Lineare Programme in Zeiten von On Demand

Ausgehend von einem Tweet bat mich Faldrian, die darin anklingende These mit einem Blogbeitrag zu unterfüttern. Dies also nun als mein erster Artikel sozusagen „On demand“.

Selbst, wenn man die von Wirrköpfen postulierte digitale Demenz als das abtut was sie ist, nämlich ein Sammelsurium zukunftsfeindlicher und technologiepessimistischer Halbzusammenhänge, nimmt die Zahl derer, die sich an eine Zeit ohne Internet erinnern können, ab. Bevor sie aber null erreicht, möchte ich die Frage stellen: War alles, was es vor dem Internet gab, per se schlechter als all das, was neu dazu kam?
(Keine Bange, das wird keiner dieser „Früher war alles besser!“-Artikel.)

Das Fernsehgerät, das unsere Familie während meiner Kindheit besaß, gehörte schon im meinem Geburtsjahr ’85 zum alten Eisen. Das Gehäuse war aus Sperrholz, es gab keine Fernbedienung und der Tuner empfing nur drei Kanäle. Immerhin: Er hatte eine Farbröhre, einen Kabelanschluss und zum Betrieb benötigte er nur wenige Schaufeln Kohle pro Stunde.
Auf diesem Gerät lernte ich das kennen, was man heute, in Abgenzung zur Wahlfreiheit des Inhaltskonsumenten im Internet, ein „lineares Programm“ nennt: Die Dinge, die der Sender für richtig hält, werden zu einem ebensolchen Zeitpunkt in den Äther geblasen, und der „User“ hat bestenfalls über Beschwerdebriefe Einfluss auf die Programmgestaltung – ein, zum Glück, recht theoretisches Konstrukt. Die Einflussnahme via Beschwerde meine ich, nicht die Programmgestaltung.

Als Kind verbrachte ich gewiss so manchen grauen Tag, den ich auf die Sesamstraße warten musste, mit so äußerst gewinnbringenden Dingen wie Wettstarren mit einer Wand, unter dem Wohnzimmertisch liegen oder dem Gras beim Wachsen zusehen. Viele Jahre meines Lebens musste ich außerdem nach der Sesamstraße ins Bett. Hätte ich damals mein Programm selbst gestalten können, so wäre ich nicht selten schon eine halbe Stunde nach dem Frühstück, dem Kindergarten oder der Schule wieder in die Federn geschickt worden.
Nun, das ist gewiss nicht das Hauptargument für ein lineares Programm.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mit Sicherheit der Nostalgie unverdächtig. Ich fummele lieber zehn Minuten an meinem Frickelsmartphone herum als mir einen Zettel zu schreiben, bewerfe ebenso alle anderen Alltagsprobleme mit Hightech und automatisiere alles, was nicht bereits autonom genug ist, damit es sich dem von selbst entziehen kann.
Und genau wie viele meiner Altersgenossinnen und -genossen bin ich ein großer Fan zeitlich souverän zu konsumierender Formate. Ich kenne nicht viele, die soviele Podcasts hören wie ich und bei denen ein Raspberry Pi als Mediencenter am Fernseher hängt, die eine solche Kenntnis von digitalem Sinn und Blödsinn auf sich vereinen wie ich – ohne dies als Qualität darstellen zu wollen, es gilt allein meiner eigenen Glaubhaftigkeit im Folgenden.

Was ich nämlich nicht teile, ist das generelle Verdammen aller linearen Programme, bei denen also ein Sender die Inhalte und den Zeitpunkt aussucht, die er senden möchte. Speziell geht es natürlich: Ums Fernsehen.

Alles hat wie immer Vor- und Nachteile. Klar dürfte sein, dass auch mir die Geduld fehlt, mich durch ein kaugummihaftes Vorabendprogramm zu quälen, nur um die Tagesschau zu sehen. So gesehen bin ich nicht wenig froh, der Diktatur linearer Programme entkommen zu sein und (fast) jederzeit in Mediatheken und derlei alle möglichen Sendungen abrufen zu können. Auch war ich schon immer begeisterter Nutzer der von den Rundfunkanstalten nicht immer gern gesehenen Versuche, die Linearität von Funk & Fernsehen zu entschleunigen, in Gestalt von bandbasierten Aufzeichnungsgeräten für den Heimgebrauch. Selbst wenn deren Bildqualität sich für den heutigen Betrachter von einem reinen Bildrauschen im Wesentlichen durch das Vorhandensein von Ton unterscheidet, damals war’s geil.

