Hitze

Da dieses Jahr sich offensichtlich entschließt, doch noch so etwas wie einen Sommer stattfinden zu lassen, hier mal die Wiedervorlage eines heute etwa zwei Jahre alten Textes von mir, versehen mit einigen Anpassungen an die heutige Zeit.

0 Grad
Das Eis auf den Seen fängt an zu tauen.
Draußen ist es ungemütlich.
Deutschlandweit wollen Freundinnen kuscheln.

4 Grad
Wasser mit dieser Temperatur hat die höchste Dichte.
Man kann wieder Fahrrad fahren, wenn man wetterfest ist.

8 Grad
Die Temperatur der meisten Kühlschränke.
In Ermangelung von Nachtfrost können die meisten Getränke wieder gefahrlos auf dem Balkon gelagert werden.

10 Grad
Die erste zweistellige Zahl auf dem Thermometer, für Männer ein Anlass zum Angrillen, für ihre Freundinnen zum Kuscheln.

12 Grad
Die Wetteransagerin lächelt, wenn sie für den morgigen Februartag eine solche Temperatur verkünden darf.
Ich ziehe zuhause mittlerweile keinen Pullover mehr an.

14 Grad
Männer laden sich den Unmut ihrer Freundinnen und Frauen auf, indem sie den Gedanken äußern, die Heizung langsam abzustellen.
Frauen wollen immer noch kuscheln.

16 Grad
Ich werde unvernünftig genug, bei kurzen Besorgungen außer Haus keine Jacke mehr zu tragen. Die Grüntöne in der Natur sind nun nicht mehr zu leugnen.

18 Grad
Ich fahre ohne Jacke zur Arbeit. Man kann nachts das Fenster auflassen.
Dann wird aber gekuschelt.
Die Heizung ist aus.

20 Grad
Eine magische Grenze, die kurzen Hosen liegen im Schrank plötzlich oben.
Menschen wollen beim Restaurantbesuch auf einmal draußen sitzen.
Die Biergärten füllen sich.

22 Grad
Die Wiesen in den Parks füllen sich mit Grills und ihren Menschen. Kinder dürfen bis nach 18 Uhr noch Fußball spielen.
In den Supermärkten findet man allmählich Sonnencremes.

24 Grad
Die Freibäder machen Umsatz, die ersten Mutigen baden an der deutschen Nordseeküste. Die Frauen unter ihnen wollen hinterher aber kuscheln.

26 Grad
Die Winterdecke verschwindet im Bettkasten. Deutschlandweit tragen Frauen jetzt ärmellose Oberteile.

28 Grad
Es geht in Richtung der 30, die ersten Warnungen werden ausgesprochen, viel zu trinken. Den Deutschen tun ihre Obdachlosen leid. Ventilatorenhersteller machen gute Umsätze.

29 Grad
Ich schwitze beim Mittagessen, die Wetterkarte im Ersten wird rot und ich finde es gerade ganz gut, nicht in Dubai zu leben.

30 Grad
Die Grenze, ab der keine Freundin mehr kuscheln will. Nachts streckt man alle Viere von sich.

31 Grad
Wir schlafen nachts jetzt ohne Decke. Das Planschbecken wird aufgeblasen und gefüllt.

32 Grad
Ich schwitze beim Frühstück und mache mir Gedanken, ob mein Rechner die Temperatur aushält. Die Medien benutzen das Wort „Hitzewelle“.

33 Grad
Die Menschen wollen im Restaurant plötzlich wieder drinnen sitzen. Mir tun die Dönermänner leid. Mein Ventilator wird nicht mehr unter der höchsten einstellbaren Stufe betrieben.

34 Grad
Die Obdachlosen auf der Reeperbahn trinken Alsterwasser statt Bier. Eisdielen werden zu Global Playern.

35 Grad
Es gibt schon länger keine ernsthafte Alternative mehr zu kurzen Hosen, außer noch kürzere Hosen. Ich schalte den Rechner aus Angst vor Hitzeschaden nur noch Nachts ein. Mir fällt auf, wie warm der Fernseher im Betrieb wird.
Gummibärchen werden zu Kühlschrankbewohnern.

