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heises Beitrag zur Entflechtung von Machteliten und Journalismus

Bei heise.de erschien heute ein Beitrag, dessen Grundtenor ich mich gern erst einmal anschließen möchte: Journalismus und Machteliten gehören weniger eng miteinander verbandelt, als sie es derzeit sind.

Eigentlich könnte man jetzt aufhören, weiter über das Thema nachzudenken. Ich habe allerdings der impliziten Aufforderung des veröffentlichenden Journalisten Marcus B. Klöckner, selbst nicht alles Vorgekaute hinzunehmen, einmal Folge geleistet und ein wenig eigene Recherche betrieben. Dabei sind mir dann doch ein paar Dinge aufgefallen, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

Klöckner sagt, große Leitmedien würden über die entscheidenden Konferenzen nicht berichten.

Seit einigen Jahren tauchen hier und da immer mal wieder Berichte über die Bilderberg-Gruppe auf, doch über viele Jahre gab es so gut wie keine Berichterstattung in den Medien.

Ich habe den einfachsten denkbaren Weg gewählt und bei den im Artikel aufgezählten Medien SPON, Zeit Online, der Süddeutschen und sogar bei der taz einfach mal die Suchfunktion der eigenen Seite mit dem Begriff „Bilderberg“ belästigt. („Bilderberg“ statt „Bilderberger“ habe ich gewählt, um auch die Nennung der Konferenz selbst und nicht nur deren Teilnehmer zu erwischen) Das Ergebnis fiel dabei überraschend aus.
Etwas aus dem Rahmen fiel die taz: „Suchergebnis 1-4 von 3“ bei vier tatsächlichen Treffern, na gut. Das erfordert zum Verständnis eine gewisse mathematische Flexibilität.
Bei Zeit Online erhält man derzeit 379 Ergebnisse für das Suchwort Bilderberg.
SPON liefert keine klare Zahl, aber mindestens zehn Seiten Suchergebnisse (und wahrscheinlich mehr). Nicht alle Ergegbnisse haben mit der Konferenz zu tun, respektive erfordert es eine noch größere inhaltliche Flexibilität als die bei der taz notwendige mathematische, um „Wassersport: Hai-Alarm“ in einen Kontext zu den Bilderbergern zu bringen.
Die eigene Suchfunktion der Süddeutschen Zeitung ist eine Katastrophe, daher habe ich über Google das Wort Bilderberg auf dem Portal gesucht. Das kränkelt natürlich, weil hier auch die Kommentare mitgezählt werden. Hier ist das Ergebnis völlig unüberschaubar vielzahlig.

Insgesamt zeigt sich an der schieren Gesamtzahl der Ergebnisse: Klöckners Aussage ist in der Form nicht richtig haltbar.

Auch Google Trends bestätigt Klöckners These nicht. Über die verfügbaren letzten neun Jahre zeigt sich kein wesentlicher Abfall oder Anstieg des Interesses am Thema. Die Spitzenwerte finden stets um den Zeitpunkt der Konferenz im Juni/Juli herum statt.

Klöckners Narrativ ist unfalsifizierbar.

Ich will gar nicht sagen, dass er Unrecht hat und dass nicht tatsächlich auf Veranstaltungen dieser Art weichenstellende Entscheidungen getroffen werden. Der Aufbau seines Artikels ist das Problem: Denn egal, was ein Besucher einer solcher Runde hinterher sagt, alles bestätigt Klöckners Narrativ. „Die Eliten des Planeten planen dort eine neue Weltordnung“ passt dort ebensogut hinein wie die Aussagen von Journalisten, die Zusammenkünfte seien harmlos. Dann hat derjenige nämlich schlicht seinen Beißreflex verloren, ist indoktriniert und/oder eben schon zu sehr verbandelt mit den Mächtigen.

Dieses Muster ist eines der Erkennungsmerkmale der einer jeden Verschwörungsideologie inhärenten Immunisierungsvorgänge:

Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Verschwörungsideologie kann dann nicht mehr widerlegt werden.

Wikipedia, Verschwörungsideologien

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich will Klöckner in diesem Zusammenhang nicht unterstellen, einer Verschwörungstheorie aufgesessen zu sein, er argumentiert aber auf zumindest problematische Art und Weise.

Woher wissen wir überhaupt von alledem? Aus der Presse.