Doch, und jetzt kommen wir zum wahren Kern des fernsehenden Pudels: Die Vergleichbarkeit ist eingeschränkt. Fernsehen und Internet sind einfach nicht das Gleiche, auch wenn das der Telekom nicht schmeckt.
Jeder, der das Wort „Buzzword“ kennt, kennt auch die Wörter „Lean-forward-“ und „Lean-back-Medium“. Bei der Klickerei durch Youtube, Mediatheken, beim regulären Konsum von Podcasts aller Art ist ein größeres Maß von Initiative und Zielstrebigkeit seitens des Nutzers vonnöten, als beim Einschalten von Radio oder Fernsehen. Wer sich vor den Rechner schwingt, um sich aktiv auf die Suche nach Unterhaltung zu machen, sucht etwas anderes als der, der sich das Angebot in Fernsehen, Radio & Co anschaut.
Aber wer kennt das nicht? Das Angebot von Videos, Musikstücken und weißnichtwas im Netz und auf der eigenen Festplatte ist so erdrückend groß, dass man sich kaum für eines entscheiden mag und lieber den Zufall aussuchen lässt. So wird das Vorwärtslehnen zum Zurücklehnen.
Eine so klare Linie zum Genuss eines Fernsehprogrammes möchte ich hier nicht ziehen.

Einen Sonderfall nehmen wohl die Serien ein, anhand derer sich etwas schön zeigen lässt.. Fernsehmacher kaufen sie ein oder produzieren sie, um ein Publikum über eine gewisse Zeit an ihren Sender zu binden, und Käufer kaufen bzw. Sauger saugen Serien, um sich genau davon zu befreien. Und doch: Ohne lineare Programme gäbe es die meisten davon nicht, da ein Sender eher über die derzeit aufgewendeten finanziellen Reserven verfügt als eine Produktionsfirma, die direkt auf DVD/BluRay veröffentlicht. Außerdem fehlt hier ganz klar der Multiplikator für Bekanntheit, nämlich das Auftauchen einer Serie in einem Programm, dessen Inhalt der Nutzer nicht bestimmen kann und er so gezwungen ist, sich auf Neues einzulassen.
Es ist in meinen Augen kein Zufall, dass fast all die hierzulande zurecht gefeierten Serien wie Sons of Anarchy, Homeland, Dr House, Scrubs, Game of Thrones und wie sie nicht alle heißen, samt und sonders durch Fernsehsender produziert und finanziert wurden und werden.
Soviel zur Relevanz von Rundfunkanstalten dieser Tage.

Als unbestritten darf dennoch gelten, dass das Fernsehprogramm im Zeitalter von Scripted Reality ein größeres Müllproblem hat als Neapel in seinen schlimmsten Tagen. Doch das trifft ebenso auf das Internet zu, und zwar in zunehmendem Maße. Unken darf man natürlich, dass daran das Fernsehen mit seinem Drängen zu eigenen Plattformen einen nicht unwesentlichen Anteil hat. Allen voran stehen auch hier die zerebralen Umweltverschmutzer vom Privatfernsehen, die außer Film- und Serieneinkäufen (s.o.) so gut wie keine Daseinsberechtigung haben.
Doch in einem linearen Programm läuft eben nicht nur mit zusammengenagelter Unrat: Wer schon einmal die heute-show gesehen hat oder Neues aus der Anstalt, der dürfte bei Mario Barth bestenfalls noch müde lächeln. Auch die meisten gut gemachten Dokumentationen und Reportagen sind fürs Fernsehen gemacht worden und werden auch dort erst- und seltenst für On Demand zweitverwertet. Nachrichten kann man zwar im Netz wunderbar abrufen, man kann sie aber auch genausogut umgehen – was aber insbesondere aufs Radio auf keinen Fall zutrifft.

Dass sich im Netz jeder sein Programm selbst zusammenstellen kann, ist also nicht für jeden ein Vorteil. Zumindest solange man als Ideal einen halbwegs mündigen Bürger voraussetzt, dem man nicht am liebsten das Wahlrecht entziehen würde, weil er Uli Hoeneß für den Häupting von Bayern hält.

Ebenso ist so eine Teilnahme an einem von anderen zusammengestellten Programm natürlich ein exzellenter Weg aus der eigenen Filterblase.
Viele exzellente Formate hätte ich nie entdeckt, hätte ich nicht spät abends noch einmal aus Verdacht ein paar Sender abgezappt. Und auch das letzte klassische Konzert hätte ich wohl kaum gesehen, hätte ich mir die Dokumentation via Youtube angetan anstatt auf 3sat, wo die Aufzeichnung direkt im Anschluss lief.
Mit anderen Worten: Die Gefahr, den eigenen Horizont zu verengen, ist im Internet wahrscheinlich größer als in den klassischen Telemedien.
Auch wird kaum jemand bestreiten können, dass im einem vorgegebenen Programm sperrige Inhalte viel eher auf Zuschauer stoßen, als wenn direkt neben dem Interview mit einem Afghanistankenner die großbrüstige Moderatorin eines Wasserrutschentests von einem animierten Button aus winkt.
Wer sich auf die Gestaltung eines Programmes durch andere einlässt, kann damit eben auch sehr viele Kleinodien finden. Und abschalten kann man schließlich immer.