36 Grad
Ich schwitze beim Atmen. Mittlerweile eigentlich ein Grund, es zu lassen. Mittags wird der Asphalt der Hauptverkehrsstraßen weich.
Wer jetzt seinen Fußball im Freien vergisst, der findet wenig später nur noch ein grob verformtes Kunststoff-Ei wieder.

37 Grad
Körpertemperatur. Ab jetzt wäre es klug, sich dick einzupacken. Kann mich dazu aber nicht durchringen. Sport zu treiben ist unmöglich. Alle wichtigen Aktivitäten werden in die Nacht verlegt.
Italiener fahren jetzt im Urlaub nach Deutschland, nicht länger andersrum.

38 Grad
Griechenland überweist uns einen Teil seiner Staatsschulden zusammen einer Mitleidsbekundung bezüglich unseres Wetters. Heißgetränke können im Freien jetzt ohne Hilfsmittel zubereitet werden. Sprühdosen müssen im Kühlschrank aufbewahrt werden, da sie sonst zu explodieren drohen.

39 Grad
Das Wetter hat Fieber. Marcel Reich Ranicki versteckt sich unter seinen eigenen Ohren. Die Löwen in den deutschen Zoos gründen Betriebsräte.

40 Grad
Die Deutschen ziehen in ihre eigenen Tiefgaragen und Keller. Ghana schließt seine Botschaft in Deutschland. Ich fahre ohne Kleidung zur Arbeit. Meine Freundin beginnt eine Affäre mit dem Kühlschrank.

41 Grad
Kachelmann wird öffentlich um Verzeihung gebeten. Auf deutschen Straßen finden öffentliche Aufgüsse statt. Seen trocknen aus, die Waldbrandgefahr ist alarmierend hoch, und die Feuerwehr hat ihr eigenes Löschwasser mittlerweile getrunken.

42 Grad
Ich schwitze beim Zwinkern. Mein Rechner fährt auch nachts nicht mehr hoch. Die Polkappen schmelzen.

43 Grad
Ozzy Osbourne besteht seine Führerscheinprüfung, weil ihn keine holländischen LKWs mehr bedrängen. Die norddeutschen Deiche halten. Niemand kann mehr schlafen.

44 Grad
Die Deiche gründen Betriebsräte. Kinder dürfen nur noch nach 18 Uhr aus dem Haus. Menschen verlassen ihre Keller immer seltener. Das Lied „Sonne“ von Rammstein kommt auf den Index. Die pulsierende Hafenstadt Osnabrück nimmt von Holländern Eintritt.

45 Grad
Fast ganz Baden-Württemberg und weite Teile Bayerns werden von einer Schlammlawine aus den Alpen überrollt. Der deutsche Wald ist faktisch tot. Die Zündmittelindustrie schreit auf, als sämtliche Feuerzeuge und Zündhölzer bundesweit verboten werden.

46 Grad
Die Bauern, die sich am lautesten über ihre verdorrte Ernte beschwert hatten, verdursten als erste. Schokolade wird mittlerweile in Tuben verkauft, Butter in Flaschen.
Der erste deutsche Tequila-Jahrgang wird angekündigt.

47 Grad
Private Betreiber von Solarzellen erhalten ihre ersten Rückzahlungen von den Stromkonzernen. Eine Woche später sind zwei der größten Netzbetreiber pleite.
Tabak ist jetzt Deutschlands häufigste Nutzpflanze.

48 Grad
Mein Fernseher schmilzt.

49 Grad
Kachelmann flieht aus Angst vor Lynchjustiz, eine bundesweite Tagesausgangssperre wird verhängt, Wasser ist erstmalig teurer als Benzin. Die Tankstellen stellen eine nach der anderen ihr Angebot um.
Ich lasse mich zur Arbeit fahren.

50 Grad
Eiweiß denaturiert, ein Großteil von Flora und Fauna geht ein.

Und die Ölmultis räumen ein, dass doch was dran sein könnte am Klimawandel.

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