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Merkel ist nicht unempathisch, sie ist unehrlich

Am Anfang war es nur ein ganz normaler Termin in einer ganz normalen PR-Kampagne der Bundesregierung, in der ihr Zugpferd, Angela Merkel, einmal mehr Plattitüden in Fernsehkameras sagen durfte. Doch am 16.7.2015 eintgleitet die Situation der Kanzlerin plötzlich und ein kleines Mädchen weint vor laufender Kamera.

Die Geschichte ist hinreichend erzählt. In weiten Teilen des Internets ärgert man sich nun, Merkel sei „unempathisch“ mit der kleinen Reem umgegangen. In der Tat: Die tröstenden Worte, die Merkel findet, lauten „Du hast das doch prima gemacht„, dabei sind Selbstzweifel sicher nicht der Grund für die Tränen jungen Libanesin. Das kann man unempathisch nennen. Andererseits muss man sich schon fragen, welchen Trost man selbst hätte spenden können.

Der eigentliche Aufreger hätte aber sein müssen, dass es höchst unaufrichtig von Merkel ist, so zu tun, als habe sie überhaupt nichts mit der Situation zu tun, in der Reem sich befindet.

Wenn es gelingt, Angela Merkel zu zwingen, Position zu beziehen, gerät sie ins schlingern. Die in allen vergangenen Wahlen erfolgreiche Strategie, sich inhaltlich nicht festzulegen, damit auch unbequeme und hässliche Apekte ihrer Politik nicht auf sie abstrahlen, kann nur gebrochen werden, indem man es schafft, die Kanzlerin auf einen ihrer konservativen Werte festzunageln.
Dies gelang gestern erneut.
Die CDU stand 2014 dafür, homosexuelle Paare gegen über heterosexuellen schlechter zu stellen. Merkel wand sich damals sehr, dies öffentlich einzugestehen, und sie steht heute für verschärfte Abschieberegelungen und strengere Asylgesetze – im Angesicht allgegenwärtiger Bilder von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen wie auch weinender Schülerinnen. Die CDU ist stärkste Kraft im Bund und Merkel ist ihre Vorsitzende, und als Bundeskanzlerin trägt sie auch noch höchste Regierungsverantwortung. Wenn es irgend eine Einzelperson in diesem Land gibt, die an den Ursachen für Reems Tränen etwas hätte ändern können, dann sie. Stattdessen laviert sie herum und versucht sich an Verantwortungsdiffusion; Reem wisse ja selbst, dass noch Tausende und Tausende in Flüchltingslagern lebten, und sie entschuldigt sich, Politik sei manchmal hart – dabei hat sie selbst diese Härte (mit-)zu verantworten.

Reem ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration: Perfektes Deutsch, wahrscheinlich hinreichend gute Noten, und niedlich ist sie noch obendrein. Die Debatte sähe sicher anders aus, hätte auf der Bank ein latent straffälliger Jugendlicher aus einem Berliner Ghetto gesessen. Dennoch:
Die Politik, die Angela Merkels CDU bestimmt, erzeugt solche Fälle in nicht zu beziffernder Anzahl. Mit einem von ihnen Angesicht zu Angesicht konfrontiert, ist Merkel im Rahmen ihrer bewährten Teflontaktik gezwungen, so zu tun, als sei sie kein Teil der Strukturen, die Reem mit ihrer Familie jederzeit in ihre Heimat abschieben könnten.

Wäre Merkel ehrlich, hätte sie etwas sagen müssen wie „Wir werden auch weiterhin tausende von Einwanderern wie Dich abschieben. Egal, wie viele Herzen das bricht.“
Oder eben zu versprechen, es in Zukunft nicht mehr zu tun. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Selbstzweck. Weil es menschlich wäre.