Ich möchte hier gar nicht abschließend bewerten, ob die eine Programmform der anderen überlegen ist. Im Gegenteil, ich äußerte mich ja bereits eingangs dahingehend, dass ich beide für schwer vergleichbar halte. Ich glaube aber, man tut sich keinen Gefallen, z.B. das Fernsehen insbesondere öffentlich rechtlicher Natur mit dem Argument der Passivität als hohle Berieselung abzutun. Und ein Bedürfnis nach mehr oder weniger passiven Angeboten besteht offenbar auch in unseren On-Demand-Zeiten und im Netz: Spotify als bekanntestes Beispiel, für die Podcastfans www.reliveradio.de, sowie tausende von Internetradiosendern mit und ohne Bild sprechen da meiner Meinung nach eine recht eindeutige Sprache.

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Ein Kommentar

  1. Faldrian

    Deine These ist, dass klassische Fernsehsender benötigt werden um Serien zu produzieren, da sie die entsprechenden finanziellen Mittel haben und die Reichweite, damit sich die Produktion lohnt. Das mag aktuell der Fall sein.
    Solange es genug Leute gibt, die dann deren Sender gucken, so dass die Rechnung aufgeht – um so besser.

    Aber ich kann mir auch vorstellen, dass ein Streamingportal, das Video-On-Demand für eine Serie anbietet, die nie im Fernsehen lief, funktionieren kann. Marketing könnte man mit großen Youtubern und Bloggern machen, die zusammen ebenso viel Reichweite haben wie Fernsehsender – besser noch: Sie haben viel Reichweite bei den Leuten, die auch Video-Streaming gucken bzw. gucken würden.

    Ich denke man muss das, was die Fernsehanstalten tun unabhängig vom Produzierten Gesamtwerk sehen. Ich will mir kein lineares Live-Programm angucken. Wenn die Inhalte für das Programm produzieren ist das okay – aber ich schaue mir das nicht in der Erstverwertung im Fernsehen an, sondern dann On-Demand, wann ich gerne möchte. Mitbekommen, dass es das gibt, tue ich über Diaspora, Twitter und Blogs, über Freunde und Gespräche mit Leuten.

    Fernsehsendungen, die gut moderiert, ähnlich einem Podcast, sich eines Themas annehmen und mit schlauen Gästen so etwas diskutieren finde ich auch wieder okay. Da im Fernsehen aber für die Einschaltquote produziert wird und man niemanden abhängen will, kommt der Anspruch meist zu kurz und damit sind solche Formate auch mittlerweile besser auf Youtube oder eben im Internet aufgehoben, wo man gezielt die Nische erreicht, die genau darauf steht. Wenn ich eine Doku schaue und zum dritten Mal das gleiche erzählt wird, weil ja Zuschauer erst nach der Hälfte eingeschaltet haben könnten, schalte ich wieder aus.

    Wo ich dir uneingeschränkt Recht geben muss ist der Zufalls-Faktor beim Entdecken von Inhalten, wenn man ein kuratiertes Programm sieht. Das betont Holgi auch oft, wenn er meint, dass das beim Radio für ihn das ist, was er mag.
    Ich glaube aber, das kann man ebenso im Internet haben, wenn man einfach mal ein wenig breiter schaut und auch mal Blogs und News-Portale liest, die nicht nur Tech-Themen abdecken. Serien / Film – Podcasts gibt es auch, da kann man sich auch die eine oder andere Inspiration holen (und sowas würde ich mir eher anhören, als Fernsehen zu gucken… sag ich nicht aus trotz, ist wirklich so).

    Ich finde es eben spannend, die Pluspunkte der Medienkonsumformen herauszuarbeiten und zu schauen, wie wir mit den Mitteln, die wir mittlerweile haben, einen guten Mix zusammenkriegen. So dass ich sowohl von einer kuratierten Auswahl zum Neuentdecken profitieren kann, aber auch entscheiden kann, wann ich gerne was hätte. Das geht in die Richtung, dass es einen Topf voll redaktionell ausgewählten Videos (beispielsweise) gibt, der wöchentlich neu zusammengestellt wird und damit einem eine gute Chance gibt, neues zu entdecken, aber immernoch zu entscheiden, wann man das gerne schauen will und schon anhand der Metadaten zu sehen, wenn es einem wirklich gar nicht zusagt.

    Nochmal Danke für den Artikel. 🙂

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