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Ein Diskussionsangebot an Mario Sixtus bzgl. Nacktscannern

Am 5.6.2015 entspann sich eine kleine Debatte bei Twitter, ausgelöst durch einen Tweet von Torsten Grote, woraufhin Mario Sixtus den Begriff Nacktscanner als Neusprech bezeichnete.

Das ging ein bisschen hin und her, und da Twitter nicht die beste aller möglichen Welten für gehaltvolle Debatten ist (obwohl das mit Sixtus gut gelingen kann, wie man an unserem Verlauf sieht), möchte ich diese Plattform nutzen, um meine Position etwas ausführlicher darzulegen und Mario Sixtus wie auch alle anderen Beteiligten aufrufen, hierauf in irgendeiner Weise, wenn möglich länger als 140 Zeichen, zu reagieren.

Soweit ich das überblicke, sieht Sixtus das etwa wie folgt:
Der Begriff Nacktscanner ist ein von der Bild-Zeitung geschaffener Neologismus, der dramatisieren soll, dass zwar eine Maschine den Menschen auf die Haut guckt, der sie bedienende Mensch aber nur eine Strichmännchenrepräsentation davon sieht. Darüber hinaus findet seiner Meinung nach vor allem Datenschutzhysterie statt.

Dazu möchte ich ein paar Dinge loswerden. Ich gliedere sie mal ein wenig, damit leichter darüber diskutiert werden kann. Teile dessen stehen schon bei Twitter, andere Dinge sind neu.

1. Schon, weil sich die Bild das Wort Nacktscanner ausgedacht hat, sollte man den Ausdruck nicht verwenden

Ich unterschreibe jederzeit das Zitat von Max Goldt zu diesem presseähnlichen Druckerzeugnis mit Onlineableger. Doch das Pendant Körperscanner stammt, wenn ich mich nicht irre, von den Herstellern der Geräte und unseren sogenannten Sicherheitsbehörden, die diese um jeden Preis einführen möchten. Deren Sprachregelungen sollte man nach meinem Ermessen noch sehr viel weniger übernehmen.
Wenn man schon der Bild eine Agenda unterstellen kann, so kann man es den Begründern des Wortes Körperscanner erst recht.

2. Das Wort Nacktscanner ist ungenau, weil es keine Nacktbilder, sondern Strichmännchen zeigt

Das Ziel dahinter, Menschen mit Terahertzkameras zu fotografieren, ist, versteckte Gegenstände unter deren Kleidung zu sehen. Dafür ist es nützlich, dass die sie verdeckende Kleidung auf den so erstellten Bildern nicht sichtbar ist. Unbestreitbar entsteht im Vorgang eines solchen „Körperscans“ also etwas, das einem Nacktbild nahe kommt. Und so, wie für die LKW-Maut nicht nur die Kennzeichen der LKWs auf der Autobahn fotografiert werden, sondern sämtliche passierende Fahrzeuge, müssen auch in diesem Vorgang aktiv Daten verworfen werden, um die Verhältnismäßigkeit auch nur im Ansatz zu wahren.
Nun wissen wir aber alle, dass Datenerhebungen immer Begehrlichkeiten wecken, die einmal eingerichtete Infrastruktur gern mit dem üblichen Vokabular für immer weitergehende Überwachungstätigkeiten nutzen möchten. Das führt direkt zum nächsten Punkt:

3. Wenn der BND etwas haben will, dann kriegt er es auch.

In meinen Augen verstärkt dies die Dramatik der Angelegenheit noch. Einerseits macht es zwar klar, dass das eigentliche Problem überbordende Geheimdienststrukturen sind und nicht die Vielzahl an persönlichen Daten, die wir produzieren. Andererseits muss man sich klarmachen, dass der Zugriff durch Dritte keinesfalls auf die Strichmännchendarstellungen beschränkt ist: Solange wir uns Organisationen leisten, die ganz offiziell Abhörleitungen bei Email- und Internetprovidern liegen haben, müssen wir davon ausgehen, dass diese die zweifellos vorhandenen Superuserzugänge zu den Scannern bekommen, wenn sie es möchten, und dass ein Vertrauen darauf, dass nämliche Geräte ihre Rohdaten ordnungsgemäß nach jedem Durchgang sicher löschen, nur mit Naivität erklärt werden kann.
Wenn Geheimdienstmitarbeiter unbeobachtet private Daten anderer betrachten dürfen, tun sie dies nachweislich auch. Selbst einer der bekanntesten Post-Privacy-Befürworter der Nation, Michael Seemann, bekennt sich spätestens seit Snowden meines Wissens nach dazu, dass in dieser Welt leider nicht jede persönliche Information unproblematisch ist. Das ist eine Welt, in der wir alle gern leben würden, aber das tun wir nicht.

4. Soll mich doch nackt sehen wer will

Das geht zwar von der Debatte um den Begriff weg, aber dennoch: Man muss kein Problem damit haben, nackt fotografiert zu werden. Das sollte man aber nicht verallgemeinern; ich kann mir etwa gut vorstellen, dass nicht nur, aber auch, brustamputierte Krebspatientinnen nicht scharf drauf sind, die unfreiwillige, bildgebende Auskunft über diesen Umstand zur Vorbedingung dafür zu machen, ein Flugzeug betreten zu dürfen. (Implantate, Prothesen oder Imtimschmuck werden von den Scannern gern für gefährliche Gegenstände gehalten und ziehen irritierende Kontrollen nach sich) Auch Prominente sehen das teilweise sicher anders als Mario Sixtus, und ich weiß auch nicht, welches Gefühl mich beschliche, müsste ich Kinder mit durch eine dieser Kontrolle nehmen.

5. Kritik an Nacktscannern ist technikfeindlich

Es gibt sicherlich Heerscharen an Technikfeinden und Fortschrittsverweigerern, die sich gegen Nacktscanner sträuben. Dieser Umstand sollte aber nicht dazu verführen, den Umkehrschluss ziehen und jeden Kritiker der Scanner für ewig gestrig zu erklären. Auch sehr technophile Menschen fühlen sich bei dem Gedanken an diese Scanner nicht wohl. Man kann schon deshalb gegen die Scanner sein, weil sie das Sicherheitstheater um einen anscheinend recht wirkungsarmen Akt bereichern.

Es bleibt zu sagen: Gerade im Vergleich mit dem Wort Nacktscanner ist Körperscanner der Propagandabegriff, der Euphemismus. Für das Gerät, den Scanner, sind die Personen, die er fotografiert, nackt, und dafür ist es egal, was der Angestellte an den Knöpfen davon zu sehen bekommt. Dass die Maschine den Menschen nackt „sieht“, ist die notwendige, dass das Display nur ein Strichmännchen zeigt, die hinreichende Bedingung.
Sprache ist im Idealfall so neutral und so eindeutig wie möglich; technisch neutral wäre der sperrige Ausdruck Terahertzscanner, und in Anbetracht des Vorangegangenen ist festzustellen, dass Körperscanner ein Euphemismus bleibt, der die Kernfunktion des Gerätes verschleiert, nämlich einem Menschen mit durch die Kleidung zu schauen. Bei einer Leibesvisitation hat sich die zu kontrollierende Person zu entkleiden, und niemand käme beim einem solchen Anblick auf die Idee zu sagen „Ich kann Ihren Körper sehen“, man sagt schlicht „Sie sind nackt“.

Wenn da draußen nicht sackweise Geheimdienste, Unternehmen und Einzelpersonen nach Daten mit Schadenspotential für uns suchen, oder, optimistischer formuliert, Daten über uns ungeachtet unserer Zustimmung sammeln, dann hätte ich auch kein Problem damit, dass schon mein Smartphone meinen kompletten Lebenswandel offenbart – bis dahin möchte aber womöglich doch der eine oder andere selbst entscheiden dürfen, vor wem er sich auszieht, und bis dahin bleibt das Wort Körperscanner eine große Verharmlosung, und Nacktscanner ist gerade groß genug, um einer skandalmüden Öffentlichkeit die Problematik solcher Geräte nicht zu verheimlichen.