Zugegeben, das mag auf den ersten Blick wie eine rein akademische Fragestellung erscheinen. Wenn wir uns aber schon damit auseinandersetzen, ob „die Medien“ ein Problem mit zu großer Elitennähe haben, dann sollten wir nicht außer Acht lassen, dass das wir darüber nicht etwa diskutieren, weil ein unabhängiger Blogger oder ein Whistleblower uns darauf gestoßen haben. Nein, es war das biedere ZDF, das den Stein des Anstoßes in der öffentlichen Wahrnehmung ins Rollen brachte. Wir erinnern uns: Das ist der Sender, dem immer wieder zu große Einflussnahme durch Eliten vorgehalten wird. Wenn das irgendwie ins Bild passen soll, muss wohl wieder einer ein Immunisierungsmechanismus herhalten.

Der Journalist, der seine Kollegen als mindestens ideologisch vorbelastet sieht, scheint selbst eine ziemlich klare Linie zu verfolgen.

Wer den Namen „Marcus Klöckner“ mal durch die Suchmaschine seines geringsten Misstrauens schickt, wird erstaunt (oder auch nicht) feststellen, dass das Betätigungsfeld dieses Mannes mit wenigen Worten ziemlich umfassend beschreiben kann: Klöckner schreibt fast ausschließlich über Systemversagen, Geheimdienste, Geheimarmeen, rezensiert Bücher zu diesem Thema, dies auch bisweilen durchaus wohlwollender als seine Mitkommentatoren. Auch als Buchautor gibt er eine Figur ab, die es nicht unbedingt leichter macht, ihm Verschwörungsgläubigkeit abzusprechen. Das kann man natürlich auch als Expertentum bewerten. Die schiere Intensität und Ausschließlichkeit, mit der sich Klöckner diesem Themenkomplex widmet und dass seine Veröffentlichungen stets zu dem Ergebnis kommen, etwas sei anders, als es die Öffentlichkeit zu wissen glaubt, machen den Eindruck nicht besser.

Noch einmal, das an sich ist alles kein Problem und eigentlich weigere ich mich auch, ad hominem zu argumentieren. Es wäre der Sache aber womöglich dienlich, wenn man mit der Berichterstattung zu diesem Thema Journalisten beauftragt, bei denen sich nicht so leicht ein Verdacht auf Voreingenommenheit konstruieren lässt – wenn es diese gibt, was ich als Nichtbranchenkenner einfach nicht weiß.

Denn das Thema verdient es, dass man es angemessen behandelt. Die von der Anstalt im ZDF einem Millionenpublikum zugänglich gemachten Verbandelungen zwischen journalistischer und politisch/wirtschaftlicher Elite sind ein Skandal und es wert, durchleuchtet zu werden. Ich habe die Lektüre des Ausgangsartikels nicht bereut, musste aber doch an einigen Stellen bisweilen die Stirn runzeln und mich sehr an das halten, was Herr Klöckner zurecht selbst fordert: Stets kritisch bleiben.

Die taz, veganes Fastfood und die Angst davor

In der Onlineausgabe der taz steht seit dem 3.4.2014 ein Artikel zu lesen, dessen Inhalt ich verkürzt wiedergeben möchte mit „auch, wenn man Tierprodukte aus Junkfood entfernt, kann man damit keinen Krebs heilen“.
Ja, ich war genauso überrascht wie Ihr. Pommes mit Ketchup und Chips sind ungesund? WIRKLICH?! Welch ein Glück, dass wir investigative Journalisten haben wie Esther Widmann, die da richtig im Dreck wühlen, um uns mal ordentlich aufzuklären. (Gut, eigentlich hat sie nur das, was die Hamburger Verbraucherzentrale öffentlich sagt, kommentiert) Irritierenderweise scheint sie ansonsten ihre Themen ganz annehmbar zu wählen, aber jeder hat mal Aussetzer und ich will das gar nicht unnötig boulevardesk personalisieren.
Ungeachtet der Tatsache, dass Veganer, die länger als ein paar Monate dabeibleiben, sich quasi zwangsläufig deutlich besser mit Ernährung auskennen als 99% aller Fleischesser: Jeder, der auch nur eine einzige Mahlzeit mit einem Veganer eingenommen hat, weiß einfach bereits, was die Verbraucherzentrale da „herausgefunden“ hat.
Fun Fact: Sowohl Verbraucherzentrale als auch taz bieten derzeit Fanware zum Thema an.
Inhaltlich ist der Artikel bereits recht abschließend u.a. vom Graslutscher besprochen worden. Mich irritiert bei der Sache auch etwas ganz anderes.

