Absichtliche Fehleinschätzung führt zur Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet?

Der NDR berichtet über das Gefahrengebiet Sternschanze und zitiert dabei die Hamburger CDU-Fraktion mit den Worten „besser spät als nie“, und die Ausweisung der Sternschanze als Gefahrengebiet sei nicht nur richtig, sondern auch Monate zu spät erfolgt.
Interessant dabei ist vor allem, wie dazu argumentiert und was bereits an Maßnahmen vorab ergriffen wurde, um die Drogenkriminalität, um die es vorgeblich geht, einzudämmen:

„60.000 Euro hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt zur Verfügung gestellt, um den Drogenhandel aus dem Florapark zu verdrängen. Damit wurden die Beleuchtung im Park verbessert und Sträucher geschnitten, um Verstecke zu beseitigen. 15 Beamte waren jeden Tag vor Ort, die Feuerwehr übt in dem Park Einsätze. Doch all das habe den Handel nicht zurückgedrängt, antwortete der Senat auf eine Kleine Anfrage.“

Abgesehen von allen berechtigten Einwänden aus der Ecke derer, die sich um die Bürgerrechte in der Hansestadt sorgen: Es ist kriminologisch überhaupt nichts neues, dass ein Verstärken der Präsenz in einem Gebiet dazu führt, dass die Zahl der ermittelten Delikte steigt.

Mehr Ermittlungen vor Ort führen zwangsläufig zu mehr erfassten Straftaten, die aber keine Steigerung der Kriminalität bedeuten, sondern sie wurden vorher schlicht nur nicht entdeckt. In der Statistik sieht es dann so aus, als stiege die Zahl der Delikte insgesamt und als habe „all das den Handel nicht zurückgedrängt“. Ein Bedrohungszenario wird konstruiert.

Es ist also mitnichten eine Überraschung, dass, wenn im Florapark die Büsche gerodet und mehr Polizisten eingesetzt werden, die Fallzahl in der Gegend steigt. Im Gegenteil, alles andere wäre eine Überraschung gewesen.
Bei der Polizei und im Innenausschuss der CDU weiß man das mit Sicherheit auch, und so ist das Heranziehen solcher Zahlen für eine Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet aus meiner Sicht eine absichtliche Täuschung der Öffentlichkeit.

Über das eigentliche Ziel der Aktion möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

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5 Kommentare

  1. Kai

    Also eigentlich ist es doch so, dass die Sternschanze schon vorher so „gefährlich“ war, dass sie diese Maßnahmen für nötig erachteten und dann festgestellt haben, dass sie noch gefährlicher ist als anfänglich angenommen.
    Es gibt also mehr Delikte als diese weswegen die Maßnahmen (15 Polizisten, Rodung der Büsche etc) veranlasst wurden – ergo ist die Einschätzung der Lage als „noch gefährlicher als vorher“ durchaus angemessen.

    • aarkon

      Allein die Feststellung, es so „noch gefährlicher“ als angenommen, basiert offenbar zum größten Teil auf steigende Fallzahlen. Die ergeben sich aber, wie erwähnt, automatisch aus einer verstärkten Präsenz vor Ort.
      Hör‘ Dir gern mal den verlinkten Podcast an, da spricht ein mittlerweile Master of Science u.a. über genau dieses Thema. 🙂

    • Sebastian

      Die Aussage „noch gefährlicher als vorher“ mag auf den nachträglich erfassten Daten basieren, jedoch ist doch klar, dass das Problembewusstsein vorher auch schon vorhanden war und zu der Erhöhung der Präsens geführt hat. Stimme Kai zu, dass selbst aus der Perspektive der Ausgangslage eine Gefahrengebietsdefinition vorgeschlagen wurde, die dann durch realitätsnähere Zahlen (mehr bzw. bessere Erfassung von Straftaten) nur noch untermauert wurde. Also nicht gefährlicher wurde, sondern nur die Datenlage besser / genauer wurde.

      Jeder der wie ich seit ca. 10 Jahren in der Schanze wohnt, hat wohl mitbekommen das mit der Veränderung der Schanze auch eine stärkere Milieuisierung stattgefunden hat. Hierzu tragen auch Angebotsveränderungen bei, wie z.B. die Umwandlung des 73 in einen Bar-&Clubbetrieb mit Kurlturhausanschluss bei. Wir bewegen uns doch auf eine reine Barmeile mit Konsumanschluss hin statt eine bunte Mischung anzustreben (noch ist diese mehr oder weniger vorhanden, mit abnehmender Tendenz).

      Ich möchte hier keine Lanze gegen die Veränderung brechen, nur muss man negative Veränderungen beheben und Ausgeglichenheit im Quartier für alle Anwohner und Besucher schaffen. Da gehört halt auch dazu, dass Kids im Park spielen können ohne in einer Graswolke zu sitzen…

  2. aarkon

    Die Schädlichkeit einzelner Drogen ist meines Erachtens nach ein anderes Feld, und vor allem, wie sehr ihre Gegenwart Kinder negativ beeinflusst.

    Worum es mir geht, ist, dass die nach außen kommunizierte Begründung für die Ausweisung der Schanze als Gefahrengebiet eine ist, deren Fadenscheinigkeit allen Beteiligten zu jedem Zeitpunkt klar gewesen sein müsste. Indem man Polizisten in den Park schickt, um die Dealer festzunehmen, sorgt man eben nicht für sinkende Fallzahlen. Zu argumentieren, dass man also keine Erfolge habe erzielen können, halte ich für unredlich.

    Im Text rede ich zwar mehr über die CDU, die SPD ist aber natürlich implizit mitgemeint, sie trägt und/oder duldet das Verhalten der Polizei schließlich.

  3. michaela

    Es gibt allerdings Gefahren in der Schanze. Als ehemaliger Anwohner fällt mir als erstes die Gefahr der absoluten Verdrängung ein… sogar unser Haus wurde angezündet, weil Spekulanten auf das Grundstück scharf waren.

    Wer schon immer in der Schanze wohnhaft war, der wusste, worauf er sich einläßt, wenn er Kinder dort großziehen möchte. Wer mit Kinderwunsch dorthinzieht, der kann nicht im Nachhinein erwarten, dass sich die dortigen Um- und Zustände dem lieben Nachwuchs zuliebe plötzlich verändern. Tut man das doch, ist man – in meiner eingeschränkten Perspektive – ein Naivling oder im schlimmsten Fall ein Trottel. Sorry.

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