötzlich selbst auch „nur ganz wenig Fleisch essen“, und „dann auch nur Bio“, dass es beispielsweise im Fernsehen deutlich mehr Witze über Vegetarier gibt als über Fleischesser, und dass die meisten Fleischdiskussionen gar nicht von Vegetariern & Veganern gestartet werden. All das ergibt zumindest eine Linie, und die führt genau zu dem, was bei rivva derzeit zu bestaunen ist. Zusätzlich wird die Theorie dadurch bestätigt, dass die meisten, die den Artikel weiterleiten, irrigerweise von den getesteten Fertiggereichten auf die gesamte Ernährungsweise rückschließen. Zur Ehrenrettung: Die Titelzeile macht das sehr einfach.
Nichts davon würde Otto-Normal-Omnivore je zugeben. Ein jeder fühle sich zu daher zu dem Experiment eingeladen, den genannten SZ-Artikel einfach mal unkommentiert zu posten und nur die Reaktionen zu beobachten.
Um es mit Fefe zu sagen: Popcorn bereithalten.

Welche Conclusio ziehe ich also daraus?
Gute Frage. Ein weiterer Beweis für die Bequemlichkeit und Angst der Masse, irgendetwas ändern zu müssen? Das wäre auch nichts neues und vom Nachrichtengehalt in etwa vergleichbar mit dem Artikel selbst. Vielleicht lehrt uns diese Betrachtung, dass ausnahmslos jeder sich öfter an die eigene Nase fassen sollte; denn wer kennt nicht die Situation, in der jemand, der sich in einem beliebigen Thema X deutlich schlechter auskennt als man selbst, plötzlich triumphierend mit einer längst widerlegten These vor einem steht?

Eben.

 

Nachklapp: Auch andere Publikationen gehen auf den Test der Verbraucherzentrale ein. Die taz habe ich mir hier exemplarisch herausgegriffen, bis auf die Namen funktioniert das Gesagte auch mit SPON & Co.

Advertisements

Die Mohrrübe: Das Lebensmittel, das keines ist

Jeder kennt sie. Man findet sie überall auf Straßen- und in Supermärkten. Und sie ist orange.
Obwohl man Gefahr läuft, sich als Trendhure bezeichnen lassen zu müssen, weil Themen um Ernährung derzeit so wahnsinnig en vogue sind, möchte ich heute mit einer echten Lebensmittellüge aufräumen.

Wer zur Hölle hat gesagt, dass man Mohrrüben essen kann?

Tatsächlich gibt es mehrere Indizien, die die Eignung der Daucus carota subsp. sativus), auch bezeichnet als Möhre, Mohrrübe, Gelbrübe, Gelbe Rübe, Rüebli, Riebli oder Wurzel zum menschlichen Verzehr zweifelhaft erscheinen lassen.
Zum einen ist es ihre Farbe. Bekanntermaßen versucht die Evolution, Tieren und Pflanzen, die einen Nährwert für potentielle Fressfeinde aufweisen könnten, entweder eine unauffällige Färbung, ein mehr oder minder starkes Gift oder aber einen widerwärtigen Geschmack mit auf den Weg zu geben. Da offensichltich die ersten beiden Punkte nicht zutreffen (zumindest weiß ich nicht, auf welchem Planeten Orange eine Tarnfarbe sein soll, und von einer außerirdischen Herkunft scheint die Wissenschaft ja nicht überzeugt zu sein, wenn man es noch für nötig hält, auf dem Mars nach Mikroben zu suchen), bleibt ja nur der Geschmack übrig. Und anscheinend bin ich der einzige, dem er auffällt!

Dann die Konsistenz. Sie erinnert am ehesten an einen Polizeischlagstock, was ihren Verzehr für sehr junge und sehr alte Menschen und für solche mit einem nur leicht überdurchschnittlich zuckergeschädigten Gebiss nicht nur unattraktiv, sondern schlicht unmöglich macht.
Filmisch wird dies aufgearbeitet im Film Shoot ‚em up, in dem Clive Owen mehrfach nur mit der bunten Todesrübe seine Gegner überwältigt. Dass er hinterher oft davon abbeißt darf man wohl unter Vernichtung von Beweismitteln verbuchen.

Es gibt also schlicht keinen Grund, Karotten zu sich zu nehmen, wenn man nicht gerade ein Vorkoster für teure Zuchtpferde ist. Eines der klassischen Pro-Möhre-Argumente ist daher, dass sie reich an Ballaststoffen sei – aber das trifft schließlich auch auf Spanplatten zu. Wie kam man überhaupt darauf, dass man die Dinger (Möhren, nicht Spanplatten) essen kann?

Ich habe eine Theorie.

Im ausgehenden Mittelalter, zur Hochzeit der Hanse, erfuhr die europäische Schiffahrt großen Vorschub. Man war allerdings weder in der Bekämpfung von inneren wie äußeren Schädlingen an der Schiffshülle besonders weit noch in der Entwicklung von Dichtungsmitteln, die im Kompromiss zwischen Haltbarkeit und Dichtungskraft besonders gute Werte erzielt hätten und die zudem bei Defekten auf hoher See anzuwenden waren. Die Form der Möhre jedoch brachte die Seefahrer jener Zeit auf die Idee, einen Vorrat von ihnen, in einem Gefäß voll Erde wachsend und so stets frisch, auf lange Reisen mitzunehmen. Bei einer weiten Überfahrt, bei der eine Dichtung aus Teer unterhalb der Wasserlinie dem Salz nachgab, konnte man so eine Rübe zuschneiden und das Leck abdichten. Und zwar von innen.

Nun sind damals mehr Schiffe verloren gegangen als heute. Das hat mehrere Gründe, vor allem aber war man abhängig vom Wind und die Werkstoffe waren kein Vergleich zu den heutigen. Es muss furchtbar gewesen sein, mitten in einer Flaute zu sitzen, um sich herum nichts als Wasser, während die Kameraden Mann für Mann an Hunger und Durst starben. Mehrere Schilderungen gibt es, nach der sich die Seeleute aus purer Not gegenseitig verspeist haben sollen.
Eine geistig bereits besonders arme Mannschaft muss begonnen haben, das Schiff anzunagen, auf dem sie sich befand.
Ganz zum Schluss, als nichts mehr übrig war von den vergleichsweise bekömmlichen Tauen, Beschlägen und Segeln, haben die Seeleute dann angefangen, ihr Dichmaterial zu kosten. Das in der Karotte befindliche Wasser scheint die Matrosen zumindest lange genug am Leben erhalten haben, damit sie an Land gehen und ihre Geschichte erzählen konnten.

Die Geschichte der Karotte ist eine Geschichte voller Missverständnisse.
Dinge wie Fensterkitt oder Kerzenwachs isst man in einer Wohlstandsgesellschaft doch schließlich auch nicht.