Am Veröffentlichungstag bereits wurde der Artikel nämlich bereits in einem Maße in meinem erweiterten Freundeskreis herumgereicht, das in krassem Missverhältnis zu seinem Nachrichtenwert steht. Twitter und Facebook waren meinem Eindruck nach regelrecht voll damit. Und siehe da, mein Eindruck war richtig: Das Portal rivva.de, das soziale Netzwerke durchforstet und die dort geteilten Links nach Popularität sortiert, führt heute Mittag genau einen Artikel der taz. Und in diesem ging es zufällig nicht um die AfD.
Zum aktuellen Zeitpunkt zählt die Statistik 34 Tweets, 642 Likes, 319 Shares und 13 G+1, und die Zahlen steigen minütlich weiter. Woher kommt das?

rivva
rivva ist für die Antwort auf diese Frage nur teilweise hilfreich. Die dort verlinkten Tweets zeigen ein gemischtes Reaktionsbild, von „No Shit, Sherlock!“ über „Guckt mal, wie man ohne Häme über Veganismus reden kann“. Wenn ich aber das Bild, das mein Freundeskreis ergibt, und rivva zusammenlege, dann sehe ich, dass die Mehrheit derer, die den Artikel teilen, zumindest keine Veganer sind. Warum aber teilen Nichtbetroffene derartig oft einen Artikel über den vermeintlich geringen Nutzen von etwas, das weniger als 0,5% der Bevölkerung betreiben? Warum?

Die Frage mag jeder für sich beantworten, ich habe dazu aber auch einen Ansatz.
Ich bin nämlich schon länger Anhänger der Theorie, dass die meisten Fleischesser eigentlich ganz gut wissen, dass sie einen weißen Fleck in ihrer ethischen Landkarte haben. Dazu hat die SZ schon vor längerem mal geschrieben. (Im Artikel steht ein Veröffentlichungsdatum von 2012, aber ich glaube, es gibt eine ältere Version.)
Zu der Theorie des Abwehrreflexes passt auch, dass man u.a. als Veggie vor allen möglichen Leuten immer wieder begründen muss, dass man kein Fleisch essen möchte, woraufhin Fleischesser plötzlich selbst auch „nur ganz wenig Fleisch essen“, und „dann auch nur Bio“, dass es beispielsweise im Fernsehen deutlich mehr Witze über Vegetarier gibt als über Fleischesser, und dass die meisten Fleischdiskussionen gar nicht von Vegetariern & Veganern gestartet werden. All das ergibt zumindest eine Linie, und die führt genau zu dem, was bei rivva derzeit zu bestaunen ist. Zusätzlich wird die Theorie dadurch bestätigt, dass die meisten, die den Artikel weiterleiten, irrigerweise von den getesteten Fertiggereichten auf die gesamte Ernährungsweise rückschließen. Zur Ehrenrettung: Die Titelzeile macht das sehr einfach.
Nichts davon würde Otto-Normal-Omnivore je zugeben. Ein jeder fühle sich zu daher zu dem Experiment eingeladen, den genannten SZ-Artikel einfach mal unkommentiert zu posten und nur die Reaktionen zu beobachten.
Um es mit Fefe zu sagen: Popcorn bereithalten.

Welche Conclusio ziehe ich also daraus?
Gute Frage. Ein weiterer Beweis für die Bequemlichkeit und Angst der Masse, irgendetwas ändern zu müssen? Das wäre auch nichts neues und vom Nachrichtengehalt in etwa vergleichbar mit dem Artikel selbst. Vielleicht lehrt uns diese Betrachtung, dass ausnahmslos jeder sich öfter an die eigene Nase fassen sollte; denn wer kennt nicht die Situation, in der jemand, der sich in einem beliebigen Thema X deutlich schlechter auskennt als man selbst, plötzlich triumphierend mit einer längst widerlegten These vor einem steht?

Eben.

 

Nachklapp: Auch andere Publikationen gehen auf den Test der Verbraucherzentrale ein. Die taz habe ich mir hier exemplarisch herausgegriffen, bis auf die Namen funktioniert das Gesagte auch mit SPON & Co.